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Aus: Ausgabe vom 14.04.2020, Seite 8 / Ausland
Migranten in der Coronakrise

»Wir wollen legal in Spanien leben können«

Solidarität trotz prekärem Aufenthaltsstatus: Straßenhändler in Barcelona nähen Schutzmasken und Kittel. Ein Gespräch mit Aziz Fate
Von Carmela Negrete
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Mitglieder der »Gewerkschaft der Straßenhändler« bei der Produktion von Atemschutzmasken und anderen wichtigen Gütern (Barcelona, 28.3.2020)

Die Coronakrise hat Spanien derzeit fest im Griff. In Barcelona hat sich die »Gewerkschaft der Straßenhändler« dazu entschieden, Schutzmasken und Kittel zu nähen (jW berichtete). Wie kamen Sie auf die Idee?

Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wir wir in dieser schweren Krise helfen und das medizinische Personal unterstützen könnten. Wir wollten insbesondere für diejenigen etwas unternehmen, die gegenwärtig besonders leiden. Dann kamen wir auf die Idee, Schutzmasken zu nähen.

Wir sind Migranten, wir leben hier in Spanien und möchten an der Entwicklung des Landes teilhaben. Viele von uns sind Schneider, und wir haben ein Atelier, in dem wir alles produzieren können. Wir hatten schon einen Laden mit 18 Nähmaschinen, also haben wir alles umgebaut und angefangen, Schutzmasken, Kittel und Hauben für Ärzte zu nähen. Zunächst haben wir den Stoff genommen, den wir vorrätig hatten. Dann kamen Firmen hinzu, die uns Stoff spendeten. Und so haben wir dann unsere Masken in den Krankenhäusern verteilt. Nach dieser Aktion kamen schließlich auch Bestellungen von den Spitälern selbst.

Welche Idee steckt hinter Ihrer »Gewerkschaft der Straßenhändler«?

Wir haben unseren Verein 2018 gegründet, um uns Straßenhändler gegenseitig zu unterstützen. Wir wollten damit die Gewalt, der wir ausgesetzt sind, sichtbar machen und den institutionellen Rassismus, den wir tagtäglich auf der Straße erleben, anprangern. Unsere Idee war, für unsere Kollegen Jobgelegenheiten zu schaffen und einen Weg zu finden, wie wir unser Leben verbessern können. Und da haben wir das Atelier eingerichtet, in dem wir Kleidung mit eigenem Logo nähen und in Barcelona verkaufen.

Wer genau nimmt zur Zeit Ihre Masken und Kittel?

Momentan produzieren wir hauptsächlich Schutzkleidung für das Krankenhaus von Granollers, das täglich rund 2.000 solcher Kittel benötigt, also dringend auf Hilfe angewiesen ist. Die Leitung hatte den Staat um Unterstützung gebeten, allerdings nur ausweichende Antworten erhalten. Deshalb erfolgte der Aufruf an die Bevölkerung, dass alle, die können, doch Kittel nähen mögen. Das Krankenhaus hat uns Plastikplanen gebracht, weil der richtige Stoff noch nicht vorhanden ist. Auch damit nähen wir. Wir nehmen allerdings auch Stoffspenden entgegen. Wir wollen unseren Beruf und unsere Fähigkeiten sichtbar machen und zeigen, dass auch wir solidarisch sind. Man braucht keine Aufenthaltspapiere, um zu helfen. Alle Menschen können etwas beitragen, egal wer man ist und woher man kommt.

Sie haben auch eine sogenannte Lebensmittelbank eingerichtet. Was hat es damit auf sich?

Wir holen Lebensmittel ab, die Menschen uns spenden, und geben sie an die Familien der Straßenhändler weiter. Seit Beginn der Ausgangssperre dürfen sie nicht mehr auf der Straße arbeiten. Wir verteilen Lebensmittel an rund 150 Familien. Dabei bekommen wir viel Unterstützung, Menschen überweisen uns Geld oder spenden Lebensmittel. Ohne diese Solidarität wären wir in dieser Krise verloren.

Was erwarten Sie von der amtierenden Regierung in Spanien?

Wir erwarten, dass umgesetzt wird, was wir seit Jahren fordern: Wir wollen einen legalen Aufenthaltsstatus, den wir brauchen, um einer Arbeit nachgehen zu können, wie alle anderen auch. Wir wollen arbeiten, aber durch das rassistische Migrationsgesetz wird uns drei Jahre lang die Arbeitserlaubnis verweigert. Diese Phase kann sogar auf bis zu zehn Jahre ausgedehnt werden. Unter uns gibt es Leute, die nach mehr als einem Jahrzehnt immer noch keine Papiere haben. Dieses Gesetz ist einer humanen Gesellschaft unwürdig und sollte abgeschafft werden – gerade in dieser Zeit, in der so viele Not leiden. Wir wollen legal in Spanien leben können.

Aziz Fate ist Sprecher der »­Gewerkschaft der Straßenhändler« (Sindicato Popular de Vendedores Ambulantes)

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