Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 31.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Acht Dosen Fisch

»Here’s you’ change, Sir«: Noch ein Corona-Tagebuch
Von Pierre Deason-Tomory
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»Wir wünschen baldige und umfassende Genesung«

Donnerstag, 26. März

Nürnberg. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, sprach der Spahn heute. Will sagen: Noch ist alles nur Ferienlager, die Katastrophe steht noch bevor. Wenn Freunde krank werden, Leute sterben, die einem nahestehen. Man Sirenen hört auf den Straßen ohne Menschen und Autos. Ich kann mir das Szenario vorstellen, aber nur sehr vermittelt, ich fühle es nicht.

Ich schiebe den Einkaufswagen durch den Supermarkt und befülle ihn mit Fertigeintöpfen, Fischdosen, Pasta, Mandarinen, Hanuta, Instantkaffee und Papiertaschentüchern. Die anderen Kunden kucken komisch. Acht Dosen Fisch, fragt die Kassiererin? Sie dürfen immer nur zwei Sachen vom selben kaufen. Das ist nicht für mich, sage ich, das ist für die Wärmestube, die bitten um Lebensmittelspenden. Sie holt die Marktleiterin. Die schaut fassungslos auf den Einkaufswagen und hört, das Gesicht ganz Erschöpfung, meine Beteuerungen an. »Na gut. Ich glaube nicht, dass Sie jeden Tag Eintopf, Fisch und Tütensuppe essen.« Ich darf alles mitnehmen.

Die Übergabe der Papiertüten, eine reißt natürlich und muss auf dem Arm getragen werden, klappt reibungslos. Vor der Wärmestube stehen die Männer mit ihren Rucksäcken, eine kleine Frau schimpft wie ein Rohrspatz, weil sie nichts versteht, als der Zivi ihr versucht zu erklären, ihre Wunde müsse doch genäht werden, aber nicht hier, sondern im Klinikum Nord, sie solle sich bei dem und dem Doktor melden, sie hätten auch schon angerufen.

Freitag, 27. März

Heute feiere ich 14 Tage Corona-Tagebuch. In einer kurzen Festansprache, die ich am Morgen mir zu Ehren vor der Katze, der weißen Plüschrobbe und mir gehalten habe, wurde mir große Anerkennung gezollt. Dann haben wir mit Desinfektionsmittel angestoßen, also ich, die Robbe und ich, die Katze war schon vor den Häppchen wieder gegangen.

Eingeladen war auch die Frau Mama, aber die ist heute in aller Herrgottsfrühe getürmt! Hat das 25-Kilo-Apothekergewicht, das ich ihr zu ihrem Besten an den rechten Fuß gekettet habe, einfach in die Hand genommen und ist mit dem Auto zu Aldi gefahren. Sie hat Süßigkeiten für die Osternester eingekauft, die sie in Nürnberg, im Erzgebirge, in Berlin und Florida verteilen wird. Das ist Mama-Sache und kann nicht an dahergelaufene Söhne delegiert werden, ausflüchtete die Frau, die wir in der Familie demokratisch zur Mutter gewählt hatten, als ich noch zu klein war, um eine Normenkon­trollklage gegen ihre Berufung anzustrengen.

Das Fenster zum Nebenhaus ist weit geöffnet, es riecht wunderbar, nein es duftet: nach Garten im Frühling ohne Abgase! An einem Werktag! Heiliges Osterei, das hat es im fränkischen Heavymetalogorsk das letzte Mal im Mai 1945 gegeben.

Morgen fahre ich nach Weimar, für 24 Stunden 4B-Business: Bank ausrauben, Bier holen, Briefkasten leeren und Blumen gießen. Ich muss noch packen, also jetzt die Nachrichten des Tages in aller Kürze:

Meine britische Frisurenleitfigur Boris Johnson sitzt zu Hause und schwitzt Aspirin, er hat sich beim demonstrativen Händeschütteln den Virus eingefangen. Wir wünschen ihm baldige und umfassende Genesung. Es wäre doch schön, wenn er dabei sein kann, wenn er aus dem Amt gejagt wird. Selbiges würde auch für Donald John Trump und Jair Messias (sic!) Bolsonaro gelten.

Das Fachmagazin Elf Freunde hat versucht, seine fußballentwöhnten Leser mit einer Wahl zum besten schlechten Fußballer aller Zeiten bei der Stange zu halten. Gewonnen hat erwartungsgemäß Thomas Müller. Damit ist er natürlicher Favorit für die Nachfolge von Bundestrainer »Jogi« Löw. Gomez wurde nur vierter und will deshalb seine Technik im Mittelkreiswundliegen härter trainieren.

Samstag, 28. März

Es ist kurz nach elf, ich fahre im fast menschenleeren ICE 800 München/Berlin nach Erfurt bzw. Weimar. Man soll jetzt nicht in der Gegend herumgondeln wie der Thailändische König, der gerade samt Entourage in Bayern Urlaub macht und Erdbeeren sammeln will, ich weiß. Aber ich muss zu Hause ein paar Sachen erledigen. Morgen geht es schon wieder zurück nach Nürnberg.

Die S-Bahn um 10.09 Uhr, mit der ich zum Hauptbahnhof wollte, ist nicht gefahren. Deshalb musste ich zum Bushäuschen gehen. Dort hing ein Aushang, der darauf hinweist, dass alle Aushänge ungültig sind. Der Bus kam trotzdem.

In Chicago ist das immer so. Dort hängen nie Fahrpläne an den Bushaltestellen. Auf den Schildern steht nur, zu welcher ungefähren Tageszeit der Bus regelmäßig verkehrt. Drinnen sitzen praktisch nur arme Leute, 2003, als ich da war, waren es auch viele osteuropäische Einwanderer. Rundliche Frauen mit Pelzmützen, manche lasen kleine Heftchen mit kyrillischen Schlagzeilen.

Die Umgangsformen in der Northside, in der Yuppies in »entwickelten« dreistöckigen Altbauten wohnen und viele Bettler in den Straßen leben, waren auffallend menschlich. Die Busfahrer begrüßten morgens jeden Fahrgast mit einem »Good morning«.

Einmal war ein Bettler, ein Weißer, eingestiegen, und sagte dem Fahrer, er muss dort und dort hin, hat aber kein Geld. Dann passierte folgendes: Der Fahrer, ein Schwarzer, stand auf, drehte sich zu den Fahrgästen um und rief, der Mann hier braucht ein Ticket für 1,30, sie sollen ihr Kleingeld rausholen. Und die Leute griffen in die Hosentaschen, holten Nickels und Dimes heraus und gaben sie dem Nebenmann und der gab sie weiter. So wanderten viele Münzen nach vorne zum Busfahrer, der händigte dem Bettler den Fahrschein aus und das reichliche Restgeld und sagte: »Here’s you’ change, Sir.«

Einige Zeit später grassierte irgendeine Kokkenseuche in meinem Viertel, es gab viele Tote, aber da wohnte ich schon nicht mehr im Wohnheim. Ich hatte ein Zimmer nahebei gefunden, zur Untermiete bei einem angeblichen Mexikaner, der als Sicherheitsmann am Flughafen gearbeitet hat und nicht wusste, wer der Hitler war, und – ich glaube, ich bin vom Thema abgekommen.

Ich höre jetzt damit auf, in einem leeren Zug in mein Telefon zu tippen. Ich will den Rest der Strecke dem Thüringer Wald dabei zuschauen, wie er mit 250 Sachen an meinem Fenster vorbeirennt.

Regio:

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