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Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 2 / Inland
Aufnahme von Flüchtlingen

Geste aus Berlin

Bundesrepublik nimmt 50 Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern auf
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Ein geflüchteter Junge inmitten weggeworfener Schuhe nahe Camp Moria (Lesbos, 9.3.2020)

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch in Berlin entschieden, 50 unbegleitete Kinder aus den überfüllten Flüchtlingslagern in Griechenland aufzunehmen. Die Kinder sollen Ende kommender Woche nach Deutschland geflogen werden. Die ersten beiden Wochen nach ihrer Einreise verbringen die Kinder, die alle noch in Griechenland auf das Coronavirus getestet werden, dann in Quarantäne in Niedersachsen. Anschließend sollen sie auf mehrere Bundesländer verteilt werden. Außer Deutschland ist derzeit nur Luxemburg zur Aufnahme bereit, zunächst sollen zwölf junge Migranten aus den informellen Lagern dorthin gebracht werden. Weitere Staaten, die ursprünglich ebenfalls Hilfe zugesagt hatten, machen den Zeitpunkt der Aufnahme davon abhängig, wann sie die Coronapandemie in den Griff bekommen.

Der Koalitionsausschuss von Union und SPD hatte im März beschlossen, zusammen mit anderen EU-Staaten insgesamt 1.000 bis 1.500 Kinder aus Griechenland zu holen und zu betreuen. Deutschland wolle in nächster Zeit noch rund 300 bis 450 weitere Kinder aus Griechenland aufnehmen, so die Bundesregierung. Die geringe Zahl der jetzt Aufgenommenen wird mit komplizierten Auswahlverfahren und schwierigen Identitätsfeststellungen begründet.

Der Beschluss wurde vielfach als unzureichend kritisiert. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth bemängelte, dass die Zusage von Bundesinnenminister Horst Seehofer »längst überfällig und zugleich ein Tropfen auf den heißen Stein« sei. Diakonie-Präsident Ulrich Lilie forderte, Deutschland und die EU müssten sofort handeln und wesentlich mehr Menschen ausfliegen. Ein Ausbruch von Covid-19 in den griechischen Flüchtlingslagern hätte eine humanitäre Katastrophe zur Folge. Dagegen plädierte der Koordinator der Organisation Ärzte der Welt auf der Insel Lesbos, Dimitris Patestos, für eine Verbesserung der Bedingungen in Moria und den anderen Lagern. Eine Evakuierung sei in der Coronakrise zu gefährlich, zumal zwei Lager bereits unter Quarantäne stehen.

Aktuell halten sich rund 39.700 Flüchtlinge auf den griechischen Ägäisinseln auf. In den vergangenen drei Monaten hatten die Behörden rund 11.000 Menschen aus den informellen Flüchtlingslagern auf das Festland gebracht. (dpa/jW)

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