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Aus: Ausgabe vom 11.04.2020, Seite 4 / Inland
Tödliche Messerattacke in Celle

»Im Blut ertrunken«

Jesidischer Jugendlicher nach Flucht vor dem IS in Celle erstochen. Täter hatte Bezug zu rechten Wahnvorstellungen
Von Nick Brauns
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Der Tatort in Celle am Tag nach dem tödlichen Angriff

Nach der Tötung eines 15jährigen kurdischen Jugendlichen in der Nacht zum Mittwoch im niedersächsischen Celle deutet sich mittlerweile an, dass der Täter aus einem rassistischen Motiv heraus gehandelt haben könnte. Arkan Hussein Khalaf war kurz vor 22 Uhr auf der Bahnhofsstraße mit seinem Fahrrad unterwegs, als er von einem Mann, der in einem Hauseingang gelauert hatte, mit einem Stichwerkzeug attackiert wurde. Der Junge erlag im Krankenhaus seinen schweren Stichverletzungen. Ein Freund von Khalaf konnte den Täter bis zum Eintreffen der Polizei festhalten.

Gegen den Beschuldigten, den 29jährigen Pflegehelfer Daniel S., wurde am Mittwoch Untersuchungshaft angeordnet. Der bisherige Tatvorwurf lautet lediglich auf Totschlag, obwohl der Jugendliche nach Polizeiangaben »plötzlich und unvermittelt« attackiert wurde. Damit wäre das Mordmerkmal »Heimtücke« erfüllt. Der Täter habe sich vor dem Haftrichter nicht zum Tatvorwurf geäußert, erklärte die Pressestelle der Polizeiinspektion Celle. Ob der Beschuldigte an einer psychischen Krankheit leide, sei Gegenstand der weiteren Ermittlungen. Nach derzeitigem Erkenntnisstand dürfte Khalaf ein »Zufallsopfer« gewesen sein, so die Polizei. »Die bisherigen Ermittlungen lieferten in keiner Hinsicht Anhaltspunkte für eine ausländerfeindliche oder politisch motivierte Tat.«

Recherchen von Zeit online wecken Zweifel daran. So stießen die Journalisten auf drei Social-Media-Konten des Beschuldigten, die dessen Nähe zu faschistischen Wahnvorstellungen belegen. Auf Facebook folgt S. Seiten mit Titeln wie »Die Verschwörungstheorie« und »Von wegen Verschwörungstheorie«, die Inhalte der seit 2017 im Internet kursierenden Qanon-Ideologie wiedergeben. Die Qanon-Autoren geben vor, exklusive Informationen über einen internen Krieg von US-Präsident Donald Trump gegen eine Geheimdienstverschwörung eines »tiefen Staates« zu haben. Auch der Attentäter, der im Februar neun Besucher von Shisha-Bars und einem Kiosk im hessischen Hanau erschoss, hatte sich als Anhänger von Qanon bekannt. Auf Seiten, denen S. folgt, wird der Holocaust in Frage gestellt, aus der antisemitischen Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion zitiert und auch das krude Reichsbürgerkonstrukt gepflegt, wonach das Deutsche Reich weiterexistiere. S. likte zudem antisemitische Seiten. Unter seinen Onlinefreunden finden sich zwar einzelne Kurden und Türken, aber auch offensichtliche Neonazis.

Die aus der nordirakischen Region Sengal (Sindschar) stammende Familie Khalaf gehört der jesidischen Glaubensgemeinschaft an. Nach dem von den Vereinten Nationen als Völkermord eingestuften Überfall des »Islamischen Staates« (IS) auf Sengal im Sommer 2014 waren die Khalafs mit ihren sechs Kindern über die Türkei und Griechenland nach Deutschland geflohen. Sie ließen sich in Celle nieder, wo sich die größte jesidische Gemeinde außerhalb des Mittleren Ostens befindet. »Wir sind über das Wasser gekommen und hier im Blut ertrunken«, zeigte sich Arkans Schwester Halime gegenüber der kurdischen Tageszeitung Yeni Özgür Politika über den Mord an ihrem jüngsten Bruder erschüttert.

»Junge (15) in Celle niedergestochen – er stirbt im Krankenhaus. Nationalität des Tatverdächtigen wird nicht genannt. Keine Fragen. Man weiß doch eigentlich Bescheid«, twitterte der AfD-Fraktionsvorsitzende im niedersächsischen Landtag, Jörg Nobis nach Bekanntwerden der Bluttat. Der Politiker der rechtsextremen Partei, die gerne Stimmung gegen vermeintliche »Messermigranten« macht, suggerierte damit, es habe sich bei dem Täter um einen »Ausländer« gehandelt. Als gemeldet wurde, dass Daniel S. ein Deutscher und sein Opfer ein Flüchtling ist, löschte Nobis kommentarlos seinen Tweet.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Irmela Mensah-Schramm: Ermittlungsbehörden im Wahn Die Opfer der faschistoid-fanatisierten Täter sind nur »Zufallsopfer«? Glaubt denn die Ermittlungsbehörde noch an den Osterhasen? Was muss hier denn noch passieren, bis die Behörden endlich wirklich h...

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