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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 5 / Inland
Serie

Plan gegen Pandemie

Der Kampf um das Gesundheitswesen. Teil 10 und Schluss: Von China lernen. Boom im Krankenhausbau statt Kürzungswahn
Von Marc Püschel
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Eine Krankenschwester betreut ein an Covid-19 erkranktes Neugeborenes (Wuhan, 16.3.2020)

Mit der Coronapandemie treten die Folgen ungebremsten Profitstrebens offen zutage: Klinikprivatisierungen, Fallpauschalen, Personal- und Bettenmangel – der neoliberale Raubzug hat das öffentliche Gesundheitssystem zerstört. Diese zehnteilige jW-Serie zeigt Profiteure, Widerstand gegen Kürzungswahn und gesellschaftliche Alternativen. (jW)

China hat die Covid-19-Epidemie derart schnell in den Griff bekommen, dass im Westen größtenteils Ungläubigkeit darüber herrscht – dabei reicht ein vorurteilsfreier Blick auf die Volksrepublik, um den Erfolg zu erklären.

Das chinesische Gesundheitswesen hat drei große Phasen durchlaufen. Die erste unter Mao Zedong war durch den raschen Aufbau einer ländlichen Versorgung durch mehr als 200.000 rudimentär ausgebildete »Barfußärzte« gekennzeichnet. Bereits damit konnte in dem von Welt- und Bürgerkrieg versehrten Land die durchschnittliche Lebenserwartung von 44 (1949) auf 66 Jahre (1980) gesteigert werden. In einer zweiten Phase wurden unter Deng Xiaoping ausländische Expertise und Forscher ins Land geholt und Krankenhäuser in Form von »Public Private Partnerships« errichtet, in denen der Staat die letzte Verfügungsgewalt beibehielt. Mittlerweile ist China selbst zum Innovator geworden, was nicht nur die Spitzenposition bei den Patentanmeldungen und der erste chinesische Nobelpreis für Medizin 2015, sondern auch die Entwicklung des weltweit ersten Testimpfstoffs gegen SARS-CoV-2 durch die Virologin Chen Wei beweist.

Die dritte Phase begann als Reaktion auf die durch die Privatisierungspolitik entstandenen Mängel und die SARS-Epidemie 2002/2003. Seither investiert Beijing in einem historisch einmaligen Ausmaß in den Aufbau einer medizinischen Grundversorgung für alle. Die staatlichen Ausgaben für den Gesundheitssektor wurden seit 2003 um das 14fache gesteigert. Erstmals wurde eine Reihe von Krankenversicherungen für die Bevölkerung geschaffen, die zwar teils auf freiwilliger Basis, aber mit jährlichen Beiträgen von umgerechnet 20 bis 220 Euro im Jahr so günstig sind, dass die Bevölkerung in China bereits 2014 zu 95 Prozent versichert war. Speziell für Lungenkrankheiten wurde ein Frühwarnsystem etabliert, das im Falle von Covid-19 Alarm schlug, als es lediglich 27 Patienten mit atypischen Lungenentzündungen gab.

Im Rahmen des im Oktober 2009 verabschiedeten Programms »Healthy China 2020« wurde die medizinische Ausbildung enorm gefördert, was zu einem Anstieg der Ärzte pro 1.000 Einwohner von 1,75 (2009) auf 2,59 (2018) führte. Die Zahl zugelassener Pfleger und Pflegerinnen konnte innerhalb desselben Zeitraums mehr als verdoppelt werden, von 1,39 auf 2,94 pro 1.000 Einwohner. Dank dieser Maßnahmen betrug die alle fünf Jahre erhobene Lebenserwartung 2015 schon 76,34 Jahre.

Und während im Westen Kliniken kaputtgespart werden, setzte unter Xi Jinping ein beispielloser Boom im Krankenhausbau ein. So gab es 2013 24.709 Krankenhäuser, im bisher letzten statistisch ausgewiesenen Jahr 2018 bereits 33.009 – ein Anstieg von rund 34 Prozent in fünf Jahren! Die dadurch erworbene Erfahrung der staatlichen Bauunternehmen führte dazu, dass Ende Januar in Wuhan innerhalb von nur acht Tagen das Krankenhaus »Huoshenshan« mit über 1.000 Betten errichtet werden konnte. Insgesamt wurden in der Stadt 12.000 Menschen in provisorisch gebauten Kliniken untergebracht. Die staatliche Planwirtschaft schuf außerdem mit einer Preisregulation für alle wichtigen Güter, der Sicherstellung der Lebensmittelversorgung und der kostenlosen gesundheitlichen Versorgung für alle Betroffenen in Quarantäne die Rahmenbedingungen für die Eindämmung des Virus.

Aber nicht nur zentralstaatliche Maßnahmen, sondern auch die Aktivitäten der lokalen Nachbarschaftskomitees waren ausschlaggebend. Es waren diese von Basisfunktionären der Kommunistischen Partei angeführten Komitees, die von Haus zu Haus gingen, um kranke Menschen zu finden sowie Essen und Medikamente zu verteilen. Bis zum 9. Februar konnten dadurch in einem gewaltigen kollektiven Kraftakt knapp 99 Prozent der Bevölkerung in Wuhan getestet werden. Dabei starben bis Anfang März 53 dieser mutigen Aktivisten selbst an Covid-19, 49 davon Mitglieder der KP.

All dies wäre ohne einen entsprechenden politischen Willen nicht möglich gewesen. In China hat es nie eine Diskussion darüber gegeben, alte Menschen zu opfern oder die Interessen des Kapitals zu berücksichtigen. Weder die Absage der Feierlichkeiten zum chinesischen Neujahr noch die Abriegelung von 60 Millionen Menschen wurde gescheut: Maßnahmen, die in dem medizinischen Fachjournal The Lancet hoch gelobt wurden.

Und während im Westen jedes Land, sogar jeder Landkreis für sich kämpfen muss, sandte die chinesische Regierung mehr als 42.000 Ärzte, Pfleger und anderes Personal in die Provinz Hubei. Zu Recht kommentierte die chinesische Global Times am 15. März dazu: »Dem politischen System des Westens gehen Fähigkeiten des Mobilisierens in einer solchen Größenordnung ab. Unter dem westlichen Regierungssystem kann Chinas Weg, das Virus zu bekämpfen, nicht kopiert werden.« Dies mögen schlechte Nachrichten für uns als potentielle Opfer der gegenwärtigen Pandemie sein. Es heißt aber auch: Unser Kampf ums Ganze, für ein sozialistisches System, ist ebenso notwendig wie gerechtfertigt.

Die komplette Serie online: ­jungewelt.de/amlimit

In der Serie Pflege am Limit:

Klinikprivatisierungen, Fallpauschalen, Personal- und Bettenmangel – der neoliberale Raubzug hat das öffentliche Gesundheitssystem zerstört. Diese jW-Serie zeigt Profiteure, Widerstand gegen Kürzungswahn und gesellschaftliche Alternativen.

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