Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 22.04.2020, Seite 11 / Feuilleton
Der Mensch muss trinken

Das Bier kann nichts dafür

Was nützt eine Schnapsleiche, wenn es niemanden gibt, der über sie stolpern kann? Kneipenkunde: Der Ferntrunk
Von Michael Bittner
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»Ich höre nach der ersten Flasche einfach auf.«

Es ist kaum zu glauben, wie sehr es mir fehlt: das Kneipengehocke, das Tresentheoretisieren, das eine Bier zuviel am Ende. Habe ich früher ein halbes Leben und mein halbes Vermögen in Kneipen vergeudet? Wahrscheinlich. Aber was für eine schöne Vergeudung das war! Diese tiefen Nächte, in denen ich mit Freunden und Fremden im Gespräch die Abgründe des Daseins ausleuchtete, um schließlich im Morgengrauen – durchgeistigt und benebelt – wieder ins Freie zu stolpern! Alles vorbei derzeit, der Seuche wegen. Der Staat schützt uns vor dem Virus und vor uns selbst. Bin ich vielleicht einfach Alkoholiker? Soll ich dem Virus danken, im Namen der Leber, die sich zum ersten Mal in Kurzarbeit von jahrelanger Plage erholen darf?

Alkohol kaufen kann ich noch immer, bislang herrscht keine Prohibition. Ich kann allein das Haus verlassen, ums Eck laufen und mir im Getränkeladen Biere holen bis spät in die Nacht. Zur Feier des Ausnahmezustandes greife ich sogar zu den teuren aus bayrischen Privatbrauereien. Der türkische Verkäufer hat an der Kasse auf Kopfhöhe Frischhaltefolie gespannt und sich so eine Infektionsschutzwand gebaut, sie ist durchsichtig und rührend. Auch verzichtet er auf Cent-Beträge, um nicht mehr Münzen als nötig durch seine Finger laufen zu lassen. Sonst aber ist er gelassen wie gewöhnlich. Ich packe die Flaschen ein und versuche, beim Abschied noch ein bisschen freundlicher zu wirken als sonst. Er ist schließlich der systemrelevante Verkäufer an vorderster Front – ich bin in der sicheren Etappe beim Schreibdienst im Heimbüro.

Ich könnte mich draußen vor der Tür zu den drei Trinkern an den Biertischen gesellen, die ihre Stammkneipe schon immer hier vorm Laden an der Ecke hatten und keine Anstalten machen, jetzt etwas daran zu ändern. Aber mir wehen die Gesprächsfetzen »Jetz hamse endlich einen gefunden, der gestorm is, vierundneunzich!« und »Panikmache!« entgegen. Da halte ich lieber Abstand und begebe mich in Heimquarantäne. Das einsame Bier auf dem Sofa schmeckt schal. Aber das Bier kann nichts dafür. Ich bin offenbar kein Alkoholiker. Mir macht das Trinken allein keinen Spaß, ich höre nach der ersten Flasche einfach auf. Ich bin nicht abhängig von Alkohol, ich bin süchtig nach dem Umtrunk, den es nur in Gemeinschaft geben kann.

Freund Rolf schreibt aus Dresden, einer Stadt, die jetzt plötzlich sehr weit entfernt ist. Üblicherweise trinken wir mindestens einmal im Monat gemeinsam – ausdauernd und doch feinsinnig. Dass wir beide nun Leidensgenossen sind, wissen wir, ohne uns erst darüber auszutauschen. Er fragt, ob ich schon von der Möglichkeit des Onlinesuffes wisse, des Stammtischs in Videokonferenz, den die moderne Nachrichtentechnik möglich mache. Ich ergreife den Strohhalm sofort. Wir machen einen Termin aus, und ich decke mich mit Getränken ein. Unvertraut ist er dann doch, der Anblick des vertrauten Freundes auf dem Bildschirm des Telefons. Das wackelige Netz, überlastet vermutlich durch Millionen von Krisengesprächen, friert immer wieder sein Gesicht ein und lässt den Fluss seiner Rede stocken. Geradezu unangenehm ist es, zugleich auch noch dauernd die eigene Visage sehen zu müssen. So schaut man also am Kneipentisch immer aus, so albern knautschte man all die Jahre das Gesicht beim aufgeregten Schwatzen? Kein Wunder, dass die Freunde früher immer so viel tranken.

Unweigerlich landet das Gespräch beim Thema dieser Tage: der Krankheit und den üblen Folgen, die sie gerade für die jetzt zwangsweise arbeitslosen Künstler hat. Rolf hat eine Warnung seiner Bank erhalten, er dürfe angesichts seines kärglichen Kontostandes nur noch höchstens fünf Euro auf einmal abheben. Ich habe immerhin den rettenden Zuschuss, den die sonst immer klamme Hauptstadt ihrer Boheme auszahlt. Hat es sich also doch noch gelohnt, all die Jahre die Kommunisten an die Macht zu wählen.

Wir reden über Stunden. Rolf schaltet uns irgendwann ein wenig Kneipenmusik ein. So stimmt wenigstens die akustische Kulisse, wenn schon das Dekor aus Bücherregal und Gummibaum eher keine Baratmosphäre schafft. Dass es an Kellnern fehlt, ist nicht weiter schlimm. Der Weg bis zur Selbstbedienung in der Küche ist nicht weit. Gemeinsam pinkeln gehen können wir auch, die Telefone sind ja tragbar. Und doch fehlt etwas: das Körperliche. Man kann virtuell nicht die Köpfe zusammenstecken, niemanden in den Arm nehmen oder blindlings Küsse verteilen. Ich vermisse im Wohnzimmer das Gewühl und Gebrüll des ausgelassenen Volkes, den Bierdunst und Tütenqualm. Was nützt eine Schnapsleiche, wenn es niemanden gibt, der über sie stolpern kann? Mein erster Ferntrunk endet noch vor Mitternacht. Ich fange an, mir wegen des Coronavirus ernsthaft Sorgen zu machen.