Gegründet 1947 Freitag, 29. Mai 2020, Nr. 124
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Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Unbeugsamen

Von Mesut Bayraktar
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Alles ging ganz schnell Plötzlich knallte die Tür auf Das klang wie eine Explosion und sie standen im Flur mit Sturmmasken und schwarzen Helmen und Handschuhen Nur die Augen waren zu sehen aber sie waren unterschiedslos und hatten uns im Visier ganz unterschiedslos Wer du bist zählt in diesen Momenten nicht Wer sie sind zählt in diesen Momenten auch nicht Es zählt nur wir gegen sie und sie gegen uns Das ist worauf es ankommt Freunde von mir brüllten sie an und beschimpften sie mit Verpisst euch Hau ab du Bullenschwein Sie hingegen waren ganz stumm wie das Eisenstück eines Vorschlaghammers das weit ausholt um mit einem Schwung das Hindernis zu zerstören Wir saßen im Wohnzimmer und hakten uns ein um es ihnen schwer zu machen Ich spürte meinen Puls am Hals und hatte höllische Angst Das war mein erstes Mal und die Genossen sagten mir dass das normal sei Das mit der Angst und so Manche waren schon seit Jahren dabei und hatten immer noch Angst Dann standen sie vor uns Schwer zu sagen wie viele Aber es waren viele Sie bohrten ihre Arme unter unsere Achsen oder drückten ihre Finger auf eine Stelle hinter unseren Ohren Einer von uns wehrte sich Dann zog ein Bulle seinen Schlagstock und ließ ihn wie einen Stein auf sein Handgelenk krachen Es machte Knack und er fiel zusammen wie ein Tuch Der Bulle schleifte ihn hinter sich her und sie verschwanden im Treppenhaus

Ich schaute auf meine Freundin Ihr Gesicht wurde bleich als ein Bulle mit dem Schlagstock einen Genossen zu Boden streckte Einige von uns standen auf und schubsten sie aus Protest zurück Man muss sich doch wehren Dann nahmen sie alle die Schlagstöcke in die Hände und sie schlugen wie verrückt auf uns ein auf die Köpfe auf die Schläfen auf die Handgelenke auf die Schultern Sie schlugen und schlugen als wären unsere Körper Boxsäcke Manchmal hörte ich das Brechen von Knochen Manchmal schrien Genossen dass sie aufhören sollten Manchmal hörte ich wie jemand vor Schmerzen weinte Mir lief Blut über die Stirn Ich sah nichts mehr aber ich schleuderte eine Faust nach der anderen in ihre Richtung Als sie für einen Augenblick aufgehört hatten öffnete ich die Augen und suchte meine Freundin Auf dem Boden lagen die Körper meiner Freunde Zwischen ihnen lag meine Freundin Ich schrie Ihr Arschlöcher Ihr Schweine Ich mach euch fertig und lief geradewegs auf sie zu Gedacht habe ich dabei nichts Als ich für einen Schlag ausholte sprühte mir plötzlich ein Bulle Pfefferspray in die Fresse So mitten in die Augen und in die Nase und in den Mund Ich konnte das Zeug auf der Zunge schmecken Dann lag ich auf dem Boden und alles war dunkel und still

Nach den Schlägen waren wir ihnen ausgeliefert Nach und nach trennten sie uns voneinander und zerrten uns aus der Wohnung Mit jedem einzelnen den sie aus der Wohnung schleppten wurden wir schwächer Ich hatte mich mit einer kleinen Gruppe gehalten Wir rückten enger zusammen hakten uns ein und drückten unsere Hände auf die Brust Diesmal waren sie geduldiger Sie sahen den Schreck vor dem Grauen auf unseren Gesichtern das sie vollbracht hatten Sie hatten Spaß daran So kamen sie rüber Sie schlugen nicht auf uns ein Sie deckten uns mit Pfefferspray zu Meine Augen brannten wie Sau Ich konnte sie kaum öffnen Ich wollte mit einer Hand das Zeug aus meinen Augen reiben aber mein Nachbar hinderte mich daran Er klemmte meinen Unterarm noch enger an seine Brust und sagte Jetzt nicht aufgeben Das wirst du schon überleben Aber ich hatte das Gefühl dass ich blind werde dass ich sterbe Auch musste ich husten als hätte ich ein Büschel von Haaren in der Lunge Ich wollte meine Organe aus dem Leib spucken und spürte eine Verkrampfung im Hals Ein Genosse schrie Er hat Asthma ihr Idioten Das war richtig Ich habe Asthma aber das interessierte sie nicht Sie hatten keine Gesichter Sie hatten Befehle Sie deckten uns mit Pfefferspray zu

Ich saß im zweiten Stock und hörte aus dem ersten Knallen und Schreie Gott hatte ich Angst Ich musste mir in die Hose pissen Ich dachte jeden Moment schlägt die Tür auf und ihr Hass rollt mit Knüppeln über unsere Köpfe Alle waren still und lauschten den Geräuschen von unten Geschlossen saßen wir in der Küche Ich fühlte mich wie im Vorzimmer der Hölle und plötzlich stand ein Wortführer auf Er war ein guter Freund der mir gezeigt hatte dass das was ich tue richtig war dass ich mich nicht raushalten darf nur weil ich Student bin Die die nicht studieren können zählen auf dich Das hat er oft gesagt Er stand also auf und sagte dass wir uns ergeben sollten Das klang wie ein Befreiungsschlag für mich Alle schwiegen Er fügte hinzu dass auch Kinder hier seien Das war richtig Sie hatten hier mit Mutter und Vater einen Monat gewohnt und wollten nicht weg Sie wussten auch nicht wohin wenn sie nicht unter einer Brücke oder im Park oder am Eingang eines Einkaufshauses schlafen wollten Sie waren aus dem Nahen Osten und sprachen kein Wort Deutsch Ob sie Papiere hatten weiß ich nicht einmal und wo sie jetzt sind weiß ich auch nicht Niemand weiß das Jedenfalls war noch immer Stille Wir schauten uns um und dachten nach Dann konnte jeder hören wie alle durchgeatmet hatten als hätte er das gesagt was alle gedacht hatten Während einer nach dem anderen aufstand erhob plötzlich jemand Einspruch Sie stritten sich kurz Einige beteiligten sich am Streit aber die Argumente meines Freundes überzeugten alle bis auf einen Er blieb noch sitzen Als wir die Wohnung verließen hörte ich wie er rief FRIEDE DEN HÜTTEN KRIEG DEN PALÄSTEN

Seit Hamburg machen sie uns fertig Diese Schweine Das Haus stand seit Jahren leer Es gehörte einem Kapitalwichser Obwohl Das ist falsch Es gehörte mehreren Kapitalwichsern die es sich einander zuwarfen bis die Preise im Viertel stimmten Am Ende wollten sie es sowieso abreißen Das bereiten sie gerade vor Jetzt ist das Haus mit Zäunen abgesperrt An dieselbe Stelle kommt dann ein anderes Haus das sich niemand leisten kann außer ihnen und wieder haben wir verloren Wenn wir nichts tun wer tut dann was Richtig Niemand tut dann was Niemand Auch der Staat nicht Der ist doch selbst Täter und schickt seine Hunde vor um uns zu verprügeln Der Staat macht nichts gar nichts Auch wenn seine eigenen Banken eine explodierende Überbewertung der Marktpreise von zweistelligen Prozentzahlen ermittelt haben Tendenz steigend Er macht nichts Tatsachen verschwinden im Gelächter der Macht und Immobilienbesitzer verdienen sich dumm und dämlich Die Zuschauer sagen Wie können diese Spinner es wagen leerstehenden Wohnraum zu besetzen Wie können sie nur Diese Linksradikalen Wenn aber Wohnen Ware wird und ein immer größerer Teil des Lohneinkommens von der Miete aufgesaugt wird Sozialbauprojekte auf ganzer Strecke fehlen und wenn Menschen Alleinerziehende oder Familien mit Hilfe der Staatsgewalt auf die Straße geworfen werden dann ist die Empörung nicht da Dann schweigt ihr Allenfalls wenn im Winter einem halb erfrorenen Obdachlosen auf den breiten Alleen der Einkaufsmeilen eine lausige Decke fehlt dann murkst eurer moralisches Gefühl rum Ihr seid Arschkriecher Merkt euch das Ihr seid Arschkriecher Wachprügeln müsste man euch Der soziale Notstand ist der Zustand in dem gewirtschaftet wird gegen uns und gegen euch Und was macht ihr Um euch stark zu fühlen arbeitet ihr gegen uns obwohl ihr Sklaven der Bürgerlichen seid Sie lachen über euch Wir wachen im Kalten damit ihr im Warmen schlafen könnt

Ich lag zwei Wochen im Krankenhaus Zwei Rippen waren zerschmettert Eine Zeitlang spuckte ich Blut aber das ist jetzt vorbei Nach dem Krankenhaus wurde ich zu einer Richterin bestellt Die Staatsanwaltschaft erhob Klage wegen Hausfriedensbruchs und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte Ich musste lachen als ich das gehört hatte Das gefiel weder dem Staatsanwalt noch der Richterin die wie Clowns aussahen Den Rest verstand ich nicht Sie sprachen in einer anderen Sprache über mein Leben Sie sprachen darüber als würde es ihnen gehören Mein Leben Hausfriedensbruch und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte verstand ich Die Richterin fragte mich warum ich gelacht hätte und ich sagte ihr dass man nicht den Frieden eines Hauses brechen kann wenn es leer steht Als ich das Fragezeichen auf ihrem Gesicht erkannte sagte ich dass die Bullen den Hausfrieden gebrochen hatten Nämlich unseren Wir waren friedlich Wir hatten niemandem etwas zuleide getan Selbst die Nachbarn und das ganze Viertel unterstützten unsere Aktion und niemand von ihnen beschwerte sich Dann kamen die Bullen und haben alles kaputtgemacht Diese Scheißbullen Die Richterin ermahnte mich dass ich aufhören solle Bulle zu sagen Aber ich blieb dabei Ich sagte immer Bulle Bulle Bulle weil sie Bullen sind Das ist doch klar Dann fragte sie mich was ich zu dem zweiten Anklagepunkt zu sagen hätte Ich sagte dass ich dazu nichts zu sagen hätte und zog mein Shirt hoch Sie wunderte sich und fragte warum ich das tue Ich sagte Na ja ich habe mir keinen Schlagstock auf den Brustkorb geschlagen um meine Rippen zu brechen Aber wieder bemerkte ich das Fragezeichen auf ihrem Gesicht als hätte sie meine Sprache nicht verstanden Nach zwei Stunden Gelaber wurde ich im Namen des Volkes verurteilt

Ich bin abgehauen Jetzt bin ich auf dem Land und werde hier ein halbes Jahr bleiben Vielleicht bleibe ich auch ein ganzes Jahr hier oder ich gehe ins Ausland Ich habe Genossen in Holland und in Italien und in Frankreich Mal sehen Wir sind nicht viele aber wir sind viele Irgend jemand reicht dir immer die Hand wenn du in der Scheiße steckst So habe ich das gelernt Ich bin ja lange dabei Wenn ich aus dem Radar bin komme ich wieder zurück und dann können die Bullen sich auf was gefasst machen Mal sehen wie lange das dauert Bis dahin müssen wir uns organisieren Gut organisieren so dass das nicht noch mal passiert Wir brauchen noch mehr Genossen Geduld ist nicht gerade meine Stärke Mit den Freunden konnte ich geduldig sein Aber ohne sie ist das schwierig und echt hart Allein fühlst du dich richtig scheiße und ohnmächtig und denkst du bist eine Null

Nach einigen Wochen hatten wir uns wieder getroffen Wir waren angeschlagen Einige waren verletzt Andere hatten sie erwischt Sie wurden verurteilt Und viele kamen nicht mehr weil sie Angst hatten oder sich versteckt halten mussten Wir sprachen darüber wie wir unseren Genossen helfen könnten Schließlich war das echt eine miese Nummer Das mit der Polizei und der Zwangsräumung So hatten wir das nicht erwartet Aber da machst du nichts Das beste ist du erwartest nichts Dann ist die Niederlage auch nicht so hart Dabei hatten wir echt was aufgebaut Es gab eine Werkstatt im ersten Stock und ein Atelier für Leute die was von Kunst verstehen Manche malten und andere machten etwas mit Ton oder Steinen Es gab auch Workshops und Lektürekreise Ich beteiligte mich eher in der Küche und sägte Bretter Denn mit Holz komme ich ganz gut klar Für die Einkäufe warfen wir was zusammen Jeder wie er kann Wenn man halt kein Geld hatte half man in der Küche oder mit Tragen und Aufbauen und Wegwerfen oder so was Zu tun gab es genug Jeder musste halt was machen Einfach abchillen und abgammeln gab es nicht Man musste sich nützlich machen Es fühlte sich schon gut an gebraucht zu sein Auf der Arbeit fühle ich mich nie nützlich Da habe ich einfach zwei Beine und zwei Arme ohne Kopf ohne Gefühle

Abends hörten wir Musik und dabei tranken wir Bier und rauchten Joints Das waren schöne Nächte Manchmal kamen auch Nachbarn vorbei Ansonsten hielten wir alles sauber Es gab sogar einen Putzplan Wir wechselten uns immer ab Jeder kam mal dran Im zweiten Stock wohnte eine Familie die ein Freund mitgebracht hatte Die waren nett und zwei Freundinnen versuchten denen Deutsch beizubringen Das war schon so ne Sache die findest du heutzutage nicht überall Leider konnten wir das nur zwei Monate durchhalten Vielleicht hätten wir skrupelloser sein müssen wie die Bullen So was bräuchten wir auch So was wie einen Staat nur besser Dann hätten wir das Haus noch Egal Es gibt genug Leerstand und wenn wieder eine Besetzung ansteht bin ich auf jeden Fall dabei Das habe ich meinen Genossen gesagt Warum Ist doch ganz einfach Weil es richtig ist Wenn du kein Obdach hast und Wohnungen leer sind dann nimmst du dir die Wohnung Ganz einfach Du nimmst dir was dir verweigert wird Punkt

Mesut Bayraktar, Jahrgang 1990, ist Schriftsteller. Er studierte Rechtswissenschaften und Philosophie, ­parallel gründete er 2013 mit anderen Nous. Zeitschrift für Neue Literatur, deren Redakteur er ist. Für die Taz schreibt er den Blog »Stil-Bruch«. 2018 erschienen das Theaterstück »Die Belagerten« und der Roman »Briefe aus Istanbul« (Dialog-Edition). Er ist Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg und sprach am 8. Juni 2019 auf der ­Melodie & Rhythmus-Künstlerkonferenz. An dieser Stelle erschien zuletzt in der Ausgabe vom 21./22. September 2019 die Geschichte »Besiegte«.

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