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Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

»Auch ein Produkt. Hehe«

Nichts läuft mehr im Fußball, auch nicht beim 1. FC Nürnberg. Ein Gespräch mit Achim Greser und Heribert Lenz (Teil eins von zwei)
Von Jürgen Roth
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Für die zweite Liga gerettet? Training beim 1. FC Nürnberg am Montag (rechts Trainer Jens Keller)

Euer italienischer Grieche mit deutscher Küche hat zu, Viktoria Aschaffenburg spielt nicht – wie kriegt ihr den Tag rum, vor allem das Wochenende?

Greser (lacht): Ja, mit Wichsen. Nein. Bei mir ist es so, dass ich überrascht bin, wie lässig ich diesen vermeintlichen großen Verlust und diese Einbuße wegstecke. Das macht mir eigentlich gar nichts aus. Es gibt keine Entzugserscheinungen. Für meinen persönlichen Fußballfanhaushalt ist es sogar ganz sinnvoll. Am besten wäre es, wenn sie die Saison für nichtig erklärten, weil dann der Club (1. FC Nürnberg, Red.) wenigstens für die zweite Liga gerettet wäre. Und wenn man das Große betrachtet, tritt jetzt auch in diesem Fußballgeschäft ein, was viele insinuieren: dass die Krise doch einen klaren Einblick gewährt in Dinge, die überfälligerweise schon lange so hätten betrachtet werden müssen.

Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr. Meinst du das?

Greser: Genau. Diese aberwitzigen Auswüchse – was einem schon länger, mir jedenfalls, auf den Sack geht. Nur weil das Spiel so schön ist und weil man wie ein kinderfrommer Bub darauf konditioniert ist bis zum letzten Schnaufer und nicht davon loskommt, hängt man halt noch dran. Im Grunde ist das völliger Quatsch. Das hat mit einem ja nichts mehr zu tun, und diese abgehobenen Typen, die das betreiben, die sind einem fremd. Gerade hierzulande wurde ja immer drum herumgeredet und nach außen behauptet und plakatiert, dass der Fußball ein romantischer, sozialer und gesellschafts- und gemeinschaftszusammenhaltender Vorgang sei. Aber jetzt – bisher hat man das strikt vermieden – wird ausdrücklich gesagt, zum Beispiel von diesem Herrn Seifert von der DFL (Deutsche Fußballiga, Red.), man müsse zugeben: Ja, okay, das, was wir anbieten, ist nun mal auch ein Produkt. Hehe.

Aber der Herr Seifert hat vor ein paar Tagen außerdem gesagt, der Fußball könne ein Krisenhelfer für Millionen Deutsche sein.

Greser: Auch die Kirchen meinen, dass sie das jetzt werden – oder sämtliche Sozialarbeiter oder jede Basteltante, die über Youtube Kurse gibt, wie man die Zeit rumbringt. Die meinen alle, sie seien nun systemisch und wichtig für den Erhalt des Ganzen und zwecks Verhinderung der Mordbrennerei. Ich bin gespannt, ob es so weit kommt, dass der Fußball für systemisch erklärt wird und diese stinkreichen Drecksvereine mit Steuergeldern gepampert werden, damit der große Zirkus erhalten bleibt.

Heribert, siehst du das auch kommen – dass Karl-Heinz Rummenigge Anträge auf Staatshilfen stellt?

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Achim Greser (l.) und Heribert Lenz im Atelier in Aschaffenburg

Lenz: Zunächst ist mir aufgefallen – und das ist die sehr angenehme Seite daran, dass man im Moment vom Fußball endlich mal nichts mehr hört –, dass der von mir befürchtete Aufstand der durchgeknallten Fans vollständig ausbleibt. Viele kommen anscheinend gut damit zurecht, dass nicht ständig der Fußball breitgetreten wird. Auf der anderen Seite fällt mir auf, dass jeden Tag irgendwas vom zeternden und knörenden Rummenigge zu hören ist. Der lamentiert permanent über seine Riesenverluste! Achim sagt immer, dass man angesichts dieser Formulierung »Was am Ende des Tages übrigbleibt« in der Tat befürchten muss, dass er‘s am Ende des Tages schafft, dass die Fußballkonzerne für systemrelevant erklärt und subventioniert werden.

Andererseits wird angesichts dieser völlig stimmungsfreien Geisterspiele sehr schön deutlich, dass die Zuschauer als Hintergrundrauschen gebraucht werden – und natürlich diejenigen daheim, als Bezahlesel der Fernsehsender, die den ganzen Schrott finanzieren.

Man könnte ja die Zuschauerkulissen reinpixeln. Oder noch weitergedacht: Der ganze E-Sports-Unfug, der jetzt abgefackelt wird – mit »Bundesliga Home Challenge« und »ESL Pro League« und »digitalen Spieltagen« – ist doch wegweisend. Die sollen in Zukunft die Bundesliga einfach komplett an oder gleich von Computern ausspielen lassen.

Lenz: Das wär‘s. Zumindest die Kulissen sollen sie – wie früher in den Comedysendungen die Lacher – aus der Dose einspielen. Aber es ist ja wirklich schön zu sehen, dass die Offiziellen, die diese Fußballkuh drei- oder viermal gemolken haben, jetzt regelrecht Schiss haben. Keine andere Branche regt sich ständig darüber auf, dass man unglaubliches Geld verliert. Nein, schon wieder sind es die Fußballer! Vor allem in Person von Rummenigge.

Wie konnte der Fußball, zumindest im Medialen, eine derart lachhafte, groteske Bedeutung erlangen?

Lenz: Das ist für mich auch nicht nachvollziehbar. Aber es gibt anscheinend viele Menschen, für die der Fußball ein Lebensinhalt ist oder war. Die Verkäufer versuchen das alles ja noch zu befeuern, indem man Vereine wie Dortmund und Schalke folkloristisch als Arbeitervereine inszeniert. Das ist natürlich rundherum völliger Quark, aber es scheint lange funktioniert zu haben. Und jetzt haben die Bonzen augenscheinlich Schiss, dass ihnen die Felle davonschwimmen und dass vielleicht einige anfangen nachzudenken. Durch diese Entwicklungen wird der Fußball eventuell wieder auf Normalmaß zurechtgestutzt. Es kann doch nicht sein, dass man sich jeden Tag sämtliche Ligen reinziehen kann!

Die Bayern Achim Greser (58,) und Heribert Lenz (62) zeichnen seit 1996 gemeinsam regelmäßig für die FAZ. Ihr Motto: Jeder Krieg hat seine Opfer, das gleiche gilt für den guten Witz.

Teil zwei des Gesprächs am kommenden Dienstag: Über Viktoria Aschaffenburg und den unfassbaren Deppenkanal Sky Sport News