Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 30.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Diese Stille

Vom Alltag in der roten Zone in Rom
Von Peter Wawerzinek
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Den lieben, langen Tag schon habe ich einen Ohrwurm: »Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür / und ich weiß, er bleibt hier. / Nie vergess’ ich unseren ersten Tag / Na ne na na na na (…) Steht es in den Sternen, was die Zukunft bringt? / Oder muss ich lernen, dass alles zerrinnt?« Ein Lied aus besseren Zeiten, als wir jung und eng umschlungen es lauthals gesungen. Wilde schöne Partys waren das, wir alle voller Tanz- und Lebenswut. Jetzt zieht das Lied auf verstörende Weise mehr mit brutaler Hand an meinem Ohr, als dass es drinnen erklingt.

Momentan hat der Text nichts mit meinem Zustand zu schaffen. Aber schon bald dürfte ein geliebter Mensch ihn klagend ausstoßen. Heute hat hier ein Stipendiat Geburtstag, feiert ihn im engsten Kreis. Vorerst die letzte Möglichkeit, seine Liebsten um sich zu haben, die demnächst nach Deutschland zurückfliegen können, wollen, sollen, dürfen, müssen. Schwer zu sagen, wo sie besser aufgehoben sind, hier im Epidemiezentrum Rom oder daheim.

Ich beginne den Tag mit dem Gefangenenchor aus »Nabucco«, wie er mir als Videobotschaft gemailt worden ist. Der Dirigent ist wie alle beteiligten Sänger und Musiker zu Hause vorm Bildschirm zu sehen; zusammen sind sie ein einzigartiger Chor, der einem mit voller Wucht als Aufschrei, Hoffnungshymne, Trostbonbon, Danksingung, Mut- und Muntermacher unter die Haut fährt. Für alle, die mit der unwirklich anmutenden Situation zurechtkommen. Im Gedenken an frühere Zeiten, die nicht wiederkehren werden. Den Dingen gewidmet, die eben noch ganz normal waren, heute unmöglich sind und zu fehlen beginnen.

Kleinigkeiten des Alltages, die die längste Zeit nicht ins Gewicht fielen, steigern jetzt die Sehnsucht nach Entwarnung und Rückkehr ins gute, alte Leben. Ungenutzt lehnen Fahrräder vor unseren Türen. Drei Fußbälle liegen in der Kuhle eng beisammen, kein Fuß will nach ihnen treten. Hinterm Atelier warten zwei Stämme der Zeder, die, an die zweihundert Jahre alt und innerlich morsch, noch in Zeiten ohne Virus gefällt werden musste. Aus der Rinde geschält, wollen sie nunmehr von Künstlerin Andrea Freiberg bearbeitet werden. Die aber kann aus Rücksicht um die ringsum in den Wohnungen festgesetzten Anwohner nicht aktiv werden mit ihrer Kettensäge. Statt im Blaumann mit Brille und Ohrenschutz die Säge zu schwingen, bleibt ihr nichts übrig, als Däumchen zu drehen oder an der Staffelei zu sitzen und zu malen. Mir wäre der kreischende Sägesound lieber als diese Stille um uns, die täglich lauter wird.

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. (jW)

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In der Serie Vom Alltag in der roten Zone in Rom:

Der Autor Peter Wawerzinek wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. Ein Tagebuch.

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