Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 11.04.2020, Seite 10 / Feuilleton
Humor

Eine saubere Arbeit

Scherz, Satire und schiefere Bedeutung: Zum Relaunch des Magazins Dreck
Von Kay Sokolowsky
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Manche Pointen brauchen ihre Zeit: Christian Schmidt (damals noch ohne Y, aber mit Muscleshirt), Harald Lippert, Fritz Tietz und Hans Zippert vor etwa 40 Jahren

Es fängt schon gut an. Oben auf Seite zwei steht in großen roten Buchstaben: »Ist diese Seite in diesem Moment hilfreich für Sie?« Darunter kann »Ja« oder »Nein« angekreuzt werden. Sonst steht da nichts außer einer klein gesetzten Fußzeile: »Mit Ihrer Antwort helfen Sie uns, das Heft besser zu machen.« Diese Art Leserbefragung ist so sinnfrei wie die meiste Marktforschung, doch so hintersinnig, wie nur kluger Nonsens es sein kann.

Was amüsant beginnt, bleibt es auf den folgenden 128 Seiten meistens und heißt Dreck. Das Magazin für »fiktiven Journalismus« ist der Relaunch eines Blattes, das Ende der 1970er Jahre von fünf jungen Männern am Ratsgymnasium in Bielefeld gegründet und 1987 nach 15 Ausgaben vorläufig eingestellt wurde. Nun sind die »Superredakteure«, wie sie sich selber nennen, wieder »weltweit im Dienst der Leser« unterwegs, »lügen wie gedruckt«, verbreiten Scherz, Satire und, mit Robert Gernhardt zu reden, schiefere Bedeutung.

Christian Y. Schmidt, Rüdiger Stanko, Fritz Tietz und Hans Zippert haben für die Nummer 16 einiges an unveröffentlichtem Material ausgegraben und viel Frisches, unter anderem von Dietmar Wischmeyer, Eckhard Henscheid und Max Goldt, hinzugefügt. Der fünfte im Bunde, Hans Lippert, lebt leider nicht mehr, ist jedoch als guter Geist und auch sonst präsent. Die neue Ausgabe zu stemmen, war allerdings ein organisatorischer Kraftakt, denn die Blattmacher gehen seit Jahrzehnten eigene Wege. Ohne die Segnungen moderner Technik hätte es den 16. Dreck nicht gegeben. Superredakteur Tietz berichtet: »Die eigentliche Redaktionsarbeit erfolgte aus den jeweiligen Homeoffices in Seevetal, Hannover, Oberursel und Beijing per sehr regem Mailverkehr und über einen Cloud-Ordner. Das klappte erstaunlich gut.«

In der Tat ist Dreck nicht nur ein dickes, sondern auch ein anmutig gestaltetes Heft geworden. »Wir wollten«, sagt Tietz, »nicht das alte Dreck-Klebelayout imitieren, sondern mit den heute zur Verfügung stehenden digitalen Mitteln eine neue Ästhetik hinkriegen.« Cheflayouter Rüdiger Stanko und die Illustratorin Yvonne Kuschel geben den Texten ordentlich Luft zum Atmen und lassen sehr lange Lesestücke auch sehr lange Lesestücke sein, ohne sie dabei in Bleiwüsten zu verwandeln. Andererseits bekommen die prächtigen Zeichnungen, die unter anderem Til Mette, Heribert Lenz und Veronika Radulovic beisteuerten, den Platz, den sie brauchen, sowie ein Papier, das man sonst nur aus Kunstbroschüren kennt.

Für eilige Leser ist Dreck eher ungeeignet, für neugierige jedoch, die sich gern etwas erzählen lassen und wissen, dass manche Pointen ihre Zeit brauchen, durchaus. Wenn zum Beispiel Christian Y. Schmidt mit viel Selbstironie und Liebe zum Detail von einer Redaktionsparty im Jahr 1980 plaudert, an der beinahe auch Loriot und Martin Scorsese teilgenommen hätten und die für Schmidt mit einem geradezu kosmischen LSD-Flash endete, dauert es zwar eine Weile, aber langweilig wird’s nie: »Insgesamt luden wir 117 Prominente und Bands ein, denn 117 ist der Zahlenwert des hebräischen Worts für Dunkelheit. Die Liste enthielt die Namen vieler Künstler, die wir verehrten (…). Wir wählten aber auch Leute einfach nur deshalb aus, weil ihre Namen so gut klangen (…).«

Im längsten und literarisch kühnsten Stück kommt ein Herr Muskat zu Wort bzw. zu vielen hundert Worten. Er war am 19. August 1989 der Tourguide einer Sightseeingfahrt durch Bielefeld, bei der Schmidt, Tietz, Zippert und der Dreck-Sympathisant Wiglaf Droste mit an Bord waren. Muskats schier endloser Vortrag, von den Superredakteuren eifrig aufgezeichnet (und bisweilen frech unterbrochen), demonstriert hochkomisch, wie sich bei einem Berufsplappermaul die Phrasen verselbständigen, die Sprache den Sprecher überwältigt: »Mara ist eine, äh, Epilepsieklinik für Erwachsene und für Forschung. Also die Epilepsie ist heilbar, es ist also keine Krankheit, also heilbar, ist jedenfalls soweit zu behandeln, dass … dass man, äh, in der normalen Gesellschaft leben kann. Und das wird da geforscht.«

Der Eindruck, Dreck schere sich einen Dreck um das, was in Zeitschriften »geht«, täuscht nicht. Für Texte, die es ins Heft schafften, habe es, erläutert Tietz, bloß ein Kriterium gegeben: »Sie sollen nirgendwo anders erscheinen können.« Überdies spielte das private Pläsier der Superredakteure bei der Neuauflage eine Hauptrolle: »Alte Männer blicken eben gern zurück und werden weich und nachsichtig untereinander, wenn sie sich zusammen in den Erlebnissen der Jugend suhlen, um so vielleicht etwas von dem frühen Glück ins Elend der Gegenwart transferiert zu bekommen.«

Weil die Dreck-Macher große Könner und erfahrene Entertainer sind, überträgt dieses Glück, das Anheimelnde ihres Privatisierens sich schnell auf den gewogenen Leser und die aufmerksame Leserin. Es geht in der »Bielefelder Schule des Bewusstseins« (Zippert) freilich nicht nur elegisch zu. Zur Abwechslung wird auch derb gedroschen, etwa in den Namensvorschlägen für neugeborene »Germanen, männlich«: Das geht von »Siegetod« und »Autoreif« über »Schraubzwing« und »Blähbalg« bis »Kassawart« und »Gallebrand«.

Apropos Namen. Die meisten Zeitschriftentitel lügen: Der Stern leuchtet nicht in der Nacht, mit dem Spiegel kann niemand sich schminken, und die Titanic geht seit 1979 nie unter. Aber kein Magazinname lügt dreister als Dreck. Denn anders als der Name verspricht, ist dieses unperiodische Periodikum kein Mist oder Schiet oder eben Dreck, es ist nicht einmal pornographisch (na gut, einmal schon). Sondern saubere Arbeit, glänzender Stil und reines Vergnügen.

Das Heft endet übrigens genausogut, wie es anfängt: »Bitte folgen Sie uns nicht auf Facebook, Instagram oder Twitter«, informiert auf Seite 130 kleingedruckt das Impressum. Für derlei Medien nämlich ist Dreck zu fein.

Dreck Nr. 16, 132 Seiten, 9 Euro. Bezug über den Titanic-Shop, ausgewählte Buchhandlungen oder Fritz Tietz (http://fritztietz.de/dreck16/)

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