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Aus: Ausgabe vom 05.05.2020, Seite 7 / Ausland
Kuba USA

Offene Fragen

Keine offizielle US-Erklärung nach Attacke auf kubanische Botschaft. Verbreitung der These vom »psychisch kranken Einzeltäter«
Von Volker Hermsdorf
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Geschürter Hass: Die von Schüssen getroffene Bronzefigur von Kubas Nationalheld José Martí (Washington, 30.4.2020)

Vier Tage nach dem Angriff auf die kubanische Botschaft in Washington haben sich weder die Regierung noch das Außenministerium der Vereinigten Staaten zu dem Vorfall geäußert. Das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas, ­Granma, hat den USA am gestrigen Montag daraufhin »Doppelmoral« im Umgang mit Terrorismus vorgeworfen. Havanna beklagt zudem, dass die Informationen der US-Behörden über Ablauf und Hintergründe der Attacke »minimal und unzureichend« seien. Während Erklärungen des aus Kuba stammenden 42jährigen Täters auf politische Motive hindeuten, stellen US-Medien und Contras den terroristischen Anschlag als unpolitische Aktion eines psychisch kranken Einzeltäters dar.

Am Donnerstag hatte der mittlerweile als Alexander Alazo identifizierte Angreifer mit einem AK-47-Sturmgewehr 32 Schüsse auf die diplomatische Vertretung der Republik Kuba in der US-Hauptstadt abgefeuert. Dabei waren Teile des Gebäudes beschädigt und eine Büste des Nationalhelden José Martí durchlöchert worden. Einige Geschosse landeten innerhalb der Botschaft, wo sich nach Angaben von Missionschef José Ramón Cabañas, häufig bis zu 50 Personen aufhalten. Glücklicherweise sei jedoch keiner der rund ein Dutzend zum Tatzeitpunkt anwesenden Mitarbeiter verletzt worden.

Botschafter Cabañas wirft dem Gastgeberland vor, die Sicherheit des Personals und der Einrichtung nicht in dem Maße geschützt zu haben, wie es das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 zur Unverletzlichkeit von Auslandsvertretungen vorschreibt. Die bekannte argentinische Journalistin Stella Calloni unterstellte sogar eine Mitschuld des US-Kabinetts. »Der Angriff hätte nie ohne die Komplizenschaft der Regierung stattfinden können«, schrieb Calloni in einem am Sonntag vom Onlineportal Cubadebate veröffentlichten Beitrag.

Tatsächlich wirft der Tathergang Fragen auf. Nach Recherchen der US-Nachrichtenagentur AP versuchte Alazo gegen zwei Uhr morgens zunächst eine kubanische Flagge vor der Botschaft in Brand zu setzen. Nachdem ihm das missglückte, schwenkte er eine US-Fahne und schrie: »Ich bin ein Yankee«. Danach habe der Täter aus seinem Auto das Sturmgewehr geholt und damit auf das Gebäude gefeuert. Da die diplomatische Mission Kubas zwischen den Botschaften Polens und Litauens und in der Nähe des Weißen Hauses liegt, ist schwer nachvollziehbar, warum der Anschlag nicht verhindert werden konnte.

Die in New York ansässige interreligiöse US-Bürgerrechtsorganisation »Pastors for Peace« forderte deshalb am Sonnabend von US-Außenminister Michael Pompeo eine »umfassende, schnelle Untersuchung, ein energisches Vorgehen und die Kooperation mit der kubanischen Seite«. Die feindseligen Angriffe der Regierung Donald Trumps auf Kuba hätten in den USA ein Klima erzeugt, »in dem die Gegner der Insel glauben, dass solche terroristischen Akte gerechtfertigt und gesetzlich geschützt sind«, erklärte die Vorsitzende der Organisation, Gail Walker, am gleichen Tag gegenüber der Nachrichtenagentur Prensa Latina. Das sei ein »gefährlicher Präzedenzfall« für die diplomatischen Beziehungen.

In Havanna wartete man noch am Montag vergebens auf eine offizielle Erklärung des State Departments. Zwar hatte die US-Geschäftsträgerin in Havanna, Mara Tekach, die »Schießerei« per Twitter verurteilt und sich »erleichtert« darüber geäußert, dass »niemand verletzt wurde«. Doch aus kubanischer Sicht reicht diese »zaghafte Erklärung« angesichts des »außerordentlich schwerwiegenden« Vorgangs nicht aus. Der bewaffnete Angriff auf die Botschaft eines fremden Landes könne nicht als »Vorfall von geringer Tragweite« betrachtet werden, kommentierte Granma am Montag.

Genau diesen Eindruck erwecken die in Miami erscheinende Tageszeitung Nuevo Herald und von Washington finanzierte Contraportale wie Diario de Cuba (Madrid) oder die von der CIA-Informantin Yoani Sánchez in Havanna publizierte Onlinezeitung 14 y medio. »Der Angreifer auf die kubanische Botschaft hat psychische Probleme und keine politischen Motive«, verbreitete Sánchez am Freitag. Als Beleg wurde unter anderen ein namentlich nicht genannter Arzt mit der Aussage zitiert, dass die dem Täter verordneten Medikamente nicht gewirkt hätten. Ein ebenfalls anonym angeführter evangelikaler Pfarrer aus Miami beschrieb den Angreifer als friedliebenden Familienvater, der sich in einer psychischen Ausnahmesituation befunden habe.

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