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Aus: Ausgabe vom 01.04.2020, Seite 15 / Antifa
VVN-BdA-Ehrenvorsitzender wird 85

Umsicht und Toleranz

Immer aktiv im Kampf gegen Faschisten und Rassismus: Heinrich Fink zum 85. Geburtstag
Von Markus Bernhardt
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Heinrich Fink (r.) auf einem Podium unter anderem mit Gregor Gysi (3. v. r.) und der Sängerin Tamara Danz (2. v. l.) von der Gruppe »Silly« (undatiert)

Der Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) hat am Dienstag seinen 85. Geburtstag gefeiert. Der 1935 in Bessarabien geborene Antifaschist genießt noch heute in allen Teilen der politischen Linken und darüber hinaus eine besondere Reputation. Wo immer es gilt, Faschisten und Rassisten in ihre Schranken zu weisen, wo immer es die Stimme gegen kapitalistische Ausbeutung und Krieg zu erheben gilt, ist Fink auch trotz seines hohen Alters aktiv. Was ihn auszeichnet, das sind seine Umsichtigkeit, Bescheidenheit und Toleranz, die keineswegs mit politischer Prinzipienlosigkeit verwechselt werden sollte.

So ist der evangelische Theologe bei den Menschen zu finden, deren Grundrechte beschnitten, die bedroht, ausgegrenzt oder gesellschaftlich marginalisiert werden. Über Jahre hinweg machte Fink sich beispielsweise für die Freilassung des ehemaligen Mitglieds der »Roten Armee Fraktion« (RAF), Christian Klar, stark, der seit 1982 in Bruchsal inhaftiert und erst 2008 nach 26 Jahren Haft entlassen wurde. Für Fink war das Engagement für die Freiheit des prominenten einstigen RAF-Mitglieds eine Selbstverständlichkeit.

»Ich werde immer wieder gefragt, warum ich Christian Klar besuche. Es geht darauf zurück, dass seine Mutter Christa Klar sehr aktiv in unserer antifaschistischen Bewegung mitarbeitet, wir uns im Workcamp in Buchenwald kennengelernt haben und sie mich gebeten hat, Christian zu besuchen. Es gibt für mich dafür keine Rechtfertigung als die: In meiner Bibel steht, man soll Gefangene besuchen«, erläuterte der überzeugte Christ im Jahr 2007 in Berlin auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz dieser Zeitung. Finks Engagement nicht nur in dieser Angelegenheit stieß dabei unter anderm bei manchen Funktionären der VVN-BdA auf Unverständnis und Kritik. Auch über den Wirkungskreis der VVN-BdA hinaus machte er sich damit keineswegs nur Freunde. Zudem werden Interviews, die er dieser Zeitung gab, vom bayerischen Inlandsgeheimdienst missbraucht, um qua »Kontaktschuld« die VVN-BdA des »Linksextremismus« zu bezichtigen. Auch bürgerliche Medien und Politiker sowie selbsterklärte DDR-Bürgerrechtler lassen bis heute nicht von Fink ab, was eindeutig für das Wirken des Antifaschisten spricht.

Allen Anfeindungen und Hasskampagnen zum Trotz ließ sich der Theologe nicht von seiner Sicht auf die Dinge abbringen. So verteidigte er, als er zwischen 1998 und 2001 als Parteiloser für die PDS im Bundestag saß, die Interessen der ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger, die antifaschistische Kultur, die Gedenkarbeit und die Freiheit der Wissenschaft standhaft. Im Gegensatz zu vielen seiner damaligen Parlamentskolleginnen und -kollegen aus den anderen Fraktionen wusste Heinrich Fink dabei, worüber er sprach. Schließlich war er von 1979 bis 1992 Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität (HU) und wurde 1990 zum Rektor dieser renommierten Berliner Universität gewählt.

Im nachhinein betrachtet ist es nicht überraschend, dass er aufgrund von gezielt gestreuten Diffamierungen wegen einer angeblichen Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit durch die »Gauck-Behörde« im Januar 1992 vom damaligen Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhardt (CDU) als Rektor entlassen wurde. Wer wissen will, was genau sich damals zutrug, dem sei ein Blick in die »Erinnerungen des ersten frei gewählten Rektors« empfohlen, die unter dem Titel »Wie die Humboldt-Universität gewendet wurde« 2013 im Verlag Ossietzky erschienen.

Die Welle der Solidarität mit Fink war damals unglaublich groß. Hoffte dieser doch ähnlich wie der Schriftsteller Stefan Heym und andere Intellektuelle, dass es infolge des Endes der DDR zumindest auch die Chance auf eine Demokratisierung Westdeutschlands geben könnte. Die damals bestehende Aufbruchstimmung mündete jedoch nicht in eine sozial- und friedenspolitische Offensive. Trotzdem führte Fink die Humboldt-Universität unautoritär und in einer Art und Weise, die heutzutage unvorstellbar wäre.

Schließlich versuchten die Studierenden der HU mit einer Reihe von Solidaritätsaktionen, Finks Verbleiben im Amt durchzusetzen. »Einen schlechteren Rektor als Heinrich Fink hat die Humboldt-Universität nicht verdient. Einen besseren wird sie nicht finden«, hatten die Studentinnen und Studenten damals ebenso propagiert wie die Parole »Unsern Heiner nimmt uns keiner!« Zwar waren sie am Ende nicht erfolgreich. Trotzdem war es ein bemerkenswertes Zeichen der Solidarität. Nachträglich: Alles Gute zum Geburtstag.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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