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Aus: Ausgabe vom 04.04.2020, Seite 2 / Ausland
Britische Gesundheitspolitik

»Es gibt weniger Notfallbetten als in Italien«

Coronakrise in Großbritannien: Sparpolitik im öffentlichen Gesundheitssystem NHS rächt sich jetzt. Ein Gespräch mit John Puntis
Interview: Christian Bunke
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Die Kritik an der Sparpolitik im NHS sowie am aktuellen Kurs des britischen Gesundheitsministers Matthew Hancock wird immer lauter (3.4.2020)

Wie ist angesichts der Coronakrise die derzeitige Lage im britischen Gesundheitswesen NHS für die Beschäftigten?

Schon vor Beginn der Krise stand das Gesundheitssystem aufgrund konservativer Sparpolitik unter extremem Druck. 100.000 Stellen sind nicht besetzt, 40.000 davon für Pflegekräfte. 10.000 Arbeitsplätze fehlen allein in London. Die Auslastung ist in den meisten Krankenhäusern auf über 95 Prozent gestiegen. Derzeit ist ein Viertel der Beschäftigten krank. Viele sind in Selbstisolation. Wie viele Mitarbeiter das Coronavirus tragen und somit eine Gefahr für andere darstellen, ist unbekannt, da zu wenig getestet wird. Bei uns gibt es weniger Notfallbetten als in Italien, damit befinden wir uns am Ende im europäischen Vergleich. Private Krankenhäuser haben überhaupt keine Intensivstationen. Wir haben zu wenig Schutzkleidung, insbesondere die derzeit viel besprochenen FFP3-Masken fehlen. Drei Ärzte sind inzwischen an den Folgen von Corona gestorben, gleichzeitig werden pensionierte NHS-Mitarbeiter wieder in die Krankenhäuser berufen, obwohl sie zur Risikogruppe gehören.

Welche Sparmaßnahmen haben dem NHS rückblickend am meisten geschadet und behindern nun das Vorgehen zur Bekämpfung des Virus?

Es gab eine mangelnde Vorbereitung. Schon 2018 wurde auf den Mangel an Beatmungsgeräten und Schutzausrüstung hingewiesen, aber aus Kostengründen nichts unternommen. Wegen Überarbeitung und schlechter Bezahlung haben viele NHS-Beschäftigte den Job gewechselt oder sind in den Vorruhestand gegangen. Seit dem Brexit gibt es bei den Bewerbungen einen Rückgang von 97 Prozent von Pflegepersonal aus Europa. Teile des Gesundheitswesens wurden aus dem NHS herausgenommen und kommunaler Verwaltung unterstellt. Dort wurden 40 Prozent eingespart, was die Fähigkeit zur Bekämpfung einer Notlage wie jetzt drastisch eingeschränkt hat. Auf nationaler Ebene wurde das Gesundheitswesen in 42 Elemente aufgespalten, was eine koordinierte Antwort auf das Virus zusätzlich erschwert. Hinzu kommen Budgetbeschränkungen, weswegen kaum neues Equipment angeschafft und Gebäudesanierungen verzögert wurden. Nun sind Patienten durch möglicherweise einstürzende Dächer bedroht.

Wie würden Sie die bisherigen Schritte der jetzigen Regierung in der Coronakrise bewerten?

Als schlecht. Die Regierung und ihre wissenschaftlichen Berater haben die Auswirkungen des Virus auf die Bevölkerung unterschätzt. Sie haben gesagt, alles werde gut, und nichts unternommen, um Strategien zur räumlichen Abgrenzung der Menschen zu entwerfen. Zunächst setzte man auf die sogenannte Herdenimmunität. Erst als man erkannte, dass es Zehntausende Tote geben würde, änderte man die Strategie. Es gab unklare Handlungsanweisungen durch den Premierminister Boris Johnson, weswegen sich anfangs viele Menschen nicht an Maßnahmen zur räumlichen Trennung gehalten haben. Jetzt überinterpretiert die Polizei in einigen Gegenden ihre Befugnisse und verfolgt Menschen auf Spaziergängen in der Landschaft mit Drohnen. Die Regierung ist nicht ehrlich zu den Menschen. Von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Maßnahmen wie Massentestungen werden nicht umgesetzt.

Wie reagieren die Beschäftigten im Gesundheitswesen auf all dies?

Viele Initiativen und Gewerkschaften unternehmen alles, um Druck auf die Regierung zur Anschaffung von Schutzausrüstung, Infektionstests und für die Bereitstellung von psychologischer und gesundheitlicher Unterstützung für das Personal zu gewährleisten. Es gab Streiks von Reinigungskräften in Krankenhäusern, deren Stellen ausgelagert sind, für höhere Löhne und Krankengeld. Diese wurden von Initiativen und NHS-Beschäftigten unterstützt. Eine Petition mit der Forderung nach sofortiger Verstaatlichung privatisierter Teile des Gesundheitswesens hat aus dem Stand 250.000 Unterschriften erzielt und wird wohl bald eine Million Unterzeichner haben. Wir brauchen eine deutliche Aufwertung der Bezahlung für das Gesundheitspersonal und ein Ende prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Die Krise zeigt, wie wichtig ein voll ausfinanziertes Gesundheitswesen in öffentlicher Hand ist.

John Puntis hat 40 Jahre für das britische staatliche Gesundheitswesen NHS in Leeds als Arzt gearbeitet, ist nun im Ruhestand als stellvertretender Vorsitzender der Kampagne »Keep Our NHS Public« aktiv und ist außerdem Mitglied der Gewerkschaft UNITE

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