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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 4 / Inland
Mord an Walter Lübcke

Nebenjob Waffendealer

Mutmaßlicher Lübcke-Mörder soll Kollegen in Kassel Schusswaffen verkauft haben
Von Claudia Wangerin
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Stephan E. auf dem Weg zum Gericht in Karlsruhe (2.7.2019)

Der wegen Mordes an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und einem weiteren Mordversuch angeklagte Neonazi Stephan Ernst hat vermutlich illegal mit Pistolen und Gewehren gehandelt. Das ging bereits aus seinem ersten, inzwischen widerrufenen Geständnis im Juni 2019 hervor. Nach Recherchen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) verfolgten die Ermittler die Spur im Kollegenkreis des Verdächtigen weiter.

Die Staatsanwaltschaft Kassel hat demnach gegen einen Arbeitskollegen von Ernst einen Strafbefehl in Höhe von 3.000 Euro wegen unerlaubten Waffen- und Munitionsbesitzes erwirkt. Der bisher behördlich nicht aufgefallene Timo A. habe laut Staatsanwaltschaft seit 2016 einen mutmaßlich von Ernst erworbenen »funktionsfähigen schwarzen Revolver« vom Typ »Smith & Wesson« und dazugehörige Munition besessen, berichtete der Sender am 30. April.

Ernst soll in seinem umfangreichen ersten Geständnis sowohl den Waffenverkauf an A. als auch dessen »ähnliche politische Ansichten« erwähnt haben. In einem Gespräch habe A. sich verächtlich über Walter Lübcke geäußert. Laut NDR bestritt der Anwalt von A. jedoch gegenüber dem Sender, dass sein Mandant eine extrem rechte Gesinnung habe.

Einem weiteren Arbeitskollegen aus der Technikfirma Hübner in Kassel soll Ernst gleich mehrere Waffen verkauft haben. Bei einer Wohnungsdurchsuchung bei dem 48jährigen Jens L. im Juni 2019 hätten die Beamten acht Lang- und Kurzwaffen und Devotionalien aus der Nazizeit gefunden. In seiner neuen Aussage von Anfang Februar soll Ernst erwähnt haben, dass Jens L. nach dem Mordanschlag auf Lübcke beim Vergraben der Tatwaffe auf dem Firmengelände Schmiere gestanden habe – was der jedoch bestreitet.

Walter Lübcke war im Herbst 2015 zum Hassobjekt der rechten Szene geworden, weil er auf einer Bürgerversammlung die Aufnahme von Geflüchteten mit dem Verweis auf christliche Werte verteidigt hatte. Ernst und sein heutiger Mitangeklagter Markus Hartmann, dem Beihilfe zum Mord vorgeworfen wird, waren während des damaligen Tumults im Saal gewesen und hatten sich anschließend nach Überzeugung der Ermittler gegenseitig in ihrem Hass bestärkt.

In seinem zweiten »Geständnis« versuchte Ernst, Hartmann die Tat anzuhängen und sie zugleich herunterzuspielen: Beide hätten Lübcke aufgesucht, um ihn zu konfrontieren und ihm zu drohen. Der Schuss habe sich dann versehentlich gelöst, als Hartmann die Pistole in der Hand gehabt habe. Glaubhaft ist das aus Ermittlersicht nicht: In einem Beschluss des Karlsruher Bundesgerichtshofs (BGH) zur Fortdauer der Untersuchungshaft heißt es, das frühere Geständnis von Ernst, in dem er sich selbst als Todesschützen genannt hatte, füge sich »in die Spurenlage am Tatort ein«. Es sei »nach wie vor hochwahrscheinlich«, dass Ernst selbst geschossen habe, heißt es in dem Anfang März veröffentlichten Beschluss.

Aus der Ende April bekanntgewordenen Anklageschrift geht laut einem Spiegel-Bericht hervor, dass der 46-jährige von einem Sachverständigen begutachtet wurde, der ihn für voll schuldfähig hält. Neben dem Mord an Lübcke und Verstößen gegen das Waffengesetz wird Ernst der Mordversuch an dem Asylsuchenden Ahmad E. vorgeworfen. Er habe sich dem irakischen Staatsbürger am Abend des 6. Januar 2016 von hinten mit dem Fahrrad genähert und ihm mit einem Messer in den Rücken gestochen. Der Geschädigte musste auf der Intensivstation im Krankenhaus behandelt werden.

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