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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Kriegslobbyist des Tages: Johannes Kahrs

Von Oliver Rast
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Rückzieher des Strippenziehers: Ein Posten in der deutschen Rüstungsindustrie dürfte längst freigeworden sein (Berlin, 27.11.2019)

Was macht man, wenn man eingeschnappt ist? Klar: Man schmeißt hin. Wie Johannes Kahrs. Der Vorsprecher der Kurt-Schumacher-Jünger des »Seeheimer Kreises« kündigte am Dienstag seinen sofortigen Komplettrückzug an – aus dem Bundestag und von allen Politämtern. Bums.

Der Grund: Sein Lieblingsposten, das vakante Amt des Wehrbeauftragten, also der Kummerkasten für deutsche Militärangehörige, soll seine Fraktionskollegin Eva Högl einnehmen. Die Innenpolitikerin fiel bislang nicht gerade als »Expertin« für Wehrpolitik auf. Das macht im parlamentarischen Spielbetrieb bekanntlich gar nichts.

Seitens der SPD-Fraktionsführung hieß es, Kahrs hätte bei der Neubesetzung am heutigen Donnerstag keine Bundestagsmehrheit erhalten. Zu viele Gegenstimmen wären aus den Reihen der Union gekommen. Reine Mutmaßung, mehr nicht.

Kahrs ist vielmehr einem taktischen Manöver seiner Fraktionsspitze zum Opfer gefallen. Und das ist recht durchschaubar. Högl wurde bislang bei der Vergabe von Ministersesseln geflissentlich übersehen, bekommt nun die halbrepräsentative Anstellung als Wehrbeauftragte. Ein Bundestagsstuhl muss neu besetzt werden. Michael Müller, der schmallippige Regierende Berlins, dürfte nachrücken. Und dann ist der Weg frei; frei für Nochbundesfamilienministerin Franziska Giffey als Müllers Nachfolgerin. Wetten?

Für Oberst d. R. Kahrs sind vermutlich längst Rettungsschirme gespannt. Den Wink gab er selbst, außerhalb der Politik wolle er sich nun »verändern«. Als Dauerberichterstatter für das Verteidigungsministerium im Haushaltsausschuss des Bundestags ist er prädestiniert: für Rheinmetall, für Krauss-Maffei Wegmann. Kahrs wird zwei, drei Tage zum Wundenlecken brauchen – und wenige Augenblicke später in offizieller Funktion an der Lobbyfront deutscher Kriegskonzerne auftreten. Wetten?

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