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Aus: Ausgabe vom 06.05.2020, Seite 5 / Ausland
Serie

»Grazie, Cuba!«

Pflege am Limit. Der Kampf um das Gesundheitswesen. Teil 9: Kubas Versorgungswesen ist eine Alternative – und gerade heute von unschätzbarem Wert für die Menschheit
Von André Scheer
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Internationale Solidarität ganz praktisch: Kubanische Ärzte auf dem Weg nach Italien (Havanna, 21.3.20)

Mit der Coronapandemie treten die Folgen ungebremsten Profitstrebens offen zutage: Klinikprivatisierungen, Fallpauschalen, Personal- und Bettenmangel – der neoliberale Raubzug hat das öffentliche Gesundheitssystem zerstört. Diese zehnteilige jW-Serie zeigt Profiteure, Widerstand gegen Kürzungswahn und gesellschaftliche Alternativen. (jW)

Anfang vergangenen Jahres erschien in der New York Times ein Artikel unter der Überschrift »Was wir von Kubas Gesundheitssystem lernen können«. In dem Beitrag konstatiert Nicholas Kristof am Beispiel einer damals 29jährigen Kubanerin, dass deren Baby »größere Chancen zum Überleben hat, als wenn es in den Vereinigten Staaten geboren worden wäre«. Kuba sei »ein armes Land mit einem Unterdrückerregime und einer dysfunktionalen Wirtschaft«, aber die Kindersterblichkeit liege auf der Insel bei 4,0 auf 1.000 Lebendgeburten, in den USA bei 5,9 – »mit anderen Worten hat nach den offiziellen Statistiken ein US-Baby eine um fast 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit zu sterben als ein kubanisches«.

Zwar zweifelt das Blatt die offiziellen Statistiken an, zitiert aber den Begründer der Hilfsorganisation »Partners in Health«, Paul Farmer: »Kubas Familien werden von Krankheiten oder katastrophalen Verletzungen nicht in den finanziellen Ruin getrieben, wie es an anderen Orten der Region häufig passiert«. Der Grund dafür ist das Gesellschaftssystem auf der Insel, wie Präsident Miguel Díaz-Canel am 16. April bekräftigte, als sich zum 59. Mal die US-Invasion in der Schweinebucht und die Proklamation des sozialistischen Charakters der Kubanischen Revolution durch Fidel Castro jährte.

Ein Beispiel dafür ist, dass Kuba bei Katastrophen und Epidemien regelmäßig zu den ersten Staaten gehört, die die entsprechenden Regionen unterstützen. Das war während der Ebolaepidemie in Afrika der Fall, und das ist so bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie. Schon Anfang April meldete die US-Nachrichtenagentur Associated Press, dass Hunderte Ärztinnen und Ärzte aus Kuba den von diesen Coronavirusinfektionen besonders betroffenen Gebieten bzw. Ländern zu Hilfe geeilt seien – darunter der italienischen Lombardei und Andorra. Dessen Außenministerin María Ubach wies Kritik Washingtons am Einsatz der Kubaner zurück: »Wir sind ein souveränes Land und können selbst die Partner wählen, mit denen wir zusammenarbeiten«. Und Italiens Außenminister Luigi Di Maio veröffentlichte Mitte April ein Foto, das die Ankunft eines zweiten Kontingents kubanischer Medizinerinnen und Mediziner in Turin zeigt. Sein Kommentar: »Danke, Kuba!«

In Kuba sind seit 1983 Familienarztpraxen eine wichtige Säule des Gesundheitssystems. Die Einrichtungen befinden sich mitten in den Vierteln, deren Einwohner sie betreuen. Alle Nachbarn wissen, an wen sie sich wenden können, wenn es irgendwo weh tut – und die Ärztinnen und Ärzte selbst sind so sehr Teil der Gemeinschaft, dass es ihnen auffällt, wenn sie jemanden länger nicht gesehen haben.

Das ist gerade in der aktuellen Krise von unschätzbarem Wert, denn immer wieder sind es die Familienärzte, die Fälle entdecken, bei denen der Verdacht einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus besteht. Nach Geld wird in solchen Fällen nicht gefragt. Das war schon in den 1990er Jahren nicht anders. Davon konnte sich der Autor bei einer Solidaritätsbrigade auf der Insel selbst überzeugen: Damals hatte sich einer unserer älteren Brigadisten wohl übernommen und war zusammengebrochen. Er wurde umgehend ins Krankenhaus der Hafenstadt Matanzas gebracht, wo er auf einer Station zur Intensivbeobachtung lag. Selbst nachts waren dort mindestens zwei Schwestern präsent, um im Bedarfsfall sofort reagieren zu können.

Als es ihm besser ging, bat er mich um Hilfe bei der Übersetzung: Er hätte gerne eine Rechnung, um sie zu Hause bei der Krankenkasse einzureichen und Kuba die entstandenen Kosten zu erstatten. Es gelang mir nicht, dem medizinischen Personal klarzumachen, was wir wollten. Den Ärztinnen und Schwestern war es einfach unbegreiflich, eine Rechnung für ihre Arbeit ausstellen zu sollen. Ich habe nie die Frage vergessen, die mir eine Ärztin damals stellte: »Welchen Preis soll denn ein Menschenleben haben?«

Inzwischen hat auch Kuba dazulernen müssen. Von ausländischen Besuchern wird inzwischen verlangt, eine Krankenversicherung nachweisen zu können. Zumindest kann die Insel so die materiellen Kosten für die Behandlung geltend machen – und die sind oft höher als anderswo, weil der Erwerb medizinischer Geräte und anderer Materialien durch die von den USA seit Jahrzehnten verhängten Blockaden erschwert und damit verteuert wird. Trotzdem machen die Summen, die am Ende auf den Rechnungen der ausländischen Patienten auftauchen, meist nur ein Bruchteil dessen aus, was in den jeweiligen Heimatländern verlangt werden würde. Solidarität ist eben ein Wert, der sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt.

Lesen Sie morgen Teil 10 (Schluss): »Von China lernen« von Marc Püschel

Die komplette Serie online: jungewelt.de/amlimit

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In der Serie Pflege am Limit:

Klinikprivatisierungen, Fallpauschalen, Personal- und Bettenmangel – der neoliberale Raubzug hat das öffentliche Gesundheitssystem zerstört. Diese jW-Serie zeigt Profiteure, Widerstand gegen Kürzungswahn und gesellschaftliche Alternativen.

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