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Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 5 / Inland
Besonders gefährdete Berufsgruppen

Tausende Ärzte und Pfleger infiziert

Zahlreiche Praxen in BRD wegen Covid-19-Fällen und Materialmangel geschlossen
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Italienischen Angaben zufolge sind dort schon Dutzende Beschäftigte im Gesundheitswesen an der Lunkenkrankheit gestorben (Pavia, 26.3.2020)

Sie kämpfen an vorderster Front gegen die Coronaviruspandemie. Deshalb ist die Ansteckungsgefahr für Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegerinnen und Pfleger besonders groß. Mittlerweile seien bei Tausenden von ihnen Tests positiv ausgefallen, wie eine gemeinsame Umfrage der Süddeutschen Zeitung sowie der Sender NDR und WDR einem Bericht vom Freitag zufolge ergab. Zudem würden immer mehr Praxen schließen, weil das dortige Personal an der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt sei. Aber auch mangelnde Schutzkleidung oder Schwierigkeiten der Beschäftigten, die wegen geschlossener Schulen und Kitas notwendige Kinderbetreuung zu organisieren, würden Praxen zur Schließung zwingen.

In Nordrhein-Westfalen seien laut Landesgesundheitsministerium bis vergangenen Mittwoch 322 Beschäftigte in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen infiziert gewesen. Weitere 1.485 Personen befänden sich in Quarantäne. In Baden-Württemberg habe man nach Angaben des Landesgesundheitsamts bis Mittwoch 566 Infektionen bei medizinischem Personal registriert. Das sei fast eine Verdopplung im Vergleich zur Vorwoche. Für den Kreis Zwickau in Sachsen berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass sich dem dortigen Gesundheitsamt zufolge 60 Ärzte und Pflegekräfte infiziert hatten.

Gegenüber der Zeitung habe das staatliche Robert-Koch-Institut (RKI) mit Hauptsitz in Berlin angegeben, dass mindestens 2.300 medizinische Mitarbeiter in Kliniken und Arztpraxen in der Bundesrepublik betroffen seien. Laut Institut liegt die tatsächliche Zahl deutlich höher, auch weil nicht alle Daten unmittelbar an das RKI weitergegeben würden.

Für die Umfrage seien bundesweit zum Wochenbeginn rund 400 Gesundheitsämter, Landesärztekammern, kassenärztliche Vereinigungen, Berufsgenossenschaften sowie Landesregierungen angeschrieben und um Auskunft gebeten worden. Seitens des Bundesgesundheitsministeriums und der meisten Landesregierungen habe es geheißen, dass man dort keine Angaben machen könne.

Weltweit sind bereits zahlreiche im Gesundheitswesen Beschäftigte an Covid-19 gestorben. So seien in Italien, dem EU-weit am schwersten von der Pandemie getroffenen Land, bisher etwa 120 Ärzte, Pfleger und Vertreter weiterer medizinischer Berufe infolge einer Infektion ums Leben gekommen, wie die Deutsche Presseagentur am Freitag nachmittag berichtete. Der italienische Ärzteverband nannte demnach bis Freitag mehr als 70 Namen von verstorbenen Medizinern. Mehr als 10.000 Mitarbeiter im medizinischen Bereich, etwa in Krankenhäusern, Praxen und Labors, hätten sich seit dem Ausbruch im Februar mit dem Virus angesteckt, wie die Tageszeitung La Repubblica laut Deutscher Presseagentur schrieb. Eine Auflistung im Fachorgan Quotidiano Sanità gebe zudem an, dass bisher mehr als 20 Krankenpflegerinnen und -pfleger infolge einer Ansteckung gestorben sind. (AFP/dpa/jW)

Debatte

  • Beitrag von Dieter B. aus B. ( 4. April 2020 um 17:49 Uhr)
    In Bayern, jenseits der Grenze zu Österreich, die dank Ministerpräsident Söder und Bundeskanzler Kurz nur mehr schwer passierbar ist, gibt es in vielen Arztpraxen keine Schutzmasken mehr, Schutzkleidung fehlt, und damit ist die Versorgung der kranken Bevölkerung nicht gewährleistet, und die Gefahr der Infizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Praxen und Krankenhäuser steigt. Wenn dann in Österreich gleichzeitig verordnet und praktiziert wird, dass jeder Besuch in Supermärkten nur noch mit Schutzmaske möglich ist, zeigt dies deutlich eine skandalöse Ignoranz.

    Die Politik ist nicht in der Lage, neben den im Gesundheitssystem arbeitenden Menschen die Bevölkerung zu schützen. Es fehlt Desinfektionsmittel, es fehlen Schutzmasken. Während in Deutschland und Österreich Betriebe »Schutzgelder« bekommen, fehlt es an Produktionsstätten, um das Material zu produzieren, das den Schutz der Bevölkerung garantiert, samt Maßnahmen, Hamsterkäufe dieser Schutzprodukte zu verhindern. Notwendige europäische Solidarität findet nicht statt, und selbst im Grenzgebiet Bayern/Österreich verschwindet die seit Jahren funktionierende freundschaftliche Grenzbeziehung. Grenzüberschreitende soziale und wirtschaftliche Beziehungen werden zerstört. Bundeskanzler Kurz beginnt seine Rede mit: »Liebe Österreicherinnen und Österreicher.«

    Leben in Österreich nicht viele andere Menschen, die zumindest verdient hätten, auch das Signal zu bekommen, dazuzugehören?

    »Meine Heimat macht mich glücklich und stolz« – wird in den Leserbriefseiten der Zeitungen verbreitet, das ist das falsche Signal. Uns sollte eine soziale und solidarische Gesellschaft stolz machen, die den Menschen hilft, ob sie nun Österreicherinnen und Österreicher sind oder aus anderen europäischen Gegenden kommen und auch ein Recht auf Beachtung, Gleichbehandlung und Respekt haben sollten. Der Umgang mit dem Virus ist leider kaum so, wie man es sich wünschen müsste! Wir bauen Grenzen und Nationalismen auf, die schweren Schaden verursachen werden. Dazu vermisse ich auch noch die Forderung, das Betriebsverfassungsgesetz zu ändern und zwingend durchzusetzen, dass es in jedem Betrieb einen demokratisch gewählten Betriebsrat geben muss, damit Gesundheitsschutz, Bezahlung und Arbeitsplatzgestaltung samt wirtschaftlicher Mitbestimmung in den Betrieben Gesetz werden, ohne Schlupflöcher. DGB und ÖGB haben dazu leider keine Meinung!