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Aus: Ausgabe vom 20.04.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Flüchtlinge

Zusammengepfercht und isoliert

Corona breitet sich in Flüchtlingsunterkünften aus. Helfer beklagen menschenunwürdige Zustände
Von Susan Bonath
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Die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt, Sachsen-Anhalt, steht seit März unter Quarantäne

Während wohnungslose Mi­granten aus Ländern der EU inmitten der Coronapandemie ums nackte Überleben kämpfen, spitzen sich auch die Zustände in den Massenunterkünften für Geflüchtete zu. In immer mehr Einrichtungen breitet sich das Virus aus. Betroffene werden auf engstem Raum zusammengepfercht und gemeinsam isoliert, das Abstandsgebot ist nicht einzuhalten.

Bereits seit Ende März steht die Erstaufnahmestelle in Halberstadt in Sachsen-Anhalt unter Quarantäne. »Die Situation im Lager war schon vor der Pandemie schwer zu ertragen«, betonen der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt und das Antirassistische Netzwerk in einer Mitteilung vom Donnerstag. Doch nun drohe die Lage zu eskalieren.

»Vier bis sechs Menschen teilen sich ein Zimmer, auf 850 Bewohner kommen nur wenige Duschen, Toiletten und Küchen«, beschreiben sie die Situation. Darüber hinaus würden die Betroffenen trotz mehrfacher Kritik nur mangelhaft versorgt. »Es fehlt sogar an Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln.« Das Schlimmste werde aktuell durch Spenden abgemildert. »Allerdings kann das keine Dauerlösung sein«, kritisiert der Flüchtlingsrat. Kein Wunder sei, dass es unter solchen Bedingungen zu Gewalt komme. Und die gehe keinesfalls nur von einzelnen Bewohnern, sondern auch von Wachleuten und Polizeibeamten aus, heißt es. Vor allem Frauen und Kinder lebten dort in ständiger Gefahr.

Ähnliches wird von der Erstaufnahmeeinrichtung Stern Buchholz in Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Laut Behörden haben sich dort in den vergangenen Wochen 43 Geflüchtete und fünf Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Die Bewohner habe man isoliert, aber an den Missständen habe dies nichts geändert, kritisiert der Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern. Nach wie vor lebten in der ehemaligen Bundeswehr-Kaserne mehr als 500 Menschen dichtgedrängt zusammen, es gebe keine ausreichenden Hygienemaßnahmen.

In einem offenen Brief hatte das Landesamt für innere Verwaltung dem Flüchtlingsrat Anfang April eine »mediale Kampagne« vorgeworfen. Doch nach wiederholter Berichterstattung durch den Nordkurier besuchten am Donnerstag einige Landtagsabgeordnete die von den Maltesern betriebene Einrichtung. Ob sie dabei schönen Bildern aufgesessen sind, ist nicht bekannt. Kaum nämlich war die Nachricht von der Begutachtung eine Woche zuvor durchgedrungen, habe es eine gigantische Putz- und Umbauaktion gegeben, wie die Zeitung von Mitarbeitern erfahren habe. Einigen von ihnen sei zudem aufgetragen worden, dem hohen Besuch zu verkünden, dass alles vorbildlich laufe.

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