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Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Brandbeschleuniger

Algerien am Limit

Coronakrise und Ölpreisverfall destabilisieren angeschlagene Wirtschaft des nordafrikanischen Staates
Von Sofian Philip Naceur
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Desinfektion in Algier am 23. März: In dem nordafrikanischen Land sorgt die Coranoviruspandemie neben dem Preisverfall beim Devisenbringer Erdöl für wirtschaftliche und soziale Probleme

In einer eindringlichen Stellungnahme hat Algeriens Energieminister Mohamed Arkab am Sonntag alle Erdöl- und Erdgasförderländer aufgerufen, sich auf eine »globale, drastische und sofortige« Reduzierung der Fördermenge zu einigen. Algerien werde sich dafür einsetzen, eine »einvernehmliche Lösung« der Konflikte zwischen den Beteiligten zu suchen, und dazu beitragen, »den Ölmarkt zum Nutzen der Erzeuger- und Verbraucherländer zu stabilisieren«, so der Minister. Eine für Montag geplante Videokonferenz der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und der mit dieser assoziierter Staaten (OPEC plus) war angesichts der Spannungen zwischen Saudi-Arabien und Russland auf den heutigen Donnerstag verlegt worden.

Anlass der Wortmeldung ist der Einbruch der Weltmarktpreise für beide fossile Rohstoffe, der vor allem kleine und mittelgroße Förderstaaten wie Algerien hart trifft. Staaten, deren Wirtschaft fast vollständig von Öl- und Gasexporten abhängt, stehen bereits seit 2015 unter Druck. Seither hat sich der durchschnittliche Preis für Rohöl fast halbiert. Durch die Coronaviruspandemie wurde der Verfall zusätzlich beschleunigt. In der vergangenen Woche war der Preis auf dem tiefsten Stand seit den 1990er Jahren gefallen. Während ein Fass (Barrel; 159 Liter) der Nordseeölsorte »Brent« nur noch rund wenig mehr als 20 US-Dollar kostete, verbilligte sich die algerische Sorte »Sahara Blend« kurzzeitig sogar auf weniger als 15 US-Dollar pro Fass.

Der Preissturz ist nicht nur der Coronakrise und dem »Herunterfahren« der Weltwirtschaft geschuldet, sondern auch dem jüngsten Kräftemessen zwischen den Förderriesen Saudi-Arabien und Russland. Das OPEC-Kartell hatte 2016 unter maßgeblicher Beteiligung der Russischen Föderation die »OPEC plus« ins Leben gerufen, um mittels Absprachen bei den Fördermengen das Öl wieder zu verteuern. Der Deal war erst im Dezember verlängert worden. Riad und Moskau fanden sich jedoch zuletzt in einem Zermürbungskrieg um Marktanteile wieder, als die Saudis nach der russischen Ablehnung weiterer Drosselung ihre Produktion steigerten – zum Unmut kleinerer Förderer.

Die Ölgesellschaft Saudi Aramco hatte im März erklärt, die Produktion um eine Million Fass Öl pro Tag ausweiten zu wollen, nachdem Russland kurz zuvor seinerseits angekündigt hatte, die tägliche Fördermenge stark zu erhöhen. Überrascht von der Aggressivität der saudischen Reaktion lenkte Moskau vergangene Woche etwas ein und zeigt sich seither kompromissbereit.

Der Rückgang der Nachfrage und der »Wunsch einiger Länder, mit maximaler Kapazität zu produzieren«, sei dabei für kleinere Erzeuger ein »doppelter Schock«, so Algeriens Energieminister. Seinem Land stehen in der Tat unruhige Zeiten bevor, droht das Kräftemessen zwischen Riad und Moskau (und den US-Schieferölförderern als zusätzliche Beteiligte des Konfliktes) auf dem Rücken kleinerer Produzenten ausgetragen zu werden. Die korrupte und autoritär regierende algerische Staatsführung hat es in den Boomjahren zwischen 2003 und 2014 versäumt, die Wirtschaft zu diversifizieren und in anderen Wirtschaftszweigen Arbeitsplätze zu schaffen sowie staatliche Einkünfte abseits der Erdöleinnahmen zu generieren. Rund 70 Prozent des Budgets und 98 Prozent der Deviseneinnahmen stammen aus dem Öl- und Gasexport. Algeriens Devisenreserven sind von 195 Milliarden US-Dollar Ende 2014 auf noch 62 Milliarden Anfang 2020 zurückgegangen.

Der Preissturz birgt eine verheerende soziale Sprengkraft und bringt das Land näher an einen wirtschaftlichen Zusammenbruch, der es auch politisch destabilisieren würde. Seit Februar 2019 zieht die Bevölkerung gegen die Herrschenden und für einen politischen Wandel auf die Straße. Die Protestbewegung hat angesichts der Pandemie zwar Mitte März ihre allwöchentlichen und seit 57 Wochen stattfindenden Freitagsdemonstrationen vorerst eingestellt. Doch bevorstehende Kürzungen im Sozialbereich dürften nach Ende der Covid-19-Krise die Proteste schnell wieder anschwellen zu lassen.

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