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Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 2 / Inland
Unterbringung von Flüchtlingen

»Infektionsrisiko ist selbst für Laien erkennbar«

Flüchtlingsunterkünfte sind für ihre Bewohner während der Coronapandemie besonders gefährlich. Ein Gespräch mit Mark Gärtner
Interview: Gitta Düperthal
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Zwei Wochen unter Quarantäne: Polizeifahrzeug auf der Rückseite der zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber des Landes Sachsen-Anhalt in Halberstadt (27.3.2020)

Die Lage in den Flüchtlingsunterkünften ist auch in Sachsen problematisch. Die Zustände in der Erstaufnahmeeinrichtung im sächsischen Dölzig bezeichnen Bewohner als unhygienisch – und das in Zeiten der Coronapandemie. Müssen sie um ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten?

In Dölzig leben etwa 400 Geflüchtete. Bewohner haben Videos gedreht, die belegen, wie katastrophal die hygienische Lage in den Mehrbettzimmern und sanitären Anlagen dort ist: leere Seifenspender in gemeinschaftlich genutzten Waschräumen, Desinfektionsmittel nicht vorhanden. Während überall die Rede davon ist, physische Kontakte mit anderen Menschen zu meiden, teilen sich dort fünf Geflüchtete ein etwa 25 Quadratmeter großes Zimmer. Das hohe Infektionsrisiko ist selbst für den medizinischen Laien erkennbar.

Einer der Bewohner, Mohsen Farzi Zadeh, der einen Beschwerdebrief mit unterzeichnete, wurde keine 24 Stunden später nach Chemnitz verlegt.

Mohsen Farzi empfand seine Verlegung in die Chemnitzer Einrichtung als Strafaktion, weil er mit der Presse über die Zustände in Dölzig gesprochen hatte. Dort sind nur behinderte und psychisch kranke Menschen untergebracht. Er empfand das als Isolation, zumal er niemanden dort kannte, mit dem er hätte reden können. Am Montag machte Juliane Nagel, Sprecherin für Migrations- und Flüchtlingspolitik der Fraktion Die Linke im Landtag, den Fall publik. Der sächsische Flüchtlingsrat und andere Organisationen zeigten sich empört. Nach dem öffentlichen Druck, der durch die Selbstorganisation der Bewohner und deren Beharren auf der freien Meinungsäußerung ausgelöst wurde, revidierten die Behörden ihre Entscheidung: Am Dienstag schrieb uns Mohsen Farzi, er sei wieder zurück in Dölzig.

Wie verändert die Coronakrise die Lage für die rund 7.000 Geflüchteten in Sachsen?

Wir kritisieren, dass die rund 2.000 Asylsuchenden in den landeseigenen Aufnahmeeinrichtungen und die rund 5.000 in den Gemeinschaftsunterkünften der kreisfreien Städte und Landkreise beengt, teilweise sogar dreckig und unhygienisch untergebracht sind. Das ist nicht nur unwürdig, sondern während der Pandemie gefährlich.

Gab es bereits Infektionen mit dem Coronavirus?

In der Leipziger Aufnahmeeinrichtung gab es zwei positiv getestete Personen. Teilquarantäne wurde verhängt, eine komplette Abriegelung wie in Halberstadt in Sachsen-Anhalt in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber wurde aber vermieden. Wir hoffen, dass sich in Sachsen solche Bilder nicht wiederholen: Nachdem einige der 839 Bewohnerinnen und Bewohner dort positiv auf Corona getestet wurden, durfte dort keiner mehr das Gelände verlassen. Am Sonntag begannen Geflüchtete dort einen Hungerstreik, forderten bessere Versorgung mit Hygieneartikeln und Essen.

Wie schätzen Sie den Umgang mit Geflüchteten in den Unterkünften ein?

Dahinter kann die Absicht vermutet werden, dass es zu einer »Durchinfektion« aller dort lebenden Geflüchteten mit dem Virus kommen soll. Deren Erkrankung würde in dem Fall also von staatlicher Seite in Kauf genommen. Davor haben diese Menschen berechtigte Angst. Zumal es mit dem Zugang zur Gesundheitsversorgung jetzt schon Probleme gibt, geht ihr Vertrauen, im Ernstfall versorgt zu werden, gegen Null.

Es ist die Rede von einer Zunahme häuslicher Gewalt aufgrund der Enge während der Pandemie. Könnte das auch in den Lagern eine Rolle spielen?

Wir haben bislang darüber keine konkreten Berichte vorliegen. Wir können aber auch nicht hinein, um mit den Menschen dort darüber zu reden, haben nur Kontakt über Telefon.

Welche Maßnahmen fordert der Flüchtlingsrat zum Schutz vor Corona?

Wir fordern, die Menschen in leerstehende Hotels und Wohnungen zu verlegen, um Zustände wie in Halberstadt zu vermeiden. Was den Seuchenschutz angeht, sind derlei Großeinrichtungen sowohl für die Geflüchteten als auch für die gesamte Gesellschaft gefährlich. Denn bildet sich dort ein Infektionsherd, kann das Virus schnell weitergetragen werden. Selbst, wenn die Unterkünfte komplett unter Quarantäne gestellt werden, was unwürdig ist: Sozialarbeiter- und arbeiterinnen und Sicherheitsleute – oder die Polizei im Fall eines Einsatzes – gehen rein und raus.

Mark Gärtner ist Sprecher des sächsischen Flüchtlingsrats

Debatte

  • Beitrag von Klaus W. aus L. ( 9. April 2020 um 09:33 Uhr)
    Wenn man sich den Film auf dem MDR anschaut, sieht man ein sauberes Zimmer für fünf Personen. Die untergebrachten Flüchtlinge scheinen auf Sauberkeit zu achten. Auch die Toilettenräume sind sauber. Ein verstopftes Pissoir, das soll ja mal passieren. Leere Seifenspender sieht man nicht. Es gibt gar keine, da sich jeder Bewohner seine Seife selbst mitbringen muss in die Toilette, dasselbe gilt auch für das Klopapier. Die Sanitärräume werden zweimal täglich gereinigt, und Desinfektionsmittel sind auch an den Stellen vorhanden, wo sie gebraucht werden.

    Der auskunftgebende Bewohner behauptet, dass er seine Toilette jedesmal fünf Minuten reinigen muss. Die anderen Flüchtlinge müssen ganz schöne Schweine sein, wenn das wahr ist. Ich glaube aber nicht, dass die anderen Bewohner alles Schweine sind.

    In dem Film des »Reporters« wird außerdem ein Skandal provoziert. Er filmt die Flüchtlingsunterkunft. Überall ist das verboten, um Nazis keine Anschlagsziele zu bieten. Danke, MDR, dass du ein Anschlagsziel geschaffen hast.

    Außerdem kommt auch der Hinweis im Film darauf, dass aktuell das Essen auf dem Zimmer erlaubt ist, damit das Ansteckungsrisiko im Speisesaal gesenkt wird.

    Um EAEs und andere Gemeinschaftsunterkünfte zu diskreditieren, sollte man andere Gründe finden. Die es gibt.

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