Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 10 / Feuilleton
Amazon

Hipp, hipp, hurra, keine Bücher mehr da!

Von Werner Jung
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Die Welt wird überschaubar, wenn wir uns von den Erzeugnissen der unreinen Vernunft endlich befreit haben

Die ersten Universitätsrektoren haben dafür plädiert, das Sommersemester 2020 lediglich digital stattfinden zu lassen, d. h. auf physische Präsenz völlig zu verzichten. Endlich bewahrheitet sich damit der Satz eines unbenannten Altdekans, dass die Uni so schön sein könnte – ohne Studenten. Die Lehrenden wurden allerdings gleich mit abgeschafft, womit die verwaisten Gebäudekomplexe frei wären für gut bezahlte Homeoffice-Angestellte.

Die strahlende »Intelligenzija« ist also weg, und das nicht mal eben so, sondern dauerhaft, wobei sich das nur auf die Präsenz bezieht, denn digital bleiben ja auch die Lehrkräfte, sozusagen ortlos, um mit dem französischen Ethnologen Marc Augé zu sprechen, als Nomaden irgendwo im Orbit von Benutzeroberflächen erhalten. Und sowieso gilt: Keine Angst, wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Am greifbarsten ist es derzeit in Gestalt von Jeff B., König von Amazon, Retter der Menschheit. Heil Dir! Du hast geschafft, was dem lieben Gott nicht gelungen ist, nämlich die Heilmittel in der Krise gerecht zu verteilen: Medikamente und andere Notwendigkeiten, vom Shampoo bis zur Slipeinlage. Dein klug überlegener Kopf warnt uns zudem eindringlich davor, jetzt zu Büchern zu greifen oder in Gedrucktes zu flüchten. Das braucht es genausowenig wie Buchhandlungen oder das Verlagswesen. All dies hat der heilige Jeff selbst bestens im Griff – dank Kindle, ihr Kinderlein kommet.

Die Welt wird so einfach, überschaubar und problemlos, wenn wir uns von den Erzeugnissen der unreinen Vernunft (Bücher!) endlich befreit haben. Statt der Bibel und Homer, Shakespeare und Goethe lesen wir und lassen wir lesen: die Kindle-Angebote, die uns via Amazon permanent empfohlen werden, von Barry Lancets »Tokio Kill« zu Barry Eislers »Grab der Erinnerungen«, stuff like that. Glückliche Zeiten für Literatur- und Textwissenschaftler aller Provenienzen.

Mein aktueller Vorschlag für einen literaturwissenschaftlichen Grundkurs im Lehramt: 1. Vermittlung von Grundlagen der Grammatik, Orthographie und Interpunktion an diejenigen, die’s sowieso nicht hören, gleichwohl aber Lehrerinnen werden wollen, anhand eines Textes in einfacher Sprache (s. o.); 2. Einsicht in die jeweilige dramaturgische Struktur, die a) entweder harmonisch angelegt ist (Friede, Freude, Eierkuchen; und wenn sie nicht gestorben sind …) oder b) am Ende den Schurken tot oder mindestens überführt sein lässt (somit wieder die Harmonie gewohnter Verhältnisse herstellt). Extra Credits erhalten Schlaumeier, die bemerken, dass dazwischen gar kein Platz mehr für anderes bleibt. A brave new world – ohne Lektürelisten, lästigen Kanon und überflüssige Klassiker. Herrlich. Ich könnte darauf sch…, so gut geht es mir, doch muss dies mangels Klopapier leider unterbleiben.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Heinrich Hopfmüller: Selbstlesende Bücher Wenn Herr Bezos clever wäre, würde er selbstlesende Bücher statt Kindle verkaufen. Mit einem kleinen Stück Zusatzsoftware könnte das selbstlesende Buch sich selber bestellen. Man berechne die Wachstum...

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