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Aus: Ausgabe vom 17.04.2020, Seite 2 / Ausland
Geflüchtete in Seenot

»Wir dürfen niemanden ertrinken lassen«

Seenotrettungsaktionen durch Coronakrise und Grenzschließungen erschwert. Ein Gespräch mit David Starke
Interview: Kristian Stemmler
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Crewmitglieder der »Alan Kurdi« am 6. April 2020 im Einsatz

Die Coronakrise wirkt sich auf die Rettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer aus. Malta und Italien haben Rettungsaktionen eingestellt. Am Wochenende sollen Boote gesunken sein. Wie ist aktuell die Lage?

Die Lage ist unübersichtlich, das zentrale Mittelmeer ist endgültig zur Blackbox geworden – und Europa schaut weg. Niemand ist mehr vor Ort, um unabhängig zu berichten, was dort passiert. Allein am Osterwochenende sind im zentralen Mittelmeer um die 250 Menschen in Seenot geraten. Tagelang kam kein europäischer Staat zur Hilfe, obwohl die dramatische Situation bekannt war. Die Dunkelziffer der Menschen, die ertrinken, dürfte weitaus höher sein. Sie sterben ungehört und ungesehen, sie verschwinden. Das ist eine menschengemachte Tragödie, für mich nur schwer auszuhalten und der Friedensnobelpreisträgerin EU unwürdig. Wir dürfen das als europäische Zivilgesellschaft nicht zulassen.

Die »Alan Kurdi« rettete kürzlich rund 150 Flüchtlinge. Wo sind die jetzt?

Soweit wir wissen, sind 146 der geretteten Menschen seit zehn Tagen an Bord des überfüllten Schiffes »Alan Kurdi«, betrieben von der deutschen Seenotrettungsorganisation Sea-Eye. Am Donnerstag wurden drei Geflüchtete von Bord evakuiert, darunter eine Person, die versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Die Lage im Mittelmeer ist humanitär nicht hinnehmbar und wird durch die Coronapandemie noch mal verschärft. Die Malta-Vereinbarung vom Herbst, mit der sich Deutschland, Frankreich, Italien und Malta auf einen temporären Verteilmechanismus von aus Seenot Geretteten geeinigt hatten, wurde wegen der Covid-19-Krise nicht verlängert.

Sie haben also kein Verständnis dafür, wenn Rettungsaktionen wegen der Pandemie ausgesetzt werden.

Wir dürfen niemanden ertrinken lassen. Auch nicht in Zeiten, in denen viele europäische Länder am Rande ihrer Kapazitäten oder, wie Italien und Malta, völlig überlastet sind. Hier ist die Solidarität aller europäischen Länder mit den Küstenstaaten dringend notwendig. Der moralische und rechtliche Imperativ, Leben zu retten, gilt für alle Menschen gleichermaßen, ob an Land oder auf See. Die jüngste Aufforderung des Bundesinnenministeriums an uns, zivile Seenotrettung während der Pandemie einzustellen, steht im Widerspruch zu den humanitären Werten der EU sowie zu See- und Völkerrecht.

Wo befindet sich Ihr Rettungsschiff, die »Ocean Viking«, zur Zeit?

Unser Schiff liegt einsatzbereit im Hafen von Marseille. Wir hoffen sehr, bald zum nächsten Rettungseinsatz auslaufen zu können. Allerdings sehen wir uns unter den aktuellen Bedingungen nicht dazu in der Lage. Wir benötigen ein Mindestmaß an Sicherheit für unseren Einsatz, bevor wir in See stechen können. Überall wurden Grenzen geschlossen, Malta und Italien haben ihre Häfen aufgrund der Coronapandemie für »unsicher« erklärt. So können wir unseren Einsatz nicht ohne weiteres wieder aufnehmen. Trotzdem ist klar: Wir werden versuchen, unsere lebensrettenden Aktivitäten auf See so bald wie möglich fortzusetzen.

Welche Vorschriften gelten beim Infektionsschutz an Bord und für den Kontakt bei Rettungsaktionen?

Nach unserem vorerst letzten Einsatz hatte unsere Crew am 23. Februar 276 Überlebende in Sizilien an Land gebracht. Sie wurden dort unter Quarantäne gestellt, während die Crew sich für 14 Tage an Bord der »Ocean Viking« in Quarantäne begeben musste. Seitdem konnte unser Schiff zu keinem Einsatz auslaufen, seit 20. März ist es in Marseille. Wir haben mit unserem medizinischen Team Maßnahmen getroffen und ein penibles Protokoll eingeführt, was im Fall von Ansteckungen an Bord zu tun wäre. Auf der »Ocean Viking« arbeiten wir mit »Ärzte ohne Grenzen« zusammen, deren Teams haben jahrzehntelange Einsatzerfahrung in Infektionsgebieten.

Kommen während der Pandemie weniger Flüchtlinge als sonst übers Meer?

Die schrecklichen Zustände in libyschen Lagern und der ständige Kriegsbeschuss führen dazu, dass viele Menschen weiterhin keine andere Lösung sehen, als die Flucht nach vorn anzutreten, über das Mittelmeer – auch wenn sie dabei ihr Leben riskieren müssen und das ihrer Kinder. Das Osterwochenende hat gezeigt, dass die Menschen alles versuchen, um aus Libyen wegzukommen.

David Starke ist Geschäftsführer der Organisation SOS Mediterranee Deutschland

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