Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Juli 2020, Nr. 154
Die junge Welt wird von 2327 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Verkommen« Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Der Schwarze Kanal: »Verkommen«

Gut geschmierte Maschine

Von Mumia Abu-Jamal
Mumia_Logo.png

Als ich noch im Todestrakt von Huntingdon, Pennsylvania, saß, und selbst später, im Trakt des Hochsicherheitsgefängnisses von Waynesburg in Greene County, kam es vor, dass ich mit einem der Wärter unter vier Augen sprechen konnte. Dann bekam ich manchmal Aussagen zu hören wie: »Ich bin doch für die nur ein Arbeitssklave. Wenn bei mir hier mal was schiefgeht, dann werfen die mich den Löwen zum Fraß vor.« Ich fragte mich dann: Mann, hat er das wirklich gerade gesagt?

Die Gefängniswärter wissen sehr genau, was los ist hinter den Mauern, aber sie dürfen nicht offen darüber sprechen, außer wenn gerade kein Außenstehender zuhört. Ansonsten glauben sie an die staatliche Propaganda, weil es sich für sie lohnt. Es ist für sie wirtschaftlich von Nutzen.

Vor ein paar Tagen hörte ich eine Sendung des C-SPAN Radio in Washington D.C., der ein Hörer über Telefon zugeschaltet wurde. Es war ein pensionierter Justizbeamter, der dreißig Jahre lang für das »D. C. Department of Corrections« gearbeitet hatte, die Gefängnisbehörde von Washington D. C. Der Anrufer bezieht nun monatlich seine Rente, aber er spricht immer noch von »uns«, als wäre er weiter dabei: »Wir Justizbeamten brauchen dieses und jenes, wir kämpfen jeden Tag hart, bla-bla-bla.« Da sprach ein schwarzer Rentner, der schon lange nicht mehr in seinem Job arbeitet, aber in seiner Vorstellung immer noch dazugehört.

Hinter diesem Denken steckt das teuflische Genie der Politik des William J. Clinton. Als während seiner Amtszeit als 42. Präsident der USA (1993–2001) den US-Bundesstaaten Millionen und Abermillionen von US-Dollars zur Verfügung gestellt wurden, um neue Haftanstalten zu bauen, entstand eine neue Gesellschaftsschicht von Beschäftigten, die wirtschaftlich vom Gefängnissystem profitiert. Und zwar auf eine Weise, wie es ihnen in der Regel nirgendwo sonst auf der Welt möglich wäre. Diese Vollzugsbeschäftigten sind so sehr in dieses System der Unterdrückung integriert, dass sie im Alter von 50 oder 60 Jahren danach trachten, ihren Sohn oder auch ihren Enkel in dem Job unterzubringen, oder dafür zu sorgen, dass die Ehefrau als Krankenschwester, Küchenhilfe oder sogar als Wärterin einen Job findet.

In weiten Teilen von Greene County oder Schuylkill County herrscht seit langem eine wirtschaftliche Depression. Wenn du in diesen Gegenden das Glück hast, einen Job zu bekommen, also wenn für dich die »Kohle« fließt, dann gehörst du zu den gemachten Leuten. In Pittsburgh oder Philadelphia mag das anders sein, aber wenn du in der ehemaligen Kohleregion Nordwestpennsylvanias, in Greene oder Schuylkill County, einen Job im Gefängnissystem bekommst, dann ist das so, als ob du am gedeckten Tisch sitzt und feinste Torte serviert bekommst.

Es scheint so, als funktioniere das System wie eine gut geschmierte Maschine. Aus ökonomischen Gründen und wegen der sozialen Bewegungen arbeiten heute sehr viel mehr schwarze und braune Beschäftigte in dieser staatlichen Unterdrückungsindustrie. Wenn man sich die Sache jedoch von weitem genauer anschaut, dann wird sie dadurch nicht besser, sondern eher bedeutend schlimmer.

Das ist der Grund, warum ich an die Macht sozialer Bewegungen glaube. Sie verändern Gesellschaften. Ich habe immer gesagt, dass sie das Bewusstsein verändern, aber sie bewirken mehr. Sie verändern die Geschichte, und sie verändern unsere Vision von der Zukunft. Wenn ich heute auf die Welt schaue, dann gebe ich freimütig zu, dass ich von Befürchtungen und von Hoffnungen erfüllt bin. Denn die Entwicklung kann sowohl in die eine Richtung gehen als auch in die andere. Es geht darum, dass die Leute ihre Sache selbst in die Hand nehmen und sich nicht in eine bestimmte Richtung drängen lassen.

Wenn Menschen soziale Bewegungen aufbauen, dann schaffen sie Veränderungen. Aber wenn sie sich zurücklehnen und darauf warten, dass andere etwas tun, das sie selbst hätten tun müssen, dann gewinnen die Unterdrücker die Oberhand. Es läuft wirklich so dialektisch und klar: Du bekommst das, wofür du kämpft. Wenn du nicht kämpfst, bekommst du nichts. Es ist wirklich so. Ich glaube an Bewegungen, ich glaube an die Räumung der Knäste und dass wir den Masseninhaftierungen ein Ende setzen, und ich glaube an Menschen, die erwachen.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Die junge Welt ist anders.

Marxistisch, überregional, genossenschaftlich. Und günstig: wochentags für 1,80 € und am Wochenende 2,20 € am Kiosk.

Mehr aus: Ausland

Wo gibt es noch konsequent linken Journalismus? Na, am Kiosk, für  1,80 €!