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Aus: Ausgabe vom 24.03.2020, Seite 12 / Thema
Kulturgeschichte der DDR

Oberhaus der Kunst

Vor siebzig Jahren wurde in Berlin die Deutsche Akademie der Künste gegründet. Als Vermittlerin zwischen Künstlern und Staat nahm sie in der DDR eine besondere Position ein
Von Jens Mehrle
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»Die Kunst ist eine Notwendigkeit«. Feierliche Eröffnung der Deutschen Akademie der Künste am 24. März 1950 im Admiralspalast in Berlin (im Bild Otto Nagel und Wilhelm Pieck)

Franz Fühmann erzählte 1974 Kindern, die zu einer Lesung in die Akademie der Künste der DDR gekommen waren, die Geschichte des Heros Akademos, der ein weiser Berater des Königs Theseus gewesen sei, weil er sich dessen Willen widersetzt und so der Stadt den Frieden gerettet habe. Akademos hatte Kastor und Pollux, die aus Sparta mit einer Heeresmacht vor Athen gezogen kamen, den Ort gezeigt, an dem Theseus ihre Schwester, die von ihm geraubte Helena, verbarg.

Plutarch überliefert die Geschichte etwas anders: Mit seiner Tat hatte Akademos den Athenern zwar den unmittelbaren Krieg um Helena erspart, nicht jedoch die Okkupation der Stadt, während der Menestheus, ein Konkurrent des Theseus, die Gelegenheit ergriff, dem Adel die Macht, die Theseus ihm zugunsten des Volks genommen hatte, wieder zu verschaffen und sich selbst zum Herrscher aufzuschwingen. Staatsgründer Theseus jedoch verließ die Stadt und wurde, erst als Toter zurückkehrend, vom Volk mit Jubel und Trauer empfangen. Die Tat des Akademos, von Fühmann als vorbildliches Verhalten eines Intellektuellen interpretiert, zeigt sich in der unverkürzten Geschichte als Verrat, bei dem auch das Schöne, für das doch Helena im Mythos steht, preisgegeben wird. Die idyllische Gemeinsamkeit zwischen Herrscher und Berater, die nach korrigierter Verfehlung wieder hergestellt worden sein soll, existiert der im Mythos nicht, wohl aber der dem Akademos als Dank überlassene Hain, in dem er später eine Schule errichtete, auf deren Namen sich alle Akademien seit Platon berufen, und die fortan von den Spartanern verschont worden sei. Wenn in der Geschichte einiges an die Akademie der Künste der DDR erinnert, so nicht diese Schonung.

Reich und hochangesehen

Akademien als Gelehrten- oder Künstlergemeinschaften entstanden in der Renaissance als weltliche Orte des Geistes und der Begegnung von Geist und Macht. Nationale Akademien im Absolutismus dienten dazu, bürgerliche Intellektuelle und Künstler an den Hof zu binden, Kunst und Kultur zu ermöglichen. Die Bourgeoisie im Imperialismus kann eine Akademie bestenfalls überdauern, verkümmern, parodieren, vervielfachen, oder, wie im Faschismus, untergehen lassen. Im Sozialismus kann sie hingegen ein neues gesellschaftliches Bindeglied sein.

Die Akademie der Künste der DDR, so der offizielle Name seit 1972, war in ihrem letzten, vierzigsten Jahr reich und hochangesehen: Sie hatte 120 Mitglieder: von Theo Adam bis Udo Zimmermann, von Gret Palucca bis Alexander Lang. Sie hatte mehr als 100 korrespondierende Mitglieder (u. a. Harry Belafonte, Alfred Hrdlicka, Giorgio Strehler, Hans Werner Henze, García Márquez). Sie verfügte über insgesamt 345 Mitarbeiter und einen Jahresetat von etwa zwölf Millionen Mark. Das neobarocke Haus am Robert-Koch-Platz 7 war frisch saniert, das große Gebäude in der Hermann-Matern-Straße, in dessen Saal die Volkskammer getagt hatte und der nun Konrad-Wolf-Saal hieß, und mit vielen Veranstaltungen eine wissbegierige, streitbare Öffentlichkeit anzog, stand zur Verfügung. Ein Archivgebäude war am Robert-Koch-Platz neu errichtet worden. Am Pariser Platz existierten Ateliers. Die Akademie verfügte über Gedenkstätten, Forschungsstellen, die Akademiezeitschrift Sinn und Form, weitere Publikationen (Arbeitshefte, Mitteilungen, Bücher), 200 Gemälde, 20.700 Handzeichnungen, Aquarelle, Pastelle, Druckgraphiken, 150 Plastiken, 15.000 Plakate, 1.200 Schallplatten und 400 Tonbänder, eine große Musikaliensammlung, das Arbeiterliedarchiv sowie die Archive der Mitglieder. Sie verlieh Preise, die die Namen von Käthe Kollwitz, Willi Lammert, Max Lingner, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, F.-C. Weiskopf, Alex Wedding und Konrad Wolf trugen, sowie das Anna-­Seghers-Stipendium. Neben diesen Schätzen besaß sie eine lange Geschichte.

Mit der 1696 gegründeten Kurfürstlich Brandenburgischen »Academie der Mahler- Bildhauer- und Architectur-Kunst« wollte Kurfürst Friedrich III. seine beginnende absolutistische Macht durch Bau- und Kunstwerke in der aufstrebenden Residenzstadt Berlin festigen. Dabei sollte es um »Kunstverstand« und neben dem Handwerk auch um das Studium der »Geheimnisse der Künste« gehen. Die berufenen Künstler wurden als Meister gut bezahlt und hatten jährlich ein Werk abzuliefern. Mit der preußischen Aufrüstung und den Kriegen verkam die inzwischen Königlich-Preußische Akademie und überlebte, indem Mitglieder Schüler in ihren Wohnungen unterrichteten. Der Graphiker Daniel Chodowiecki belebte Ende des 18. Jahrhunderts als Sekretär und Direktor die Akademie als Ort der Lehre und des Austauschs. Obwohl sie lange eine Institution der Bildenden Künste blieb, wurden 1789 Goethe, Wieland und Herder zu Ehrenmitgliedern ernannt.

1803 setzte sich der Komponist Carl Friedrich Zelter für eine Erweiterung ein, da eine Akademie »ein System aller Künste« sei. Dreißig Jahre später wurde die Sektion Musik etabliert, aber erst 1926 unter der Präsidentschaft Max Liebermanns als dritte Sektion jene für Dichtung geschaffen, deren Sekretär 1931 Heinrich Mann wurde. Als der mit Käthe Kollwitz im Februar 1933 einen antifaschistischen Appell für die Einheitsfront von SPD und KPD unterzeichnete, nahm das der Kommissar des preußischen Kultusministeriums zum Anlass, Akademiepräsident Max von Schillings die Schließung der Akademie anzudrohen. Dieser drängte daraufhin Kollwitz und Mann zum Austritt. Im Unterschied zu vielen anderen Mitgliedern zeigte sich Stadtbaurat Martin Wagner solidarisch und trat gleichfalls aus. Weitere Austritte, Ausschlüsse und Neuberufungen schlossen sich an. Die Akademie wurde »gleichgeschaltet«.

Erste Wiederbelebungsversuche nach der Niederlage des faschistischen Deutschland im Zweiten Weltkrieg, die alte Mitglieder und Mitarbeiter unternahmen, erledigten sich mit dem Ende Preußens durch ein Gesetz des Alliierten Kontrollrats vom 25. Februar 1947, in dem dieser Staat »und alle nachgeordneten Behörden« als »Träger des Militarismus und der Reaktion« aufgelöst wurden, um den Wiederaufbau »auf demokratischer Grundlage zu sichern«.

Fortschrittliche Institution

1949 bildete die Verwaltung für Volksbildung einen Vorbereitungsausschuss für eine neue Akademie, der von Arnold Zweig geleitet wurde und dem aus dem Exil zurückgekehrte Künstler, aber auch solche, die in der Zeit des Faschismus in Deutschland geblieben waren, angehörten. Der sowjetische Kulturoffizier Alexander Dymschitz unterstützte das Vorhaben. Johannes R. Becher, und die Regierung der DDR baten Heinrich Mann, aus dem Exil in den USA zurückzukehren und die Präsidentschaft der neuen Akademie zu übernehmen. Mann zeigte sich erfreut, rüstete zur Schiffsreise, verstarb jedoch, bevor er sie antreten konnte, im März 1950. Dennoch blieb Heinrich Mann der Gründungspräsident, auf den sich diese Akademie immer wieder berief, die besten Traditionen der Weimarer Republik aufnehmend. Heinrich Mann hatte bereits 1931 vom Vorteil einer Akademie gegenüber »privaten Verbänden geistiger Arbeiter« geschrieben, mit Entschlusskraft auch in die Angelegenheiten des Staats einzugreifen. Die Politiker, die die Akademiegründung betrieben, waren Menschen mit Geschichte: Otto Grotewohl: Buchdrucker, Sozialdemokrat, Reichstagsabgeordneter, Ministerpräsident; Wilhelm Pieck: Tischler, Kommunist, Präsident; Paul Wandel: Maschinentechniker, Kommunist, Leiter der deutschen Sektion an der Schule der Komintern im Exil, Minister für Volksbildung; Gerhard Strauss: Kunsthistoriker, Kommunist, Organisator der Vorbereitungskommisssion; Rudolf Engel: Kommunist, Kundschafter, Spanien-, Resistancekämpfer, erster administrativer Direktor der Akademie. Zwischen diesen Politikern und den Künstlern aus dem Exil war kein Riss. Man kannte sich aus der Zeit vor 1933 und aus dem gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus. Das war eine völlig neue Grundlage für das Verhältnis zwischen Kunst und Macht. Wer berufen werden sollte, wurde mit den Künstlern der Kommission lange diskutiert, wobei, so Brecht, »Künstler von Ruf« unter der Bedingung ihrer »Fortschrittlichkeit« gesucht wurden, was nicht ausschloss, dass neben Exilanten und Antifaschisten auch einige wenige Künstler dabei waren, die sich mit den Nazis zu arrangieren versucht hatten.

Die Gründung der Akademie am 24. März 1950 beging die DDR als Staatsakt im Admiralspalast, dem selben Haus, in dem 1946 der Vereinigungsparteitag der Arbeiterparteien zur SED stattgefunden hatte. Paul Wandel erklärte: »Durch die Gründung dieser höchsten Institution auf dem Gebiet der Kunst sollen der Kunst neue Impulse gegeben werden.« Es gehe um »die ideelle Richtung und höchste Qualität« der Kunst, aber auch darum, Millionen Arbeitern und Bauern, die nicht mehr »Gegenstand des Mitleids« seien, »den Reichtum und die Schönheit der ganzen Welt« zu erschließen. Dabei sei klassisches Erbe nicht »absoluter Höhepunkt«, sondern mit dem gesellschaftlichen Fortschritt neu zu beleben.

Wilhelm Pieck erklärte, das Bürgertum habe »die Fähigkeit, die deutsche Nation zu führen, schon längst verloren«. Die Akademie könne also »nicht einfach an das anknüpfen, womit die alte Akademie bei der Machtergreifung des Faschismus in Wirklichkeit ihr Dasein beendete. Sie wird ihre großen Aufgaben nur erfüllen können, wenn sie mit ihrer Wirksamkeit tief im Volk, im Leben seiner einfachen Menschen verwurzelt ist«.

Dann ernannte er 21 Künstler, jeden einzelnen kurz vorstellend und würdigend. Es waren die Schriftsteller Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Bernhard Kellermann, Hans Marchwitza, Anna Seghers; die Komponisten Max Butting, Hanns Eisler, Ottmar Gerster, Ernst Hermann Meyer, die Maler Heinrich Ehmsen, Max Lingner, Otto Nagel, Otto Pankok, der Bildhauer Gustav Seitz, der Architekt Heinrich Tessenow, die Tänzerin Gret Palucca, die Schauspielerinnen Gerda Müller und Helene Weigel, die Regisseure Erich Engel, Wolfgang Langhof und Ernst Legal.

Arnold Zweig zeigte sich erfreut, dass in der DDR die Kunst im Mittelpunkt stehe, nachdem sie bisher immer nur eine »Verzierung an der Haustür«, ein Schmuck gewesen sei. In der Kunst liege die Berufung zum Wiederaufbau. Die Staatsgewalt, früher nur Nutznießer der Künste, sei nunmehr Protektor und Förderer.

Otto Grotewohl verwies in seiner Festrede auf die anwesenden Delegationen aus Großbetrieben, die das Interesse der Arbeiter an der Kunst zeigen würden, und rief die Künstler auf, in den Fragen ihres Fachs »helfend und fördernd einzugreifen«. Er entwickelte in seiner Rede eine Vorstellung von realistischer Kunst, die, sich der Wirklichkeit zuwendend, nicht die Schönheit negiert. Aufgaben der Akademie seien: Werke von kämpferischem Humanismus zu schaffen, den Nachwuchs auch über die Kunsthochschulen richtunggebend zu beeinflussen, die künstlerische Bildung des gesamten Volks »unter Beseitigung hemmender akademischer Begrenzung« und die Abwehr der Ideologie der Verzweiflung und des Formalismus.

Die Presse in Westberlin reagierte mit Häme und Beunruhigung auf die »sowjetdeutsche Akademie«, wie sie der Tagesspiegel nannte. Auch dort bereitete man eine Akademiegründung vor, die aber erst 1955 realisiert wurde. Die von der DDR Berufenen waren als Künstler kaum antastbar, und es befanden sich sogar solche unter ihnen, die in Westberlin lehrten, weshalb die Zeitung fragte, »ob es der Magistrat verantworten kann, Professoren zu besolden, die glauben, ein Lehramt in Westberlin lasse sich mit der Zugehörigkeit zu einem Institut vereinen, das ausdrücklich als ein gegen den Westen gerichtetes Kampfinstitut gegründet wurde«. Seitz und Ehmsen verloren so ihre Arbeit und kamen in die DDR. Otto Pankok aus Düsseldorf trat wenige Tage nach seiner Berufung mit Bedauern wieder aus und wurde 1956 korrespondierendes Mitglied. Zuvor hatte bereits Karl Hofer abgelehnt, sich am vorbereitenden Ausschuss zu beteiligen, da das »den Verlust meiner Stellung als Leiter der Hochschule für bildende Künste« zur Folge hätte. Die Westberliner Akademie, von Spenden eines amerikanischen Industriellen gebaut und auf zehn Jahre finanziert, ernannte zu einem ihrer ersten Mitglieder Gottfried Benn, den Dichter, der die Gleichschaltung der Preußischen Akademie 1933 entschieden mitbetrieben hatte.

Struktur und Kämpfe

Die Mitglieder der Akademie bildeten die Sektionen Bildende Kunst, Musik, Dichtkunst und Sprachpflege und Darstellende Kunst, letztere hatte es in der Preußischen Akademie nicht gegeben. Nach einer Verordnung der Regierung erhielten Mitglieder jährlich »steuerfreie Zuwendungen« in Höhe von 10.000 Mark. Für sachliche und personelle Aufgaben standen anfangs jährlich 1,9 Millionen Mark bereit. Bis zur Wiederherstellung des zerstörten Hauses am Pariser Platz sei ein anderes »repräsentatives Gebäude« zu Verfügung zu stellen, hieß es. Nachdem das Schloss Niederschönhausen erwogen worden war, fand man als Sitz das Haus am Robert-Koch-Platz, das nach dem Krieg als Offizierskasino der Roten Armee gedient hatte.

Die Akademie entfaltete auf Grundlage des vorläufigen Statuts, das erst 1955 in Kraft trat, ihre Aktivität. Rasch wurden Mitglieder hinzugewählt. Gleich blieb trotz mehrerer Änderungen des Statuts das Kooptationsprinzip der Zuwahl. Kandidaten konnten aus den Sektionen vorgeschlagen werden und wurden dann vom Plenum aller Akademiemitglieder in geheimer Abstimmung gewählt. Die relativ autonom agierenden Sektionen wählten wiederum ihren Sekretär, der damit Mitglied des Präsidiums der Akademie war, dem der gleichfalls vom Plenum gewählte Präsident vorstand. Im ursprünglichen Statut hatte auch die Regierung ein Vorschlagsrecht für Mitglieder und musste deren Wahl bestätigen. Eine solche Bestätigung blieb auch ungeschrieben Praxis. Niemand konnte Mitglied werden gegen den Willen des Staats oder der Mitglieder, was für Parität und Kompromissbereitschaft sorgte. Die Akademie unterstand als Körperschaft direkt dem Ministerrat und dessen Vorsitzendem. Nicht im Statut benannt, aber gleichwohl ein Faktor war die Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED als weiterer Akteur über dem Kulturministerium, der den Mitgliedern keine Weisungen erteilen, aber auf den Präsidenten oder die Mitglieder, insofern sie der SED angehörten, einwirken konnte. Schließlich zeigte sich eine Doppelstruktur der Akademie im administrativen Apparat: auf der einen Seite feste Mitarbeiter, die dem nicht gewählten, die Geschäfte führenden Direktor unterstanden, auf der anderen Seite die gewählten Mitglieder mit ihren Organen: Sektion, Plenum, Präsidium, Präsident. Die wichtigste Schnittstelle war das Präsidium, der auch der Direktor angehörte. Jede Sektion besaß eine wissenschaftliche Abteilung, die wiederum einen vom Direktor eingesetzten Leiter hatte. Dieser, für die Tätigkeit der Akademiemitglieder gedachte Bereich, dehnte sich auch aufgrund der anwachsenden Archivbestände und Aufgaben der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten für deutsche Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts im Lauf der Jahre weiter aus. Bereits Johannes R. Becher hatte davor gewarnt, sich zuviel um die Archive zu kümmern, die Akademie solle kein Museum werden, und Peter Hacks sprach von den »Schreibstuben«, die eigentlich überflüssig seien. Andererseits nutzte er durchaus deren Kapazitäten für die Vorbereitung seiner langjährigen Arbeitsgruppen. Auch der Literaturwissenschaftler Werner Mittenzwei sah in dieser Doppelstruktur, die er allerdings klar getrennt sehen wollte, eine Potenz der Akademie. Im günstigen Fällen entstand ein Miteinander von Mitarbeitern und Mitgliedern.

Um die Kompetenzen wurde immer wieder gerungen, etwa um die Beratungsfunktion der Akademie, die im Statut von 1978 deutlich erweitert wurde. Der Akademie wurde das Recht und die Pflicht attestiert, »den Ministerrat bei der Verwirklichung der Kunstpolitik zu beraten« und »bei der Planung und bei der Vorbereitung von Grundsatzentscheidungen im künstlerischen Bereich durch die zuständigen Staatsorgane« mitzuwirken. Schließlich galt es Begehrlichkeiten des Kulturministeriums abzuwehren.

Anstelle des nominellen ersten Präsidenten Heinrich Mann trat 1950 Arnold Zweig das Amt an. Er wurde nach ersten Querelen 1953 von Johannes R. Becher abgelöst. Ab 1956 amtierte der Maler Otto Nagel, dem 1962 Willi Bredel folgte, der 1964 starb. Über den längsten Zeitraum von 17 Jahren leitete ab 1965 Konrad Wolf die Akademie. Unter seiner Präsidentschaft wurde das neue Statut durchgesetzt, auch betrieb er eine Verjüngung und Aktivierung der Akademie. Nach Wolfs plötzlichem Tod folgte 1982 Manfred Wekwerth, bis ihn im Jahr des Untergangs der DDR Heiner Müller ersetzte, der die Auflösung der Akademie betrieb. Dass die Akademie ein bedingt eigenständiges Leben führte, zeigt sich u. a. daran, dass Zäsuren der DDR-Kulturpolitik nicht direkt den Amtszeiten und Übergaben der Präsidentschaften entsprechen. Arnold Zweig, Johannes R. Becher und Otto Nagel gerieten nach dem Ende ihrer Amtszeiten in keine Verbannung – Becher wurde Kulturminister – oder verloren an Reputation. Ganz anders verhielt es sich bei Manfred Wekwerth nach 1990.

Arbeit und Diskussion

Die Akademie war zweifellos in der DDR die höchste Institution im Bereich der Kunst, schon allein deshalb, weil hier einige der bedeutendsten Vertreter der verschiedenen Künste versammelt waren und so die Kunst der DDR insgesamt repräsentieren konnten. Freilich wurden hier nicht die kulturpolitischen Entscheidungen gefällt. Der jeweilige Umgang entsprach dem sich ändernden Verhältnis zwischen Kunst und Macht in den verschiedenen Lagen während der vierzigjährigen Existenz der DDR. Brecht wies 1953 zu Recht darauf hin, dass die Akademie keine Einrichtung von Marxisten sei und man an sie nicht entsprechende Forderungen stellen könne, dass es vielmehr darum gehe, marxistische Standpunkte in Akademiediskussionen zu artikulieren. Dennoch hatten eben jene fortschrittlichen, realistischen Künstler wie Heinrich Mann begriffen, dass dem Sozialismus die Zukunft gehören würde und müsse. Nicht dass die Akademie marxistisch war, machte sie zu einem wesentlichen Organ der notwendigen neuen sozialistischen Kultur, sondern weil sie die Künstler repräsentierte in einer Gesellschaft, in der die Kunst eine völlig neue Rolle zu spielen berufen war. Das widersprüchliche Verhältnis von Akademie, Kulturpolitik und Arbeiterklasse konnte den Sozialismus entwickeln helfen.

Die Leistung der Akademie bestand weniger in den nach 1989 gern beschriebenen Skandalen als vielmehr in der alltäglichen Arbeit, in Sektionssitzungen, Zuwahlen, Preisdiskussionen, Protestnoten, gemeinsamen Engagements, wie beispielsweise jener fundierten Argumentation gegen die Rechtschreibreform, mit der die Sektion Literatur die Reform nicht nur in der DDR zu Fall brachte, sondern zeitweilig auch in der BRD, Österreich und der Schweiz. Die Leistung bestand in den Meisterklassen, Arbeitsgruppen, Filmvorführungen, öffentlichen Diskussionen, thematischen Plenartagungen, dem Aufspüren und Fördern von Begabungen, Begegnungen mit Politikern, Arbeitern in Betrieben, Bauern in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften oder mit Kindern, wie bei der eingangs erwähnten Lesung Franz Fühmanns. Sie bestand in den Werken ihrer Mitglieder und deren Diskussion sowie dem ästhetischen Streit, den die hervorriefen. Peter Hacks sah das Hauptgeschäft genau darin: Die Akademie sei »der Ort, wo die Kunst sich zum Bewusstsein ihrer selbst erhebt und sich darüber äußert«.

Als im Juli 1990, gut zwei Monate vor dem Ende der DDR, Manfred Wekwerth seinen letzten Rechenschaftsbericht gab und an den Gründungsauftrag der Akademie erinnerte, sprach er vom gesamtdeutschen Anspruch, der sich früh zerschlagen habe, aber nicht mehr davon, um welche Kunst und um welches Deutschland es denn bei Wandel, Pieck und Grotewohl gegangen war und bei jenen Künstlern, die den Auftrag angenommen hatten. Wekwerth erklärte, dass es einen Anschluss an die Westberliner Akademie nicht geben solle, aber eine Vereinigung beider Akademien auf Grundlage eines »Einigungsgesetzes«.

Der am gleichen Tag gewählte Heiner Müller sprach Klartext: »Was hier passiert, ist ein Vorgang der Eroberung, der Unterwerfung, nicht der Vereinigung, und Sie wissen alle, in Mexiko auf den aztekischen Tempeln stehen die katholischen Kirchen. Das ist das, was man jetzt versucht, und es wird schwer sein, die Reste unserer Tempel zu behaupten gegen die Implantation der Kirchen, die da draufgesetzt werden sollen.« Die Abgrenzung der DDR jedoch – denn dafür stand ja das Bild der Azteken – sei die »Abgrenzung eines unterentwickelten Territoriums, einer unterentwickelten Ökonomie gegen die Zwänge des Weltmarktes« gewesen. Müllers Folgerungen: die seit 1950 gezahlten Zuwendungen in einen Honorar- und Sozialfonds umwandeln und die Durchführung von Neuwahlen, die es vor einer Vereinigung mit der Westberliner Akademie geben müsse. Damit hatte er am Tag der Wahl sein vollständiges Programm verkündet.

Anschluss und Ausschluss

Die Vereinigung vollzog sich bis 1993 gegen den Widerstand vieler Mitglieder als Anschluss in einem windungsreichen äußerst beschämenden Prozess, bei dem die personelle Zusammensetzung verändert, also der seit 1950 gewachsene Organismus zerstört werden sollte. Nur 69 Mitglieder, eine stark reduzierte Zahl an Mitarbeitern, aber alle Archive, Sammlungen und einige Immobilien gingen in die Westberliner Akademie ein. Die von Müller favorisierte Idee einer Europäischen Künstlerassoziation, vorgestellt im von Sebastian Kleinschmidt, dem damaligen Chefredakteur von Sinn und Form, verfassten Entwurf zwischen einer nebulösen »Ausfahrt ins Ferne und Fremde« und der »Heimkehr ins Nationale«, beschrieb den Weg, »eine kleine Gruppe hervorragender, hochangesehener Mitglieder der jetzigen Akademie der Künste zu Berlin (Ost)«, zu berufen und dann die Sozietät neu zu bilden. Der Ausschluss unliebsamer Mitglieder geschah dann auf andere Weise. Drohte die neue Obrigkeit, sekundiert von Walter Jens, dem Präsidenten der Westberliner Akademie, mit Auflösung oder Nichtübernahme, so erklärte Müller, auf andere Weise als Max von Schillings im Jahr 1933, nun den Mitgliedern, die Mitgliedschaft müsse verkleinert, verjüngt, passender werden, um die Mitarbeiter und die Archive zu retten. Aber während damals Käthe Kollwitz und Heinrich Mann selbst austraten und spätere Ausschlüsse die Nazis direkt vornahmen, schlossen sich hier die Mitglieder gegenseitig aus, indem sie eine Mindestanzahl von Stimmen für das Erreichen des Ziels der Übernahme festgelegt hatten. Peter Hacks und viele seiner Kollegen ersparten sich und dem Geist der Akademie solche Schändung mit ihrem Austritt. Ihnen werden im grünenden Hain einer künftigen Sozialistischen Akademie für ihre Haltung gewiss Denkmäler errichtet werden – neben denen von Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht und Martin Wagner.

Jens Mehrle schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. Februar 2018 über Peter Hacks’ Operette »Orpheus in der Unterwelt«

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