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Aus: Ausgabe vom 17.04.2020, Seite 8 / Ausland
Westsahara-Konflikt in Coronakrise

»Es gibt dort keinerlei Mindestabstand«

Polisario fordert vom marokkanischen Staat die Freilassung politischer Gefangener wegen des Coronavirus. Gespräch mit Nadjat Hamdi
Interview: Carmela Negrete
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Dieses undatierte Bild zeigt nach Angaben einer spanischen Solidaritätsorganisation Gefangene in der von Marokko besetzten Provinz Laâyoune

Alle Gefangenen wollen Freiheit. Warum ist die Freilassung der saharauischen politischen Gefangenen besonders dringend?

Um eine Infektion mit dem Coronavirus zu verhindern, muss der marokkanische Staat sahrauische Zivilgefangene freilassen. Die Welt durchlebt eine gesundheitliche Katastrophe und diese Situation hat viele Länder veranlasst, politische Gefangene und Inhaftierte aus Gewissensgründen freizulassen, aus Angst vor der Ausbreitung der Coronapandemie. Der Schutzverein der saharauischen Gefangenen, La Liga para Protección de Presos Saharauis en los carceles marroquies, hat die Schwäche der Präventivmaßnahmen in verschiedenen marokkanischen Gefängnissen festgestellt, wie zahlreiche Aussagen von Familien saharauischer Zivilgefangener belegen.

Wie muss man sich die Zustände vorstellen?

Es gibt dort keinerlei Mindestabstand und es fehlt an Sterilisations- und Hygienemaßnahmen. Die Gefängnisleitung ignoriert den Gesundheitszustand der Gefangenen. Viele von ihnen sind immer noch in engen Zellen ohne die erforderlichen Hygienestandards untergebracht, abgesehen von ihrer schlechten medizinischen Versorgung. Zudem verlegen die marokkanischen Behörden saharauische Zivilgefangene in Gefängnisse innerhalb Marokkos, weit entfernt von den Wohnorten ihrer Familien. Das ist eine Racheaktion, die im Widerspruch zu den Mindeststandards der Vereinten Nationen für die Gefangenenbehandlung steht. Er widerspricht auch den Bestimmungen des humanitären Völkerrechts, da die Region militärisch besetzt ist. Außerdem wird das Recht der Gefangenen auf Kommunikation mit der Außenwelt beschnitten.

Sie hoffen nun auf internationalen Druck?

So ist es. Der Verein »Las hijas de Saguia y Rio«, eine Frauenorganisation, hat eine Onlinekampagne für die Freilassung der saharauischen Gefangenen in marokkanischen Gefängnissen gestartet. Die Frauen fordern den marokkanischen Staat auf, alle saharauischen Zivilgefangenen unverzüglich freizulassen. Sie rufen deshalb alle internationalen Menschenrechtsorganisationen und die Weltgesundheitsorganisation auf, sich für die Einhaltung aller Präventivmaßnahmen in den marokkanischen Gefängnissen einzusetzen und Druck auf den marokkanischen Staat auszuüben, damit er diese Gefangenen freilässt. Die marokkanischen Besatzungsbehörden inhaftieren systemarisch politische Gegner in den besetzten Gebieten der Westsahara, um alle Stimmen, die die Rechte der Saharauis verteidigen, zum Schweigen zu bringen.

Wie ist die Situation in den Flüchtlingslagern bezüglich Covid-19?

Bis jetzt gibt es keine bestätigte Covid-19-Infektion in den Lagern. Das Gesundheitsministerium ist auf Prävention angewiesen, weil die medizinischen Möglichkeiten begrenzt sind. Alle kommerziellen und wirtschaftlichen Aktivitäten wurden eingestellt, die Grenzen geschlossen, interne Quarantäne verhängt und der Zugang zum benachbarten Markt von Tindouf in Algerien auf die Einfuhr von Grundnahrungsmitteln beschränkt. Laut dem vom Welternährungsprogramm im April 2019 veröffentlichten Food Security Survey sind 88 Prozent der Sahara-Flüchtlinge als gefährdet eingestuft. Die gegenwärtige Situation, die alle Einkommensquellen lahmgelegt hat, führt zu einer Verschlechterung der Lage für die Geflüchteten, die Nahrungsmittelvorräte gehen zur Neige. Wir haben jetzt schon große Probleme, Lebensmittel in die Flüchtlingslager zu bringen. Der maritime Transport ist blockiert.

Welche Maßnahmen sind dort getroffen worden, um Ansteckungen zu verhindern?

Algerische und saharauische Autoritäten haben die Schließung der Grenzen angeordnet sowie eine Informationskampagne, die auch in Fernsehen und Radio läuft, um die Verbreitung zu verhindern. Personen, die möglicherweise infiziert sind, werden getestet, kontrolliert und isoliert. Deshalb sind mehrere Behandlungszentren errichtet worden. Wir haben Algerien um Schutzkleidung gebeten.

Nadjat Hamdi ist Vertreterin der »Frente Polisario« (Volksfront zur ­Befreiung von Saguía el Hamra und Río de Oro) in Deutschland

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