Gegründet 1947 Freitag, 29. Mai 2020, Nr. 124
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Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Steuerflucht

Die Oasen

Das Buch »The Heavens« widmet sich den Orten, die als »Steuerparadiese« bekannt sind. Ein Versuch, das Immaterielle in Bilder zu fassen (Text und Fotos)
Von Paolo Woods und Gabriele Galimberti/INSTITUTE
Fließender Übergang: Der Swimmingpool des Marina Bay Sands Hotels vor der ­Skyline des Singapurer Finanzdistrikts
Zollfreie Lagerstätte im Hochsicherheitstrakt: Mitgründer des »Singapore Freeport«, Alain Vandenborre, zeigt einen Diamanten im Wert von 300.000 US-Dollar
Viel zu tun: Der Finanzminister der Britischen Jungferninseln kümmert sich um die 800.000 dort registrierten Unternehmen
Von klein auf: ­Schüler zwischen 14 und 16 Jahren erhalten auf den ­Britischen Jungferninseln Unterricht im Fach ­Finanzdienstleistungen
Außen vor: Bei der Familie von Kandra Powery kommt, wie bei vielen anderen, vom Reichtum der Cayman-Inseln durch Offshore-Finanzgeschäfte kaum etwas an
Doppelt so viele (Schein-)Firmen wie Einwohner: Die Cayman-Inseln sind das fünftgrößte Finanzzentrum der Welt
Zur Schau gestellt: Der auf den Cayman-Inseln eingebürgerte Norweger Andreas Ugland, seine Familie und kapitalistische »Errungenschaften« auf einem Ölbild
Keine Fragen: Wer im US-Bundesstaat Delaware ein Unternehmen registrieren will, braucht dafür nur ein paar Minuten
Der Beruf des Tätowierers ist krisensicher: Davon ist Joe B. von »Alliance Tattoos« in Newark im US-Bundesstaat Delaware überzeugt
Die Residenz von Fiona Woolf, Oberbürgermeisterin der »City of London«: 8.000 Einwohner, 400.000 Beschäftigte, 500 Banken und die Börse bilden diese besondere Gemeinde in der Hauptstadt Großbritanniens
Auch die Mitglieder der irischen Band U2 parken ihr Vermögen hier: Die Niederlande dienen daneben vor allem den in Afrika operierenden Rohstoffkonzernen als Basis, um Betriebsbilanzen geheimhalten zu können

Als ich 2012 in Haiti lebte, kam Gabriele mich besuchen. Er hatte gerade seinen Steuerbescheid erhalten und begriffen, dass der italienische Staat dabei war, 50 Prozent seines Einkommens einzuziehen. Wir schauten uns eine Karte der Karibik an, und als wir die nahegelegenen Cayman-Inseln entdeckten, scherzte er: »Vielleicht sollte ich einfach gehen und mein Geld dort verstecken.« Uns wurde klar, dass wir keine Ahnung davon hatten, was Steueroasen sind und wie sie funktionieren. Also begannen wir zu recherchieren und einige Monate später waren wir auf dem Weg nach George Town auf Grand Cayman.

Es gibt eine Menge Literatur zu Steueroasen, aber nur wenige Bilder. Die Artikel und Berichte zu diesem Thema, dass nur wenige verstehen, sind meist mit den immergleichen Fotos von palmengesäumten tropischen Stränden illustriert. Das ergibt Sinn, da so vieles, was in Steueroasen passiert, virtueller Natur ist. Es ist nicht sichtbar, und oft passiert es nicht einmal dort.

Wir haben zwei Jahre damit verbracht, zu den Offshore-Zentren zu reisen, die Steuervermeidung, Geheimhaltung, Offshore-Banking und extremen Reichtum verkörpern. Getrieben waren wir dabei von der unermüdlichen Besessenheit, dieses eher immaterielle Thema in Bilder zu übersetzen.

In Delaware (als »Steuerparadies« bekannter US-Bundesstaat , jW) wollten wir eines dieser Büros sehen, in denen Tausende Firmen (erneut virtuell) registriert sind. Um zu verstehen, wie das funktioniert, entschlossen wir uns, selbst mitzumachen: Also gingen wir hin und sagten, dass wir eine Firma in Delaware gründen wollen. Das von uns ausgewählte Büro war jenes, wo neben 285.000 weiteren Unternehmen auch Apple, die Bank of America, Coca-Cola, General Electric, Google und Walmart gemeldet sind.

Wir hatten uns Berge von Anträgen, Dokumenten, Bewilligungen und Stempeln vorgestellt. Aber sie haben nicht einmal unsere persönlichen Angaben überprüft. Wir wollten wissen, wie sie die Firmenstruktur registrieren würden – das sei nicht ihre Aufgabe, kam als Antwort. Wir wollten wissen, wie wir Steuern bezahlen sollen – sie schauten uns etwas irritiert an und erklärten, dass wir keine zu zahlen bräuchten, wenn wir unsere Geschäfte nicht in Delaware tätigen würden. Wir bezahlten eine Gebühr, unterschrieben ein Papier und gingen. Das war der Beginn von »The Heavens LCC«. Wir besaßen nun eine Firma in einer Steueroase. Das Buch »The Heavens« ist der Jahresbericht unseres globalen Unternehmens.

Paolo Woods und Gabriele Galimberti: The Heavens. Annual Report. Dewi Lewis Publishing, ­Stockport 2015, 218 Seiten (Engl.), 54 Euro

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