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Aus: Ausgabe vom 11.04.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Laut ist laut

Vom Alltag in der roten Zone in Rom. Von Peter Wawerzinek
Von Peter Wawerzinek

Was für ein wunderschöner Tag. Nach vier Wochen Quarantäne haben wir erstmalig wieder Besuch bekommen. Er wurde uns per Rundmail angekündigt: »Von morgen an werden für eine Woche (Ausnahme Samstag, Sonntag) täglich Bohrarbeiten am Brunnen der Villa Massimo, dessen Schacht sich hinter dem Villino gegenüber der kleinen Ausgangstür befindet, durchgeführt. (…) Wir brauchen das Wasser für die Pflanzen im Park. Mit Andrea Freiberg ist verabredet, dass sie in dieser Zeit die Sägearbeiten an ihren Baumstämmen durchführt. Laut ist laut.«

Morgens um neun Uhr tauchen acht Männer mit vier Fahrzeugen und schwerer Gerätschaft auf. Sie rangieren vor unserem Studio herum, öffnen den Brunnen, schneiden störende Äste von den Bäumen. Gitterboxen, Gasflaschen, Kanister, große Container, Werkzeuge, Schläuche, Schraubwinden, Rohre werden abgeladen, die Fahrzeuge aufgebockt. Sogar einen Kescher an langer Stange haben sie mitgebracht. Sie richten sich neben den zwei Baumstämmen ein, die Skulpturen werden sollen. Schönes Zedernholz, noch vor der Auszeit entrindet. Die Chefin, unser Hausfotograf und der Villaverwaltungsmann schauen vorbei. Alle zusammen reden sie so herrlich italienisch hinter ihren Masken. Lange kein so feines Durcheinander mehr gehört.

Die Maschinen werden angeworfen. Was für ein entzückendes Getöse. Nach all der Stille ringsum kehrt das Leben mit Bums zurück. Mein Herz hüpft. Die Hände klatschen Beifall. Hurtig schlüpft Andrea in eine Montur, bindet sich zum Schutz vor Splittern, Spänen, Staub einen Schal um Hals und Mund, setzt Wollmütze, Kopfhörer und große Brille auf. Das Geräusch ihrer Kettensäge wird vom Schall geschluckt.

Der Tag bleibt einzigartig. Anträge auf Soforthilfe wurden bewilligt. Ich skype eine Stunde lang mit meiner Tochter, die Geburtstag hat. Bei der Leinwandnacht der Villa läuft ein Film von Birgit Brenner: handgezeichnete, animierte Tänzer, Verrenkungen, zuckende Klänge, Blitze, Flimmern – Applaus von Bürgersteig und den Balkonen gegenüber. Ein halbes Dutzend Hardliner zieht sich dann noch im großen Kinosaal das Ende der zweiten Staffel von »Der Report der Magd« rein. Draußen steht der Mond in nobler Größe. So voll, so nah und mit uns so zufrieden.

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. (jW)

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