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Aus: Ausgabe vom 29.04.2020, Seite 1 / Titel
Wirtschaftskrise

Abgehängt und hungrig

Arme Kinder leiden besonders unter Wirtschaftskrise und Eindämmungsmaßnahmen gegen Corona
Von Susan Bonath
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Szenen der Kinderarmut: Speisung im Kinder- und Jugendhaus Bolle in Berlin-Marzahn (11.7.2017)

Die Krise des Kapitalismus beschleunigt soziale Verwerfungen. Das trifft besonders die Schwächsten. Einer jW vorliegenden Sonderauswertung der letzten internationalen Lesestudie IGLU zufolge geht mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland immer oder häufig hungrig zur Schule. Hunger verursache Stress, erläutert Dirk Hastedt, Geschäftsführer des internationalen Forschungsinstituts IEA (International Association for the Evaluation of Educational Archievement), in der Untersuchung. Dies wiederum schlage sich erkennbar in den Leistungen nieder. Das IEA erstellt diese Studien seit 2001 alle fünf Jahre. Über die Auswertung berichtete am Montag zuerst der Spiegel.

»Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen Schülern, die angeben, hungrig in die Schule zu kommen, und einer geringeren Lesekompetenz«, erläutert Hastedt und warnt: Betroffene Kinder, die sonst etwa durch kostenlose Mahlzeiten und Betreuung aufgefangen wurden, seien durch die Schulschließungen wegen der Coronapandemie besonders bedroht. Gratis essen konnten Schüler demnach in etwa 45 Prozent der Bildungseinrichtungen in der Europäischen Union (EU). In Deutschland ist es armen Eltern möglich, diese Hilfe über das Bildungs- und Teilhabepaket zu beantragen. Seit August 2019 müssen sie dafür keinen Zuschuss von einem Euro pro Mahlzeit mehr leisten.

Inzwischen könnte sich die Lage armer Kinder in Deutschland sogar verschärft haben. Denn die der Auswertung zugrunde liegenden Daten stammen aus dem Jahr 2016. In Deutschland testeten die Forscher damals knapp 4.300 Viertklässler in 208 Grund- und Förderschulen. Beteiligt waren dem Bericht zufolge auch etwa 3.000 Mütter und Väter, 200 Deutschlehrer und 190 Schulleitungen.

Jüngeren Studien zufolge lebt etwa jedes fünfte Kind in der Bundesrepublik in dauerhafter Armut. Betroffen wären somit etwa drei Millionen Minderjährige. Der Kinderschutzbund geht zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. Jüngst schätzte der Verband, dass in Wahrheit rund 4,4 Millionen unter 18jährige in prekären Verhältnissen lebten. Fast zwei Millionen Kinder wohnten Ende 2019 in Haushalten im Hartz-IV-Bezug.

In den vergangenen Wochen warnten viele Sozialverbände vor einem Anstieg des Elends durch die Wirtschaftskrise und die Pandemiemaßnahmen. Wegen wachsender Arbeitslosigkeit, zunehmender Pleiten kleiner Selbständiger, geschlossener Tafeln und steigender Preise werde sich die Zahl armer Kinder drastisch erhöhen, mahnte etwa das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW) Anfang April. Das DKHW, der Paritätische Wohlfahrtsverband, die Parteien Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen, der Erwerbslosenverband Tacheles und andere fordern deshalb – bisher vergeblich – eine »Coronazulage« auf die Hartz-IV-Regelsätze.

Vorige Woche wies auch die sich gegen Kinderarmut einsetzende Stiftung »Deutschland rundet auf« auf wachsende soziale Verwerfungen hin. »Von uns geförderte Projekte berichten von immer mehr Notrufen und gleichzeitig sinkenden Spenden«, schilderte deren Sprecherin Christina Franzen am 24. April die Situation. Markus Seidel, Vorstandssprecher der Stiftung »Off Road Kids«, die sich für Straßenkinder engagiert, erklärte in diesem Zusammenhang: »Die Hilferufe von Kindern und Jugendlichen an uns haben sich glatt verdreifacht.« Arme Familien lebten in engen Wohnungen, die Ausgangsbeschränkungen und finanzielle Sorgen sorgten für mehr Konflikte. »Täglich droht mehr jungen Menschen in Deutschland die Obdachlosigkeit«, so Seidel.

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