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Ende einer Freundschaft?

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Am Mittwoch morgen meldete der Whiting-Vorstand Konkurs an. Fünf Tage zuvor hatte der Aufsichtsrat den Chefs der Gesellschaft Extraboni in Höhe von 14,6 Millionen Dollar genehmigt. Whiting ist ein mittelgroßes Ölförderunternehmen in den USA. Verblüfft war niemand, denn der Ölpreis hatte nun schon einen Monat lang unter 30 Dollar je Fass (von je 159 Liter) gelegen.

Einen Tag nach dem Konkursantrag verschickte der Präsident des Landes per Twitter diese schmissig formulierte Botschaft: »Habe gerade mit meinem Freund MBS (Kronprinz Mohammed bin Salman, jW) von Saudi-Arabien telefoniert, der mit dem russischen Präsidenten Putin gesprochen hat, und ich erwarte und hoffe, dass sie um ungefähr zehn Millionen Fass kürzen werden und vielleicht sogar erheblich mehr, was, wie es sich so trifft, für die Öl- und Gasindustrie großartig sein wird.« Sofort zischte der Ölpreis (um 42 Prozent) auf 36,29 Dollar das Fass hoch. Obwohl einige Dementis folgten, lag der Preis auch am Abend mit knapp 30 Dollar noch um mehr als 20 Prozent über dem des Vortages.

Zu den Dementis zählte die Mitteilung des russischen Energieministers Alexander Nowak, es habe kein Gespräch zwischen Putin und bin Salman gegeben. Die drastische Kürzung der Ölförderung durch Saudi-Arabien und Russland wurde von den Marktbeobachtern als vollkommen unwahrscheinlich angesehen. Als geradezu lächerlich aber gilt Trumps »Erwartung«, die Kürzung könne zehn Millionen Fass pro Tag erreichen.

Die drei größten Förderländer USA (zwölf Millionen Fass pro Tag), Russland (11,8) und Saudi-Arabien (9,7) gewannen Erdöl 2019 etwa in der oben genannten Größenordnung. Die beiden letzteren hatten in früheren Vereinbarungen mittels leichter Exportreduzierung das Angebot auf dem Weltmarkt reduziert und damit dort den Preis einigermaßen oben (zwischen 45 und 55 Dollar) gehalten. Als Anfang dieses Jahres die Rezession einsetzte und der Ölpreis absackte, konnten sich beide Länder nicht über weitere Kürzungen einigen. Saudi-Arabien kündigte sogar eine kräftige Erhöhung an und bot den Kunden extra niedrige Preise. Anfang März verfiel der Preis deutlich unter 30 Dollar.

Die US-Ölförderung hat sich zwischen 2008 und heute vor allem wegen des sogenannten Frackings verdoppelt. Die USA sind mittlerweile Nettoexporteur von Erdöl. Weil das Fracking noch aufwendiger ist als die Förderung auf hoher See, macht ein Ölpreis unter 40 Dollar das Verfahren für viele Firmen unrentabel. Ein Preis unter 30 Dollar gefährdet sie akut. Die Förderdisziplin Russlands und Saudi-Arabiens sicherte also das Überleben dieses Teils der US-Ölindustrie. Andererseits zielt der Preiskrieg, vordergründig veranstaltet zwischen Saudi-Arabien und Russland, darauf, die lästige US-Konkurrenz zu eliminieren.

Wahrscheinlich hat das Gespräch zwischen Trump und »MBS« tatsächlich stattgefunden. Ob allerdings die wunderbare Freundschaft zwischen beiden anhält, kann bezweifelt werden. Trump hatte schon versucht, ein drei Milliarden Dollar umfassendes Hilfspaket für die Frackingunternehmen im zwei Billionen Dollar schweren Coronakonjunkturpaket unterzubringen, scheiterte aber an der »demokratischen« Mehrheit im Senat (und interessanterweise auch an den Einwänden der etablierten großen Ölkonzerne). Die Fracker dürften damit zum Opfer der großen, erst beginnenden Weltwirtschaftskrise werden.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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