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Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 15 / Medien
Zensur durchbrochen

Explosiver Sender

Radiogeschichte(n): In El Salvador verbreitete die Guerilla in den 1980er Jahren mit Radio Venceremos die Wahrheit über den Bürgerkrieg
Von André Scheer
Radio_Venceremos_Reconstruction.jpg
Nachbildung der Sendeanlage von Radio Venceremos in einem Museum in San Salvador

Oberstleutnant Domingo Monterrosa Barrios gehörte während des Bürgerkrieges in El Salvador als Befehlshaber des Elitebataillons »Atlacatl« zu den wichtigsten Armeekommandeuren. Und er galt als Schützling der US-»Berater«, die das Regime in dem zentralamerikanischen Land beim Kampf gegen die linke Widerstandsbewegung unterstützten. Im Dezember 1981 waren auf seinen Befehl hin in der abgelegenen Region El Mozote die Einwohner mehrerer Dörfer zusammengetrieben und ermordet worden. Seiner Karriere tat das keinen Abbruch.

Im Oktober 1984 glaubte sich Monterrosa am Ziel seines Strebens. Seine Leute hatten den Sender von Radio Venceremos erbeutet. Die Stimme der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) war dem Offizier ein Dorn im Auge, seit sie am 10. Januar 1981 den Betrieb aufgenommen hatte. Sie durchbrach die Zensur und hatte auch über das Massaker in El Mozote berichtet. Mehrere Versuche, den Sender zum Schweigen zu bringen, waren gescheitert. Doch nun waren die Guerilleros in ein Gefecht mit seinen Soldaten geraten, auf ihrer Seite hatte es Verletzte gegeben. Um ihre Verwundeten retten zu können, ließen die Aufständischen die schwere Funkanlage zurück. Die Soldaten hatten die Kiste abtransportiert, und Monterrosa wollte sich mit seiner Trophäe als strahlender Sieger den versammelten Journalisten präsentieren, die am nächsten größeren Stützpunkt auf ihn warteten. Radio Venceremos schwieg, und das war sogar dem US-Sender Voice of America eine Meldung wert gewesen.

Der Offizier ließ es sich nicht nehmen, selbst den Hubschrauber zu besteigen, in dem die Beute zu den wartenden Medienvertretern gebracht werden sollte. Doch kaum hatte der Helikopter mit seinen Passagieren und der wertvollen Fracht abgehoben, gab es eine Explosion. Die Maschine ging in Flammen auf, keiner der Insassen überlebte. In einem ersten Kommuniqué sprach die Militärführung von einem technischen Defekt, doch kurz darauf meldete sich das totgeglaubte Radio Venceremos wieder zu Wort.

Monterrosa war in die Falle gegangen. Seine Soldaten hatten nicht den echten Sender erbeutet, sondern eine Attrappe, die mit Sprengstoff gefüllt und mit einer Fernsteuerung versehen war. Als sich die Aufständischen sicher waren, dass sich tatsächlich der verhasste Offizier an Bord des Hubschraubers befand, hatten sie den Zünder aktiviert.

Radio Venceremos (Wie werden siegen) gilt bis heute als einer der weltweit bekanntesten Untergrundsender der 1980er Jahre. Mehrmals täglich meldete sich die offizielle Stimme der FMLN und informierte auf UKW und Kurzwelle aus dem von der Guerilla kontrollierten Gebiet in Morazán über Verbrechen des Militärs, Menschenrechtsverletzungen und die Politik der Befreiungsbewegung. Bis zum Ende des Krieges in dem zentralamerikanischen Land konnten die Herrschenden den Sender nicht zum Schweigen bringen. Das lag auch an der internationalen Solidarität. So gab es in Westdeutschland die maßgeblich von der SDAJ betriebene Kampagne »Ein Sender für Radio Venceremos«, Geld kam auch von der den Grünen nahestehenden Stiftung »Buntstift« und von Schweizer Aktivisten.

Im 1992 unterzeichneten Friedensabkommen von Chapultepec, das den Krieg beendete, wurde Radio Venceremos eine legale Frequenz zugesprochen. Doch der Sender schaffte den Übergang nicht. Aus dem Kampfradio wurde ein kommerzielles Musikprogramm, das erst auf Wortbeiträge verzichtete und mittlerweile das Programm einer evangelikalen Sekte verbreitet. In der Tradition des revolutionären Senders arbeitet heute Radio Maya Visión als Stimme der zur legalen Partei gewordenen FMLN. Ein Archiv der Sendungen von Radio Venceremos findet sich im von ehemaligen Mitarbeitern gegründeten »Museum des Wortes und des Bildes« in der Hauptstadt San Salvador.

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