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Aus: Ausgabe vom 02.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Antisemitismus

Jenseits der Grenze

Der Antisemitismusstreit um Achille Mbembe hat grundsätzliche Bedeutung. Es geht um das Verhältnis von Realität, Reflex und Ressentiment
Von Peter Merg
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Fall von symbolischer Bedeutung: Achille Mbembe (23. Rosa-Luxemburg-Konferenz, Berlin 2018)

Kaum hat sich der öffentliche Streit über die Antisemitismusvorwürfe gegen Achille Mbembe und die Leitung der Ruhrtriennale voll entfaltet, ist er seines Anlasses beraubt. Das Kunstfestival musste aufgrund der Coronaviruspandemie abgesagt werden, Mbembe wird nicht zu seinem Auftakt sprechen. Auch läuft der Vertrag der ebenfalls heftig kritisierten Intendantin Stefanie Carp dieses Jahr aus. Doch ist die Auseinandersetzung noch nicht vorüber, geht es doch um viel grundsätzlichere Fragen als die, wer bei einer staatlich bezuschussten Kulturveranstaltung die Eröffnungsrede halten darf. Es geht wieder einmal um die Grenzen des öffentlich Sagbaren und politisch Akzeptablen hinsichtlich der israelischen Besatzungspolitik, wieder einmal unter Aussparung einer Beschäftigung mit den realen Verhältnissen in den betroffenen Gebieten und der Geschichte des Konflikts.

Mbembe hielt 2018 auch den Hauptvortrag auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz dieser Zeitung. Mit seinen theoretischen Arbeiten über das Fortwirken des Kolonialismus hat sich der in Südafrika lehrende kamerunische Historiker international einen ausgezeichneten Ruf erworben. Er zählt zu einer im deutschen Sprachraum fast gänzlich ausgestorbenen Sorte theoretisch und psychologisch informierter Geschichtsdenker, deren essayistische Analysen nicht in der Enge des Archivs, sondern im offen philosophierenden Gespräch entstehen, deren vom französischen Poststrukturalismus geprägte poetische Sprache allerdings bisweilen ins gehobene Gefasel kippt. Mbembe sucht nach großen Linien und nach Kategorien, die so alte und scheinbar überzeitliche Ausbeutungsphänomene wie den Rassismus zu fassen ermöglichen, um sie überwinden zu können. Das geht notwendig mit einem hohen Abstraktionsgrad einher, der bedingt, dass er hierzulande wohl mehr verehrt, denn tatsächlich gelesen wird.

Oberflächliche Lektüre

Dieser oft sehr abstrakte Charakter seiner Schriften ist zugleich der Angriffspunkt seiner deutschen Ankläger. Ihre Vorwürfe sind mit die schärfsten, die man in dieser Gesellschaft erheben kann: Relativierung des Holocausts, Dämonisierung und Delegitimierung Israels sowie die Unterstützung der zum Boykott des jüdischen Staates aufrufenden BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen). Angeführt vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein, hat sich eine recht erwartbare Phalanx von Kritikern gebildet, zu der u. a. der Vorsitzende des Zentralrats der Juden Josef Schuster, der Welt-Kommentator Alan Posener und FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube zählen. Sie argumentierten zunächst vor allem mit Passagen aus Mbembes 2017 auf Deutsch publizierten Buch »Politik der Feindschaft«. Darin beschreibt er die andauernde israelische Besatzung der Palästinensergebiete als ein Beispiel für weltweit zu beobachtende »Trennungsprojekte«, die auf Feindmarkierung und eigener Vernichtungsangst beruhten, und vergleicht sie mit dem historischen südafrikanischen Apartheidsregime. Aufgrund der heute elaborierteren Techniken »materieller und symbolischer Auslöschung« seien die Auswirkungen der israelischen Besatzung »weitaus schlimmer«.

In diesem Kontext steht auch der besonders kritisierte Satz: »Das Apartheidregime in Südafrika und – in einer ganz anderen Größenordnung und in einem anderen Kontext – die Vernichtung der europäischen Juden sind zwei emblematische Manifestationen einer Trennungsfantasie.« Für Klein ist er »zumindest missverständlich« und »auch als Relativierung des Holocaust zu deuten«. Posener lässt den essentiellen Einschub gleich ganz weg. So wird im Handumdrehen aus dem analytischen Vergleich die verwerfliche Gleichsetzung zweier Phänomene, die höchst unterschiedlich sind und dennoch etwas Gemeinsames haben. Derlei offenkundig bösartige Verdrehungen machen es Verteidigern Mbembes wie den Journalisten Jörg Häntzschel und René Aguigah oder der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann leicht, die Angriffe als an den Haaren herbeigezogen und politisch motiviert zu verwerfen, der Afrikahistoriker Andreas Eckert sieht Anzeichen einer »Hexenjagd«. Die Unschärfe des Antisemitismusverständnis von Klein et al. entspricht offenkundig der Oberflächlichkeit der Lektüre.

Unfug und Unterschiede

Den Charakter dieses Verfahrens macht besonders deutlich, dass Mbembes Kritiker ihn zunächst nicht an seiner schwachen Seite angriffen. Denn erst mit reichlicher Verspätung fiel seinen Gegnern und Anhängern ein knappes Vorwort auf, das er 2015 zu dem E- Book »Apartheid Israel« beisteuerte, einem Band, der laut Einleitung für die Sache der BDS-Kampagne werben soll. In diesem fordert Mbembe die »globale Isolation« Israels, da es die Palästinenser »mit allen notwendigen Mitteln vom Land [zu] säubern« versuche und willens sei, »(…) den Weg bis ans Ende zu gehen – Gemetzel, Zerstörung, schrittweise Vernichtung (…)«. Auch wenn man diese Aussagen als Beschreibung einer Bewegungslogik oder Tendenz begreift, ist das damit behauptete völkermörderische Bestreben Israels durch nichts zu belegen und gefährlicher Unfug. Wenn Mbembe Ressentiments zeigt, dann hier.

Freilich hat sich der Historiker mittlerweile zwar nicht explizit von diesem Text, aber implizit von dessen Inhalten distanziert. In einem per E-Mail geführten Interview mit Deutschlandfunk Kultur (22.4.) betonte er, nicht Teil der BDS-Bewegung zu sein, und erklärte in einem Beitrag für die Zeit vom selben Tag, den »unterschiedslosen Boykott universitären Austauschs« nicht mehr zu unterstützen. Das Existenzrecht des Staates Israel sei »grundlegend für das Gleichgewicht der Welt«, und die Frage der Singularität des Holocausts habe sich ihm nie gestellt. Zugleich betonte er, dass in den durch Israel besetzten Gebieten ein »faktisches Kolonialverhältnis« vorherrsche, das er strikt ablehne. Auf Grundlage der realen Situation in Palästina zu diskutieren, ob die israelische Besatzungspolitik damit hinreichend präzise charakterisiert ist, – diese Ehre lassen Mbembes Kritiker ihm nicht angedeihen. Sie ziehen es vor, die Sätze als Beleg für sein angebliches Ressentiment heranzuziehen.

Dies überzeugend zu begründen, dürfte ihnen schon deshalb schwerfallen, weil sich Mbembe nicht als Eiferer enttarnen lässt. Ausführungen zu Israel und Palästina sind in seinen Arbeiten eher selten, in seinem Hauptwerk »Kritik der schwarzen Vernunft« (2013) spielen sie keine Rolle. Die an ihn gerichtete Anklage steht im scharfen Kontrast zu Mbembes Bemühen, in kritischer Anknüpfung an die westliche Aufklärung dazu beizutragen, die von ihm untersuchten Herrschaftsmuster zu überwinden. Im Gespräch mit junge Welt erläuterte er vor zwei Jahren die universalistische und dezidiert antikapitalistische Stoßrichtung dieses Ansatzes.

Verwischte Grenze

Doch geht es denjenigen, die nach Absage des Vortrags und Ablösung der Festivalleitung riefen, nicht um den Wissenschaftler und Antikapitalisten Mbembe oder die Ruhrtriennale, sie sind ob ihres Renommees nur von symbolischer Bedeutung. Die Invektiven zielen darauf, all jene davon abzuschrecken, sich öffentlich zu äußern, die dem Anliegen der BDS-Bewegung mit Verständnis begegnen. Es wird eine Unsicherheit darüber geschürt, wie die zerstörerischen Folgen der israelischen Palästinapolitik angesprochen werden können, ohne antisemitische Stereo­type zu bedienen. Das wurde schon bei der Auseinandersetzung um den ehemaligen Leiter des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer, deutlich. Die generelle und unterschiedslose Verurteilung der heterogenen Bewegung als antisemitisch, wie sie im vergangenen Jahr der Bundestag und mehrere Landtage aussprachen, hat der Tendenz Vorschub geleistet, die Grenzen zwischen Kritik der israelischen Politik und israelbezogenen Antisemitismus zu verwischen. Anders, als dabei in der Regel glauben gemacht wird, ist letzterer bei der politischen Rechten (NPD: »Israel ist unser Unglück«) und in der »Mitte« freilich weitaus stärker ausgeprägt als unter antikapitalistischen Linken. Noch der erst kürzlich verstorbene ehemalige CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm pflegte jüdische Deutsche als Israelis anzusprechen.

Dabei ist es recht einfach: Eine probate Kritik darf keine Seite aussparen, ohne qualitative Unterschiede zu verwischen. Wer von der israelischen Demokratie, palästinensischem Islamismus und Terroranschlägen redet, darf den gegenwärtigen Aufschwung der israelischen Rechten, den Siedlungsbau und die Vergeltungsschläge nicht ignorieren – und vice versa. Nur wer beide Seite dieses Widerspruchs berücksichtigt, betreibt Aufklärung.

Man muss nicht der Gleichsetzung von Besatzung und Apartheid das Wort reden oder eine Boykottstrategie befürworten, welche die ganze Bevölkerung eines Landes für dessen Regierung in Haftung nimmt, um zu verstehen, auf welche realen Missstände solche Positionen reagieren. Darauf hat wiederholt der linke israelische Historiker Moshe Zuckermann hingewiesen, der selbst BDS nicht unterstützt. Die israelische Palästinenserpolitik ist im Land selbst umstritten, mehr noch in der jüdischen Diaspora. Wer diesem Umstand allein mit dem Verweis auf »jüdischen Selbsthass« begegnet, schreibt Juden und Israelis mit eben jenem chauvinistischen Dünkel vor, was sie zu denken haben, wie dem afrikanischen Kolonialismusforscher, welchen Strukturähnlichkeiten der Herrschaft er nachzugehen hat.

Wer über den Intellektuellen Achille Mbembe redlich urteilen will, muss ihn lesen. Wer eine angemessene Haltung zum Nahostkonflikt entwickeln möchte, muss die Realitäten vor Ort zur Kenntnis nehmen. Jeder Versuch, eine Seite der dortigen Dialektik von Gewalt und Gegengewalt unsichtbar zu machen, ist zurückzuweisen. Das noch einmal festhalten zu müssen, mutet absurd an.

Debatte

  • Beitrag von Claudia K. aus F. ( 3. Mai 2020 um 17:25 Uhr)
    Eine »probate Kritik« sollte »keine Seite aussparen«? Warum nicht? Weil es keine Gleichwertigkeit geben kann, ist es falsch, die BESATZER, die seit Jahrzehnten das palästinensische Volk unterdrücken und ihres Landes berauben auf eine Stufe zu stellen mit den unter brutaler BESATZUNG lebenden Palästinensern, die sich zu Recht dagegen wehren – auch mit Gewalt, gedeckt durch das Völkerrecht!

    Und wer eine »angemessene Haltung zum Nahostkonflikt« und »die Realitäten vor Ort zur Kenntnis nehmen« will, wird schnell erkennen, dass von Anfang an die autochthone palästinensisch-arabische Bevölkerung völlig ignoriert wurde, weil immer klar war, dass die jüdischen Siedler, dass alle israelischen Regierungen, niemals einen palästinensischen Staat akzeptiert haben, was sie auch immer öffentlich bekundet haben. Beredter Beweis ist die stetig fortschreitende sichtbare Landnahme, entweder durch den völkerrechtswidrigen Siedlungsbau oder die Konfiszierung, Diebstahl palästinensischen Landes und Zerstörung ihrer Lebensgrundlage, womit man die Palästinenser außer Landes zu treiben trachtet, auch das von Beginn an, wie Joseph Weitz (Vorsitzender des JNF) ungerührt sagte: »Der Transfer (euphemistisch für Vertreibung!) der arabischen Bevölkerung aus dem Gebiet des jüdischen Staates dient nicht nur einem Ziel – der Verringerung der arabischen Bevölkerung. Er dient auch einem zweiten, nicht weniger wichtigen Ziel, nämlich das Land zu evakuieren, das gegenwärtig von Arabern besessen und kultiviert wird und es so für die jüdischen Einwohner freizumachen.« Und: »Die einzige Lösung ist Eretz Israel, zumindest der westliche Teil Eretz Israels, ohne Araber … Nicht ein Ort oder Stamm soll übrig bleiben.« Diese menschenverachtenden Ziele kann man nachlesen, trotzdem faseln die Politiker immer wieder von »zwei Staaten«, die es, weil Israel dies niemals zulässt, nie geben wird. Deshalb hat Israel auch bis heute keine festgelegte Grenze, damit es sein Territorium ausweiten kann.

    Deshalb ist auch die Kritik an dem erwähnten Vorwort zu »Apartheid Israel« zurückzuweisen, denn wenn man die »Realitäten vor Ort« anschaut, ist es ganz sicher kein »gefährlicher Unfug« zu erkennen, was mit dem nächsten völkerrechtswidrigen israelischen Schritt bevorsteht: Die ethnische Säuberung des Jordantals, beschrieben in dem hochinformativen Buch »Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat«. – UND SAGE KEINER NACHHER, ER HABE VON NICHTS GEWUSST!

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