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Aus: Ausgabe vom 31.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Am Zopfe

Vom Alltag in der roten Zone in Rom
Von Peter Wawerzinek
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Als mein Film »Lievalleen« Mitte Februar in der Berliner Volksbühne große Premiere feierte, war das Jahr noch jung und kräftig. Filmemacher Rainer Komers weilte in Japan, um den Winter aufzunehmen. Es schneite, als er dort ankam, und es schneite, als er höchst zufrieden aus der Bergregion nördlich von Kyoto nach Hause zurückflog.

Nun wollte eine japanische Kollegin in Deutschland arbeiten, schreibt er, sie würde sich aber in Nara, wo es nur acht bestätigte Fälle gebe, sicherer fühlen. Zu der uns allen aufgezwungenen Arbeitspause meint er: Werde das Tempo derart rausgenommen wie jetzt, versiegten all seine Energien. Kraft aber bräuchten Freiberufler. Wir müssten uns alle ständig selbst antreiben und wie Münchhausen aus dem Sumpf ziehen, um nicht abzusaufen. Er liefert in seiner Mail eine Textstelle Gottfried August Bürgers mit: »Ein anderes Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprung war. Schwebend in der Luft drehte ich daher wieder um, um einen größeren Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch beim zweiten Male noch zu kurz und fiel nicht weit vom anderen Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meiner eigenen Arme mich an meinem eigenen Haarzopfe samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herausgezogen hätte.«

Ob wir vielleicht Lust hätten, uns einen Film von ihm in der Villa anzusehen, fragt er mich. Wie es bei uns so mit der Gemeinsamkeit unter den Stipendiaten bestellt sei? In der Villa Kamogawa sei das eher Pusteblume gewesen. Jeder nur für sich. Gut, dass er mit dem Fahrrad den Fluss entlang die schönen Zen-Gärten erkunden und in die Stadt habe flüchten können. Ich schreibe: Soweit wirklich alles paletti bei uns mit dem Zusammenhalt. Ich wäre heute von einer Filmtournee durch Mecklenburg und einer Lesereise nach Rom zurückgekehrt – alles abgesagt. In Hanau wäre ich mit Schülern zusammengekommen, hätte mich wahnsinnig interessiert. Ob da im Herbst was nachzuholen sein wird, steht mit dünner Tinte in den Sternen geschrieben.

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. (jW)

In der Serie Vom Alltag in der roten Zone in Rom:

Der Autor Peter Wawerzinek wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. Ein Tagebuch.

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