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Aus: Ausgabe vom 30.04.2020, Seite 2 / Ausland
Türkei in Syrien

Massaker in Afrin

Syrien: Anschlag in türkisch besetzter Stadt trägt dschihadistische Handschrift
Von Nick Brauns
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»Stadt des Friedens und der Oliven«: Das Zentrum Afrins nach dem Anschlag vom Dienstag

In Afrin im Norden Syriens ist es am Dienstag zum schwersten Anschlag seit der Besetzung der vor allem von Kurden bewohnten Region durch die türkische Armee vor zwei Jahren gekommen. Mindestens 46 Menschen wurden getötet und 50 weitere verletzt, als ein mit Sprengstoff gefüllter Tanklastwagen in einer Marktstraße nahe dem Hauptquartier einer Söldnertruppe explodierte. Unter den Toten befinden sich nach Informationen der kurdischen Nachrichtenagentur Firat 15 Kämpfer der »Sultan-Murad-Brigade. »Das Ziel war ein belebter Markt, daher handelt es sich bei den meisten Toten um Zivilisten«, erklärte dagegen Raed Saleh, Direktor der »Weißhelme«, die eine Nähe zu dschihadistischen Kampfgruppen aufweisen.

Bislang bekannte sich niemand zu dem Anschlag, doch die türkische Regierung machte umgehend die syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG verantwortlich. Zwar reklamierten die aus der YPG hervorgegangenen Afrin-Befreiungskräfte HRE in dieser Woche mehrere tödliche »Sabotageaktionen« gegen Besatzungskräfte für sich. Doch der Anschlag auf einer belebten Marktstraße während des islamischen Fastenmonats Ramadan trägt nicht die Handschrift der Guerilla.

Abdulkarim Omar, außenpolitischer Sprecher der nordsyrischen Autonomieverwaltung, die bis zum Einmarsch der türkischen Armee auch Afrin umfasst hatte, verurteilte den »feigen Terroranschlag«. Ziel sei es, »den Rest der örtlichen Bevölkerung zu vertreiben«. Hunderttausende Kurden waren bereits nach dem türkischen Einmarsch 2018 aus Afrin geflohen. Der Anschlag sei »Ergebnis der Zerstörungspolitik der türkischen Besatzung und ihrer Söldner in der Stadt des Friedens und der Oliven«, erklärte Maslum Abdi, Generalkommandeur der die YPG einschließenden Militärallianz Syrische Demokratische Kräfte (SDK).

Vorstellbar ist zwar eine Operation des türkischen Geheimdienstes unter falscher Flagge, um einen Vorwand für eine Ausweitung der türkischen Angriffe auf das Autonomiegebiet zu schaffen. So hatte eine türkische Drohne bereits in der Nacht zum Dienstag einen Kontrollposten der kurdischen Sicherheitskräfte bei der Stadt Kobani beschossen.

Doch die Art des Anschlags deutet auf eine dschihadistische Täterschaft hin. Regelmäßig kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen im türkischen Sold stehenden Milizen. Zudem verschärften sich in der nordwestsyrischen Provinz Idlib Spannungen zwischen der türkischen Armee und dem lange unter ihrem Schutz gegen syrische Regierungstruppen kämpfenden Al-Qaida-Ableger Haiat Tahrir Al-Scham (HTS). HTS wirft Ankara »Verrat« aufgrund eines im März mit Moskau getroffenen Waffenstillstandsabkommens vor. Zusammenstöße zwischen HTS-Anhängern und türkischer Militärpolizei eskalierten am vergangenen Wochenende. Ein HTS-Stützpunkt wurde nach Informationen von Firat durch eine türkische Drohne beschossen, HTS-Kämpfer zerstörten einen türkischen Panzer.

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