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Aus: Ausgabe vom 11.04.2020, Seite 11 / Feuilleton
Kulturwissenschaft

Die Erfassung des Ganzen

Sozialist der Leistung: Dem Kultur- und Literaturwissenschaftler Jost Hermand zum 90.
Von Von Jürgen Pelzer
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Blutleerer Akademismus war seine Sache nie: Jost Hermand

Hatte man Glück, bekam man sie in den 70ern auch im Westen in die Hände: die schönen, eingängig geschriebenen und die Masse des Materials souverän ordnenden Bände der »Deutschen Kunst und Kultur von der Gründerzeit bis zum Expressionismus« aus dem Akademie-Verlag. Hier zeigte eine Kulturgeschichte exemplarisch, wie sich künstlerische Stilprinzipien auf die gesellschaftliche Entwicklung beziehen lassen, diese widerspiegelnd, kritisierend oder gar transzendierend.

Die Autoren Richard Hamann und Jost Hermand entstammten verschiedenen Generationen. Der 1879 geborene Kunsthistoriker Hamann war bereits vor dem Ersten Weltkrieg, Ansätze einer materialistischen Geistesgeschichte entwickelnd, gegen die aristokratisch-protzende Kunstpolitik des Wilhelminismus aufgetreten. Im Sinne des Werkbunds hatte er sich für eine demokratische, an Leistung orientierte Sachkultur engagiert – eine Position, die er trotz aller Angriffe von rechts bis zu seinem Tod Anfang 1961 zu bewahren wusste. Nach der Befreiung vom Faschismus trug er als Grenzgänger, in Berlin wie Marburg lehrend, zum Aufbau der Kunstgeschichte in der DDR bei. Zur Weiterführung seines großangelegten Projekts der fünfbändigen Kulturgeschichte gewann er den 1930 geborenen Jost Hermand, der sich als Germanist im damals rechtslastigen Marburg gezwungenermaßen auf die Biedermeierzeit spezialisiert hatte und bald die Hauptarbeit leisten sollte.

Hamann hatte noch den Naturalismus-Band fertiggestellt, der ihm besonders am Herzen lag. Danach folgte der Impressionismus-Band. Die Bände zur Gründerzeit, zur Stilkunst um 1900 und zum Expressionismus verantwortete im wesentlichen Jost Hermand. Er wurde nun ebenfalls zum Grenzgänger, doch schon bald – 1957 – des Landes verwiesen, da SED-Hardliner das ganze Unternehmen des »Hamand« als westliches Partisanenprojekt ansahen. Da Hermand in der BRD keine beruflichen Möglichkeiten sah, wanderte er 1958 in die USA aus, sich in Madison (Wisconsin) niederlassend. Dort lebt und schreibt er auch heute noch, ein rastlos-engagierter Aufklärer, ein »Sozialist der Leistung« im Sinne seines Mentors. Auch in den letzten Jahrzehnten hat er Jahr für Jahr zumindest ein Buch vorgelegt, das Telos seiner Forschung blieb dabei unverändert. Erst vor kurzem erschien sein »Brennpunkt Ökologie«, Zeugnis seines unermüdlichen Kampfes gegen die Katastrophen des Kapitalismus.

Den demokratisierenden Impulsen seines Mentors blieb und bleibt er verpflichtet, und wenn in seinem Schaffen zeitweise die Germanistik die Oberhand gewann, berücksichtigte er doch weiter auch Bereiche wie Kunst- und Musikgeschichte. Hermand geht es stets um die Erfassung des kulturgeschichtlichen Ganzen, die wechselseitige Erhellung der Künste und deren gesellschaftliche Reflexion. Darin liegt der Gesamtnenner seines vielbändigen Werks. Ausgangspunkt ist stets die historische Konstellation, die ganze Breite der politischen und ästhetischen Positionen zu einem gegebenen Zeitpunkt. Hermand präsentiert sie übersichtlich, stets kritisch wertend. Fast all seine Arbeiten weisen diese Qualität auf, ob es sich um Einzelartikel, Redebeiträge oder Gesamtdarstellungen handelt.

Ein blutleerer Akademismus war Hermands Sache nie. Hinter dem jeweiligen Gegenstand wurde stets deutlich, um welche zentralen Fragestellungen es ihm ging. Als Germanist hat er sich um Heine und Brecht, um die Vormärzliteratur und die Tradition des utopischen Denkens verdient gemacht. Bereits früh nahm er, oft gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der legendären »Wisconsin Workshop«-Reihe, Mythen und gängige Vorurteile wie die Klassik-Verkultung oder das Abrücken von politisch wirksamen Realismuskonzepten aufs Korn. In den 80ern folgte sein Opus magnum, die zweibändige Kulturgeschichte der Bundesrepublik, in der die Fülle des Materials systematisch ausgebreitet, aber auch die problematische Aufspaltung in Teilkulturen sichtbar wird, ein Zeichen für das Schwinden gesamtgesellschaftlicher Wirksamkeit.

Schon früh machte Hermand auf die heillose Zersplitterung in E- und U-Literatur bzw. -Kultur aufmerksam, die seine Kollegen nicht einmal zur Kenntnis nahmen, geschweige denn bekämpften. Eher schon richteten sie sich in der Nachfolge Adornos im Ghetto einer politisch wirkungslosen Avantgarde ein. Hermands Ideal war die Überwindung dieser Zersplitterung, deren historischen Wurzeln er immer wieder nachgegangen ist, ob in seiner Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts oder in den jüngsten Bänden zu den Trägerschichten der deutschen Kultur, diversen (Leit-)Kulturkonzepten oder der fatalen Geschichte des deutschen Nationalismus.

Am deutlichsten tritt Hermands politische Haltung in seinem umweltpolitischen Programm hervor, das er seit den 80ern mit nicht nachlassender Energie vertritt. Zu wünschen sind dem rastlosen Kämpfer gegen Kultur- wie Naturzerstörung noch viele Jahre produktiver Arbeit und eine möglichst breite Rezeption.

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