Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 08.04.2020, Seite 10 / Feuilleton
Musikfernsehen

Stoppt den Routine-Express

Konzerte werden abgesagt, junge, spannende Musiker sind in Not. Warum werden sie nicht vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen gefördert?
Von Berthold Seliger
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»Glitzerklassik at its best« (»Zauberflöte« in Berlin)

In Zeiten der Pandemie ändert auch der deutsch-österreichisch-schweizerische Kultursender 3sat schon mal kurzfristig sein Programm und sendet ein Wochenende lang Musik: Am Samstag »widmete 3sat einen ganzen Tag der Klassik«, am Sonntag gab’s beim Spartensender (Marktanteil 1,3 Prozent) Rock und Pop »around the clock«. Viele werden sagen: Logisch, dass ein Kultursender ausführlich Musik sendet. Aber nicht nur bei ARD und ZDF war der Programmbereich »Musik« in Sachen »Sendeleistung« (also »Erstsendeminuten«) im Jahr der neuesten Zahlen, 2018, das absolute Schlusslicht, noch hinter »Religion«; der Anteil von Erstsendungen und Wiederholungen von Musiksendungen lag bei ARD wie ZDF im nicht messbaren Bereich, nämlich bei 0,0 Prozent (bei der ARD waren es gerade einmal 203 Sendeminuten). Nein, auch beim Kultursender 3sat ist der Anteil von Musiksendungen verschwindend gering: Gerade einmal 3,3 Prozent der Sendezeit wurden 2018 bei 3sat mit Konzerten bestritten, nämlich 16.972 Sendeminuten, dazu kamen noch einmal 2.238 Sendeminuten (0,4 Prozent) für »Musiktheater«. Selbst auf dem »Kultursender« 3sat ist der Anteil von Sportsendungen noch höher als der des Musiktheaters.

Damit ist natürlich noch nichts über die Inhalte derartiger Musikprogramme gesagt. Am »Klassiksamstag« des 3sat-Musikwochenendes konnten die Zuschauer zum wiederholten Mal die einschlägigen Produktionen der Hochleistungsklassik sehen: »Zauberflöte«, »Schwanensee«, »Carmen« und gleich zweimal »der umjubelte Weltstar« Anna Netrebko, einmal in »Aida« und später noch mit einem Programm in der Berliner Waldbühne – Glitzerklassik at its best.

Zwar sollen laut Rundfunkstaatsvertrag Beiträge »insbesondere zur Kultur« der »Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung dienen«, doch ist die Kultur- und speziell die Musiksparte der Sender längst totgespart. Die Redaktionen wurden verkleinert und verfügen kaum noch über relevante Produktionsetats. Und hier kommen die Großkonzerne der Musikindustrie ins Spiel, die, sei es im Klassik-, sei es im Popbereich, aktuelle Produktionen ihrer Stars und Sternchen finanzieren und diese den Fernsehanstalten zur Ausstrahlung anbieten. Eine Win-win-Situation, wie man heute so sagt, jedenfalls für die Plattenfirmen, die sich über günstige Promotion für ihre Acts freuen können, und für die Fernsehanstalten, die ihre Sendeplätze kostengünstig füllen und ihre knapp neun Milliarden Euro aus den Rundfunkbeiträgen statt für Kultur für Sportübertragungen sowie Kitschfilme und biedere Fernsehkrimis aus allen Regionen Europas zum Fenster hinauswerfen können.

Die erhebliche Einflussnahme der Konzerne der Musikindustrie auf die Programmgestaltung der Klassiksendungen etwa auf 3sat spiegelt sich in einer programmatischen Einfallslosigkeit sondergleichen: Wo es auf Marktanteile ankommt, wird der kulturelle Anspruch gern über Bord geworfen. Und so gibt es nur das übliche dröge musikalische Einerlei, den »allgemeinen Routine-Express«, wie Hanns Eisler die Reduzierung der Klassikprogramme auf nur wenige Komponisten und Werke einmal genannt hat. Dabei wäre so ein »Klassiksamstag« doch eine wunderbare Gelegenheit, auch einmal etwas anderes zu senden: Henzes »The Bassarids« in der Inszenierung von Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin oder »Manon Lescaut« mit der grandiosen Asmik Grigorian an der Oper Frankfurt am Main zum Beispiel.

Das bisher Gesagte gilt nicht minder für den »Pop- und Rocksonntag« von 3sat. Auch hier der immergleiche musikalische Einheitsbrei mit The Who, Sting, U2, Coldplay und Elvis. Fertige Produktionen der Musikindustrie, die, so darf man es annehmen, zu günstigsten Bedingungen für die Viert- und Fünftverwertung zur Verfügung gestellt werden – it’s promotion, baby! Die Musikindustrie regiert das Programm, weil sie die meisten der Produktionen (mindestens mit-) finanziert hat. Und wenn es einmal nicht die weltgrößten Musikkonzerne sind, dann handelt es sich eben um von Private-Equity-Konzernen gesteuerte oder finanzierte mittelgroße Musikfirmen, die die Konzerte ihrer Musiker und Bands etwa auf Arte bezahlen, während die Öffis die Konzerte mitschneiden und dann im Gegenzug den Musikkonzernen zur Auswertung auf CD und DVD zur Verfügung stellen – ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, alles läuft wie geschmiert. Nur Künstlergagen werden von 3sat oder auch Arte in aller Regel nicht bezahlt, im gängigen Musikfernsehgeschäft ist so etwas nicht mehr vorgesehen, die Musiker und Bands treten für umme auf, sie profitieren schließlich von der Promotion durch die im Fernsehen gezeigten Auftritte.

Die Eintönigkeit, der fehlende Mut, die Marktgängigkeit des herrschenden Musikbiedermeier – all das ist den öffentlich-rechtlichen Musiksendungen durch die von den Musikkonzernen vorgegebenen Herstellungs- und Produktionsbedingungen quasi in die neoliberalen Gene eingeschrieben. Wäre es nicht gerade jetzt, wo die meisten Musiker aufgrund der Konzert- und Tourneeabsagen in wirtschaftlicher Not sind, an der Zeit, dass Kultursender wie 3sat sich ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Verpflichtung besinnen und statt der Konzerte altvorderer Rockrentner junge Musiker, neue Bands und spannende kleinere und mittlere Konzertproduktionen in ihr Programm hieven? Und, mindestens genauso wichtig: die Musiker ordentlich bezahlen und dadurch fördern? Ich kann mir einen 3sat-Musiksonntag zum Beispiel mit Auftritten von Felix Kummer, Slime und Sookee sehr gut vorstellen. Dazu etwa ein Porträt neuer Wiener Musiker (Voodoo Jürgens, Der Nino aus Wien) oder ein Mitschnitt der charmanten feministischen Berliner Konzertreihe »Ich brauche eine Genie«. Die Künstler werden fair bezahlt und damit in schwierigen Zeiten finanziell unterstützt. Und wichtige Musikfestivalfilme wie »Monterey« oder »Wattstax« sind auch noch nicht überspielt. Das wäre doch mal ein Musiksonntag jenseits kultureller Zipfelmützigkeit!

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