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Aus: Ausgabe vom 17.04.2020, Seite 6 / Ausland
Kurdistan

Ankara als Brandstifter

Neue Offensive im Nordirak. Kurdische Konterrevolutionäre nach Libyen
Von Nick Brauns
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Feuergefecht zwischen kurdischen und mit der Türkei verbündeten Milizen in Tell Tamer, Syrien (2.11.2019)

Während die irakischen Kurden in dieser Woche anlässlich des »Anfal-Tages« Zehntausender Opfer der Massaker der irakischen Armee unter Präsident Saddam Hussein in den 80er Jahren gedachten, flog die türkische Luftwaffe am Mittwoch erneut Angriffe auf Ziele im Nordirak. Beim Beschuss des Flüchtlingslagers Machmur durch eine Kampfdrohne wurden nach Angaben eines Sprechers des Camps drei Frauen getötet und weitere Personen verletzt, die auf einer nahen Weide ihre Schafe gehütet hatten. In dem Flüchtlingslager leben rund 12.000 Kurden, die Ende der 90er Jahre aus der Türkei geflohen waren. Das außerhalb der kurdischen Autonomieregion gelegene Camp leidet derzeit unter Versorgungsengpässen. Denn es wird seit neun Monaten auf Druck der Türkei von Sicherheitskräften der in Erbil regierenden und wirtschaftlich von Ankara abhängigen Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) blockiert. Die türkische Regierung beschuldigt das unter dem Schutz des UN-Flüchtlingshilfswerk stehende, aber durch Volksräte selbstverwaltete Lager, Rückzugsraum für die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu sein.

Ein weiterer türkischer Luftangriff traf in der Nacht zum Mittwoch eine PKK-Stellung in Zine Werte in der Region Rawanduz nordöstlich von Erbil. Nach Angaben der türkischen Armee wurden dabei vier Guerillakämpfer getötet. Der Angriff erfolgte in nur 200 Meter Entfernung von einer Kaserne der Peschmerga. Die kurdischen Soldaten waren aber offenbar vorgewarnt und hatten ihren Stützpunkt rechtzeitig verlassen.

Die kurdische Regionalregierung hatte in den letzten Tagen Peschmerga mit schweren Waffen nach Zine Werte verlegt, das als ein Tor zum schwer durchdringlichen Kandilgebirge gilt, in dem sich das Hauptquartier der PKK befindet. Bei den Peschmerga handelt sich um die »Einheit 80«, die von Sihad Barsani, einem Bruder des KDP-Vorsitzenden Masud Barsani, kommandiert wird. Obwohl es sich faktisch um eine KDP-Parteimiliz handelt, wurden ihre Soldaten von der Bundeswehr im Rahmen des »Anti-IS-Kampfes« ausgebildet und bewaffnet.

Gleichzeitig mit der Verlegung der KDP-Peshmerga an den Rand des von der PKK-Guerilla kontrollierten Gebietes verstärkt auch die Türkei ihre Besatzungstruppen im Nordirak, meldete die kurdische Nachrichtenagentur Firat unter Berufung auf örtliche Quellen. Seit 2018 hat die türkische Armee bis zu 30 Kilometer tief auf irakisches Territorium reichende Brückenköpfe errichtet, um die Bewegungsfreiheit der Guerilla einzuschränken.

Wie die Libysche Nationalarmee (LNA) des abtrünnigen Generals Khalifa Haftar in dieser Woche meldete, hat die Türkei indessen sogenannte Rojava Peshmerga aus dem Nordirak nach Libyen entsandt, damit sie als Söldner für die mit Ankara verbündete Libysche Einheitsregierung gegen die LNA kämpfen. Bei den »Roj Pesh« handelt es sich um Barsani nahestehende syrische Kurden, die seit 2013 von der KDP und türkischen Ausbildern im Nordirak als Gegengewicht zu den linken Volksverteidigungskräften YPG im nordsyrischen Autonomiegebiet Rojava aufgestellt worden waren. Dort kamen sie allerdings nie zum Einsatz, da die Rojava-Administration eine Rückkehr dieser Kontratruppe ablehnt, die zwischenzeitlich bereits jesidische Milizen, die der PKK nahestehen, im nordirakischen Sindschar attackiert hatte. Zumindest einzelne Roj Pesh nahmen nach jW-Informationen auch am Ausbildungsprogramm der Bundeswehr teil.

Die LNA präsentierte in ihrem Fernsehsender einen bei einem Gefecht bei Tripolis gefangengenommenen kurdischen Söldner. Während die Roj Pesh umgehend von »PKK-Propaganda« sprachen und jede Beziehung zu dem Mann dementierten, bestätigte LNA-Sprecher Ahmed Al-Mismari dem syrisch-kurdischen Sender Ronahi TV, dass sich viele Kurden an der Seite der von der Türkei unterstützten Streitkräfte in Libyen befänden. Diese gemeinsam mit dschihadistischen Söldnern aus dem Umfeld der Al-Qaida kämpfenden »Terroristen« repräsentieren aus Sicht der LNA aber nicht die kurdische Nation, versicherte Mismari und betonte: »Wir kämpfen an einer Front mit den Kurden gegen den Terror und wir werden gemeinsam mit unseren kurdischen Brüdern und Schwestern gegen die türkische Besatzung kämpfen.«

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