Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 08.04.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Eine Alles-Rakete

Coronatagebuch zweier Eltern mit Kleinkindern
Von Katharina Bendixen, David Blum
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»Schlimmer wäre, wenn ich auch arbeiten würde«

Katharina Bendixen (*1981 in Leipzig) schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene, David Blum (*1983 in Potsdam) arbeitet als Redakteur in einem Verlag und als Reisebuchautor. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern (vier Jahre bzw. ein Jahr alt) leben sie in Leipzig.

31.3., Katharina:

Nach erstem Entsetzen »Die Kindergärten schließen?« und darauf folgendem Stolz: »Klappt doch gar nicht schlecht!« hat nun die dritte Phase begonnen: Erschöpfung. David und ich fangen an, um die Zeit im Schreibatelier zu streiten. Heute streiten wir sogar darüber, wer die Wohnung putzen darf, denn das bedeutet, zwei Stunden lang Podcasts hören zu können und mit niemandem reden zu müssen. Manchmal frage ich mich, ob das an dem Virus liegt oder ob die Widersprüche unseres Lebensmodells einfach verstärkt zutage treten: Lohnarbeit, Schreiben, zwei kleine Kinder, dazu der Wunsch nach Freiraum – schon im Normalzustand ist es schwierig, einen Ausgleich zu finden.

1.4., David:

Die Arbeit am Roman geht nur langsam voran. Dabei bräuchte ich höchstens zwei Wochen, um die erste Fassung zu beenden. Nun strecken sich diese zwei Wochen auf Monate. Nachmittags im Wald ist L. nicht abzubringen von der Idee, die Bäume zu fällen, um daraus im Hof eine Alles-Rakete zu bauen. Wir einigen uns darauf, das mitzunehmen, was schon am Boden liegt – er zeigt auf eine umgefallene Buche, die nicht durchs Hoftor passen würde. Schließlich gibt er sich mit einigen Ästen zufrieden, sie müssen vor der Wohnungstür gelagert werden. Urlaubssemester für mein Zweitstudium beantragt. »Sonstige Gründe« angekreuzt, dahinter geschrieben: »Kinderbetreuung wegen Pandemie.«

3.4., Katharina:

Erzählerische Herausforderung beim Spazierengehen: Der Große will, dass ich ein Auto erfinde, auf dem ein Schiff festgeschnallt wird, wobei das Schiff wiederum auch das Auto transportieren können muss. Erzählerische Lösung: Eine geniale Professorin – vielleicht kann sie auch bei der Impfstoffsuche nützlich sein. Auf dem Nachhauseweg sehe ich einen Mann, der die Klebeschrift von seinem Auto kratzt. »Dia Modern GmbH« ist noch zu erkennen. Insolvenz? Abends lese ich in der Rundmail einer Kollegin: »Genießt die freie Zeit«. Garantiert kinderlos, denke ich, und als wäre das nicht genug, hat mir eine Freundin geschrieben: »Ich habe viele Ideen, was ich in der Wohnung in Angriff nehmen kann«.

4.4., David:

Ein großer Pappkarton, in dem uns kurz vor der Krise ein Koffer geliefert wurde – Prämie des Bonusprogramms unserer Krankenkasse –, wird zum Bison, den Häuptling Wilder Bär, Großer Adler und Kleine Feder im Wohnzimmer erlegen, während Liebe Sonne im Schreibatelier sitzt. Mit Kindermessern bearbeiten wir uns unsere Beute, reißen in großen Fetzen die papierne Haut herunter, amerikanische Ureinwohner mit Ausgangssperre. Später zum ersten Mal seit zehn Tagen wieder einkaufen.

5.4., Katharina:

Telefonat mit einer Freundin: Sie ist Grundschullehrerin, ihr Mann Psychiater. Nun ist sie mit den drei Kindern Tag für Tag elf Stunden allein. »Wie hältst du das aus?« frage ich. »Schlimmer wäre, wenn ich auch arbeiten würde«, sagt sie, »dann müssten die Kinder in die Notbetreuung.« Genauso machen David und ich es auch: Stell dir vor, wir wären Musiker. Oder Schauspieler. Oder wir würden nicht Romane, sondern Theaterstücke schreiben. Oder stell dir vor, wir hätten keine Kinder, wären Singles, seit drei Wochen allein.

6.4., David:

L. hat den Traum von der Alles-Rakete nicht aufgegeben, heute baut er sie zusammen mit dem Nachbarsjungen im Hof. Gemeinsam überlegen sie, wie die Rakete am besten gegen Corona zu verteidigen sei, und geraten darüber aneinander. Ich lenke sie mit einer Gießkanne ab, die Kinder verteilen das Wasser, bis die wenigen Beete schwimmen. Gibt es so etwas wie eine Analogiesucht – die Neigung, in allem eine Entsprechung für »die aktuelle Situation« zu suchen?

8.4., Katharina:

Manchmal, wenn ich meine Kinder betrachte, ergreift mich ein Gefühl der Unwirklichkeit. Ich betrachte diese beiden Wesen und kann nicht fassen, dass sie an mich gebunden sind, so wie ich an meine Eltern gebunden bin, und dass sie gegen diese Bindung nicht ankommen, selbst wenn sie das wollen, später einmal.

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