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Aus: Ausgabe vom 20.04.2020, Seite 1 / Titel
EU-Abschottung

Schlechtes Theater

47 Kinder der griechischen Lagerhölle entkommen. Tausende bleiben mit Familien zurück. Polizeigewalt auf Chios
Von Hansgeorg Hermann
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So gefällt sich Griechenlands rechtskonservativer Premier Mitsotakis: Als »Retter« in der Not (Athen, 18.4.2020)

Die BRD und die EU haben am Sonnabend in Griechenland den Vorhang für ihr großes »Menschlichkeitstheater« aufgezogen. 47 von mehr als 1.500 Flüchtlingskindern ohne erwachsene Begleitung durften die Lagerhölle auf den Inseln Lesbos, Chios und Samos in Richtung Hannover verlassen. Zurück bleiben ihre ebenfalls minderjährigen Leidensgefährten, Hunderte Familien mit Kleinkindern und Tausende andere Flüchtlinge.

Nachdem der rechtskonservative griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis und der deutsche Botschafter Ernst Reichel die wenigen Auserwählten aus Afghanistan, Syrien und dem Irak in Athen mit großem Pomp vor Fernsehkameras ins Flugzeug gesetzt hatten, erreichte die Menschen im völlig überfüllten Camp Vial auf Chios die Nachricht vom Tod einer 47jährigen Irakerin. Diese sei Anfang der Woche mit Fieber ins örtliche Krankenhaus gebracht worden, berichtete die griechische Nachrichtenagentur ANA. Dort sei sie negativ auf SARS-CoV-2 getestet worden. Wie Miriam Tödter vom Verein »Wir packen’s an«, der gemeinsam mit dem baskischen Verein SMH die medizinische Nothilfestation in Vial betreibt, gegenüber jW erklärte, wurde die Frau Freitag nacht daraufhin zurück in das Lager gebracht. Ihr Zustand habe sich rapide verschlechtert, so dass die Helfer um Rücküberweisung in das Inselkrankenhaus ersuchten. Eine solche ist derzeit jedoch nur möglich, wenn es einen starken Verdacht auf eine Virusinfektion gibt.

Infolge der Todesnachricht entluden sich Proteste in dem Lager, und mehrere Feuer brachen aus. Dabei sei ein Wohncontainer zerstört worden, wie die Polizei erklärte. Griechische Medien berichteten von deutlich größeren Schäden. In der Nacht zum Sonntag eskalierte die Situation erneut – Flüchtlinge warfen Steine, die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke gegen die auf engstem Raum zusammengepferchten Menschen ein.

Zuvor hatten sich Mitsotakis, sein Minister für Flüchtlingsangelegenheiten, Giorgos Koumoutsakos, und Reichel auf dem Athener Flughafen selbst für ihre Aktion gelobt. Der Regierungschef, der vor Monatsfrist das Asylrecht für Flüchtlinge in seinem Land völlig außer Kraft gesetzt hatte und für die gewaltsame, illegale Rückführung zahlreicher Kriegsopfer aus dem Nahen und Mittleren Osten in die Türkei verantwortlich ist, sprach von einem »rührenden Moment«, weil »Flüchtlingskinderchen aus Griechenland aufbrechen und ein neues Zuhause in Deutschland finden werden«. Mitsotakis, der in den vergangenen Monaten immer mal wieder seine Marine brüchige Boote angreifen ließ, in denen sich Familien aus der Türkei in die EU retten wollten, sprach von »der großen Hoffnung und Solidarität«, die sich mit dem Transport nach Hannover verbänden. Die »übrigen europäischen Länder«, forderte er auf, sich dem »Beispiel Deutschlands« anzuschließen.

Den Botschafter Reichel zitierte die Athener Zeitung Efsyn mit dem Versprechen, Deutschland wolle »in nächster Zeit noch mehr Kinder ohne Begleitung nach Deutschland bringen, insgesamt werden es zwischen 350 und 500 sein«. Eine, wie Reichel sich zu rühmen erlaubte, »wichtige menschliche Geste«, die gerade in dieser Zeit »von besonders großer Bedeutung« sei.

In den griechischen Lagern hausen und überleben zur Stunde 35.000 bis 40.000 Kriegsflüchtlinge unter Bedingungen, die keine »soziale Distanz« erlauben und simples, regelmäßiges Händewaschen unmöglich machen.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Eva Ruppert, Bad Homburg: Menschlich-moralisches Versagen Da rühmen sich die Vertreter der EU, allen voran die der BRD, dass inzwischen 47 minderjährige unbegleitete Kinder aus den völlig überfüllten griechischen Flüchtlingslagern in Deutschland aufgenommen ...
  • Raimon Brete, Chemnitz: Wochenlanges Gezerre Endlich! Nach einem wochenlangen Gezerre und unverbindlicher öffentlicher Bekundungen aus dem Munde europäischer Parlamentarier wurde nunmehr die erste Gruppe unbegleiteter Minderjähriger aus den Gefl...

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