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Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Die Wölfin

Vom Alltag in der ­roten Zone in Rom
Von Peter Wawerzinek
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Seit Wochen gibt es hier ein zweites großes Thema neben dem alles bestimmenden. Die Idee, nach außen hin sichtbar eine Leinwand für künstlerische Darstellungen zu installieren, stammt von der Stipendiatin Esra Ersen. Es wurde überlegt, geplant und gebastelt. Schon bei den ersten Versuchen, den kleinen Einfall in groß umzusetzen, war Malerin Tatjana Doll Feuer und Flamme. Man muss wissen, dass ihre Arbeiten riesige Formate haben, sechs mal vier Meter sind normal. Doll arbeitet direkt an der Wand, bringt ihre Pinsel an lange Stangen an, um bis zum oberen Rand zu kommen.

In ihrem Studio hat sie ein Bild gemalt, das zeigt die Kapitolinische Wölfin mit den zwei Knaben Romulus und Remus. Sie laben sich an ihren Zitzen. Aus den Bildmaßen ergaben sich die des Rahmens. Ein erstes Modell wurde neben dem Hauptgebäude errichtet. Wind fuhr in die lose Konstruktion, blähte die Leinwand auf und riss sie aus der Verankerung. Das Bild blieb nahezu unbeschadet. Einzelne Stellen wurden ausgebessert. Der zweite Rahmen wurde stabiler gearbeitet, ein großes Holzgestell mit einer Rückwand aus Sperrholz. Kein Wind der Welt kann der Leinwand jetzt noch etwas anhaben. Alle Mann packten mit an, den neuen Rahmen an seinen Standort zu hieven. Mit Schraubzwingen, Haltelatten und Sicherungsseilen konnte er schließlich fest an der Außenmauer installiert werden.

Endlich war es soweit. Alle in der Villa Verbliebenen kamen zusammen. Was für eine Freude, welch schönes kleines Fest zur Einweihung des Riesenbildes! Korken knallten, alle stießen darauf an, wie toll sich das Dollsche Werk ausnimmt. Und dann wurde die Lichtanlage zu seinen Füßen eingeschaltet. Das spezielle Licht verwandelte die Wölfin und ihre beiden Säuglinge in ein leuchtendes Wunder. Einige hielt es nicht länger an der Brüstung oben. Sie liefen auf die Straße hinunter, sich die Farbenpracht von unten anzusehen. Leute, die einkaufen oder mit ihren Hunden Gassi gingen, blieben erstaunt stehen, schossen Fotos.

Drei Wochen lang ist das Bild nun von den Fenstern und Balkonen ringsum zu sehen. Ich werde berichten, wie sich die anderen Stipendiaten darstellen werden. Da noi per te per tutti.

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. (jW)

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