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Aus: Ausgabe vom 18.04.2020, Seite 6 / Ausland
Flüchtlingsroute Balkan

Krise in der Krise

Tausende Flüchtlinge wegen Pandemie auf Balkan gestrandet
Von Roland Zschächner
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Flüchtlinge im Camp Miral in Velika Kladusa, Bosnien-Herzegowina, am 4. März 2020

Die Flüchtlinge auf dem Balkan sind wegen der Coronakrise aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Trotzdem sind noch immer Tausende Menschen in der Region unterwegs nach Westeuropa. Ihre Lage verschärft sich täglich, denn die Staaten, in denen sie sich befinden, haben restriktive Maßnahmen verhängt, verbunden mit der Hoffnung, damit die Ausbreitung des neuartigen Virus einzudämmen.

So wurde in Serbien für das anstehende orthodoxe Osterwochenende eine 80stündige Ausgangssperre verhängt. Flüchtlinge sind gezwungen, in sogenannten Aufnahmezentren auszuharren, wo sie von der Außenwelt abgeschnitten sind. Helfer berichten, dass es ihnen nicht möglich ist, zu den Internierten zu gelangen. Unterdessen kommt es wegen der angespannten und gedrängten Situation in den Lagern auch zu Auseinandersetzungen. Laut Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sollen sich mehr als 8.600 Menschen in den 16 staatlichen Einrichtungen befinden, darunter 540 unbegleitete Kinder.

Auch in Bosnien-Herzegowina wurden Ausgangsbeschränkungen verhängt und andere Maßnahmen getroffen, die das Ziel haben sollen, die Ausbreitung der Covid-19-Krankheit zu verhindern. Dazu zählt unter anderem, dass es nunmehr untersagt ist, Flüchtlinge zu transportieren. Am Donnerstag wurde von der Regierung in Sarajevo zudem angeordnet, alle Menschen ohne gültige Einreisepapiere in »temporären Empfangszentren« festzuhalten. Ihnen ist es verboten, diese zu verlassen. Wenn aber Hunderte Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht werden, sind die Folgen absehbar. So kam es bereits am vergangenen Sonntag in einem der Lager in der Nähe von Sarajevo zu Auseinandersetzungen zwischen den Internierten, wie lokale Medien berichteten.

Insgesamt sollen sich laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) momentan rund 6.500 Menschen in solchen Einrichtungen befinden. Wie viele Flüchtlinge sich in den Wäldern nahe der kroatischen Grenze aufhalten, ist unklar, da verlässliche Zahlen fehlen. Sie sind dort in der Vergangenheit immer wieder Opfer von Übergriffen durch die Polizei oder Grenzbeamte geworden.

Derweilen nutzt die ultrarechte Regierung Ungarns die aktuelle Lage, um ihre Politik der Abschottung auch in Bosnien zu verankern. Dabei stößt sie in dem ehemaligen Kriegsland auf offene Ohren, vor allem von rechten Politikern. So war am Donnerstag der ungarische Außenminister Peter Szijjarto zu Besuch in Sarajevo, wo er mit dem dortigen Sicherheitsminister Fahrudin Radoncic zusammenkam.

Szijjarto erklärt bei einer gemeinsamen Pressekonferenz, sein Land werde Bosnien bei der »Bewältigung des Problems der illegalen Migration helfen« und »seine Soldaten zur Unterstützung der bosnischen Grenzpolizei einsetzen«. Dies werde geschehen, wenn Sarajevo eine Kooperation mit Frontex geschlossen habe, der Grenzagentur der Europäischen Union.

Für Freude dürfte bei Szijjarto die Aussage von Radoncic gesorgt haben, Bosnien behandele die Frage der »illegalen« Migration als eine der Sicherheit und nicht als ein humanitäres Problem. Radoncic, Gründer des einflussreichen Medienkonzerns Avaz, unterstrich zudem sein selektives Verständnis von Humanismus: »Wir möchten verantwortungsvoll und menschlich sein, aber unsere Bürger haben Priorität.«

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