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Aus: Ausgabe vom 04.05.2020, Seite 8 / Ausland
Initiative »Platz für Wien«

»Der Platz auf der Straße ist sehr ungerecht verteilt«

Wiener Initiative macht sich vor Wahlen im Herbst für mehr Rad- und Fußgängerwege stark. Ein Gespräch mit Tomé Hauser
Interview: Johannes Greß
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Viel Verkehr: Menschen auf der Mariahilfer Straße in Wien (2013)

Im April startete die Initiative »Platz für Wien«, die sich für mehr Rad- und Fußgängerwege ausspricht. Wie groß, glauben Sie, ist angesichts der Coronakrise das Bedürfnis der Menschen, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen?

as Bewusstsein für solche Themen ist aktuell gestärkt. Da die Wienerinnen und Wiener derzeit mindestens einen Meter Abstand zum Nächsten halten sollen, wird vielen bewusst, dass es auf unseren Gehsteigen zu wenig Platz gibt. Zudem fällt auf, dass sich unheimlich viele Leute im öffentlichen Raum aufhalten, gerade in Parks. Durch die Coronakrise ist das Bedürfnis nach Spazierengehen, nach bewusstem Rausgehen aus der Wohnung, um frische Luft zu schnappen, noch einmal größer geworden. Das kommt unserer Initiative, die unabhängig von Corona gestartet wurde, zugute.

Das Verlangen nach mehr frischer Luft ist das eine – aber inwieweit spielen diese Forderungen derzeit eine Rolle in politischen Debatten?

Mit unseren Forderungen versuchen wir zu zeigen, dass es weiterhin wichtig ist, diese Themen zu behandeln. Und wir versuchen es als Chance zu sehen, die Situation durch diese Krise neu zu überdenken, neu einzuschätzen und dadurch nachhaltiger zu handeln.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die österreichische Bundesregierung nach der Krise vor allem die Wirtschaft ankurbeln will und alles andere hintanstellt, ist groß.

Diese Problematik besteht sicher, gerade mit der jetzigen Regierung, in der die sehr wirtschaftlich orientierte ÖVP viele Fäden in der Hand hat. Da wird es für den Koalitionspartner, die Grünen, schwierig werden, Forderungen zu stellen.

Wien gilt in Sachen Verkehrspolitik in vielerlei Hinsicht als europäisches Vorbild – wieso braucht es Ihre Initiative?

In Wien stehen sehr viele Grünflächen zur Verfügung, und auch der öffentliche Verkehr funktioniert sehr gut. Allerdings ist der Platz auf der Straße sehr ungerecht verteilt, hier sind die Verhältnisse nicht am Menschen orientiert. Eine Problematik ist, dass Behörden und Magistrate viele Konzepte ausarbeiten und Ideen einbringen, aber die Politik nicht willens ist, diese umzusetzen. Gerade in Wien haben die Bezirksvorsteher sehr viel Entscheidungsmacht. Wir wollen Druck auf sie ausüben, damit sie merken, dass die Bevölkerung ihren Bezirk umweltfreundlicher gestalten möchte – da sind klare Forderungen der richtige Weg.

Inwiefern soll Ihre Initiative mehr Druck ausüben können als Magistrate und Behörden?

Eine Initiative kommt aus der Bevölkerung, alle Schichten können sich beteiligen. Wir sind in unserem Handeln viel freier als eine Behörde, die an die Politik gebunden ist, und können ganz klar sagen, was uns im Alltag fehlt. Noch dazu sind unsere Forderungen nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruhen auf wissenschaftlich fundierten Konzepten, die teilweise schon aus anderen Städten bekannt sind. Wenn sich die Bevölkerung professionell aufstellt und klare und realistische Forderungen formuliert, hat das noch einmal einen ganz anderen Wert.

Am 11. Oktober wird in Wien gewählt. Welche Rolle soll die Initiative dabei spielen?

Wir haben unsere Initiative klar auf diesen Termin ausgelegt. Wir wollen, dass alle Parteien, die zur Wien-Wahl antreten, zu unseren Forderungen Stellung beziehen. Die nächsten Monate werden wir vor allem online Öffentlichkeitsarbeit betreiben und versuchen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Die Grünen haben sich mehrfach öffentlich zu Ihren Forderungen bekannt, einer der Sprecher der Initiative hat bereits mehrere Studien im Auftrag der Wiener Grünen erstellt. Wieso unterstützen Sie nicht gleich offiziell diese Partei?

Weil wir parteipolitisch unabhängig agieren wollen. Wir wollen zeigen, dass das ein übergeordnetes Thema ist und dass alle Parteien dazu Stellung beziehen müssen. Unser Ziel ist es, eine unabhängige Plattform zu bilden, durch die sich alle Bürgerinnen und Bürger vertreten fühlen.

Tomé Hauser ist Sprecher der Initiative »Platz für Wien« und studiert Bauingenieurwesen

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