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Aus: Ausgabe vom 30.03.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

»Geisterspiele bergen Konfliktpotential«

Die Show muss aufhören: Fußballfans gegen Saisonfortsetzung und für sozialen Sport. Gespräch mit Danny
Von Oliver Rast
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»Natürlich ist das Auftreten im Stadion Kernelement einer Ultragruppe« – VfB-Kurve in Ingolstadt, März 2016

Ultras haben sich zu Beginn der Coronaviruspandemie für eine Aussetzung beziehungsweise einen Abbruch der Saison der Fußballigen ausgesprochen – wohlgemerkt vor Vereinen und Verbänden. Warum?

Aus unserer Sicht ist das der richtige Schritt, um die Situation zu befrieden und Klarheit zu schaffen. Eine Fortsetzung der Saison zum Beispiel mit Geisterspielen birgt ziemliches Konfliktpotential. Der Eiertanz um eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs produziert fortlaufend Pseudonachrichten, die auf schockierende Weise offenlegen, wie abgehoben einige Funktionäre mittlerweile sind.

Etwas konkreter bitte: Was kritisieren Sie am Deutschen Fußballbund, DFB, und der Deutschen Fußballiga, DFL?

Es ist doch einfach albern, wenn das DFL-Präsidium bedeutungsschwanger der DFL-Vollversammlung öffentlich empfiehlt, den Spielbetrieb nochmals kurzzeitig auszusetzen. Man schiebt das Grundproblem doch nur vor sich her. Mannschaften sitzen teilweise komplett in Quarantäne, und die Entscheidung, wo und wann gespielt werden darf, trifft auch nicht die DFL.

Die Saisonfortsetzung mit Geisterspielen wäre zudem eine komplette Neuausrichtung des Fußballs. Partien haben in dieser Welt stattzufinden, weil das Pay-TV dafür bezahlt. Andere Interessenträger werden einfach ignoriert und ausgeschlossen. Wer im Stadion, in der Kneipe oder mit Freunden und Nachbarn zu Hause schauen will, ist auf einmal kein relevanter Bestandteil des Fußballs mehr? Statt dessen wird ein reichlich entzaubertes Schauspiel vor einer Geisterkulisse aufgeführt, weil die Show weitergehen muss? Das kann doch nicht die Antwort sein. Die Verbände täten gut daran, Verantwortung zu übernehmen, statt permanent selbstverliebt auf Ausnahmeregeln zu schielen und das eigene Schicksal in den Mittelpunkt zu stellen. Der Gipfel ist natürlich, vor diesem Hintergrund, die 50+1-Regel mal wieder zur Disposition stellen zu wollen.

Und wie beurteilen Sie das »Krisenmanagement« beim VfB Stuttgart?

Allein die Tatsache, dass darüber wenig nach außen dringt, ist beim VfB Stuttgart schon ein Erfolg. Man bemüht sich aktuell erfreulicherweise auch, nicht den schrillsten O-Ton oder das breitbeinigste Statement abzugeben – das hatten wir hier auch schon anders. Statt dessen gibt es viel Kommunikation über die eigenen Kanäle, und die Hilfsinitiativen aus der Fanszene werden recht unbürokratisch unterstützt. Vor allem der Vereinspräsident Claus Vogt tut sich hier hervor.

Nachbarschaftliche Hilfe für Angehörige von »Risikogruppen«, Solidaritätstransparente beispielsweise für Beschäftigte in den Krankenhäusern. Welche Initiativen haben Sie mit angeschoben?

Die Kampagne »Gemeinsam helfen 0711« wurde vom »Schwabensturm 02« initiiert und konzipiert. Wir unterstützen die Kampagne, und mittlerweile arbeiten unter diesem Dach mehrere Gruppen und Einzelpersonen zusammen. In diesem Zusammenhang sind auch die Transparente an den Krankenhäusern entstanden.

Ultragruppen machen jetzt ein bisschen auf gemeinnützig?

Das ist mit Sicherheit zu pauschal. Im Moment kommt aufgrund der Umstände eben nur diese Facette der Ultras zur Geltung. Soziale oder gemeinnützige Aktionen haben aber in vielen Gruppen mittlerweile eine eigene Tradition. Zum Beispiel geben wir jedes Jahr zum Jahresende einen Fankalender heraus, dessen Erlös für wohltätige Zwecke gespendet wird. Seit dem Start 2006 haben wir auf diesem Weg eine niedrige sechsstellige Summe generiert. Ähnliches dürfte es nahezu in jeder Fanszene geben.

Ist das auch ein Versuch, das Image der Ultraszene aufzupolieren?

Es ist der Versuch, alle Bestandteile einer Kultur zu zeigen, die oft nur auf vermeintliches oder tatsächliches Fehlverhalten reduziert wird.

Ohne ehrenamtliches Engagement wären zahlreiche, eigentlich staatliche Fürsorgeaufgaben nicht zu bewältigen. Funktionalisiert der Staat unbezahlte Care-Arbeit – in dem Falle von Ultras?

Generell ist das ein Problem, im Fall der Einkaufshilfe bewegen wir uns aber schon eher noch in einem Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung.

Kicks in den Bundesligen dürften monatelang nicht stattfinden – drohen Ultragruppen auseinanderzubrechen?

Eher nicht. Natürlich ist das Auftreten im Stadion Kernelement einer Ultragruppe. Das ist aber nicht der einzige Kitt: Unzählige gemeinsame Erlebnisse, unsere Geschichte und selbstverständlich die vielen Freundschaften untereinander verbinden uns.

Mal ehrlich: Wie lange kommen Sie ohne Fußball im Stadion aus – oder was bewegt Sie gerade?

Das Stadion und die Kurve sind im Moment weit weg. Unter dem Überbegriff »Social distancing« ist das öffentliche Leben aus nachvollziehbaren Gründen zum Erliegen gekommen. Dass die »Coronakrise« mit einer weiteren Ermächtigung der Polizei einhergeht, hinterlässt ein ungutes Gefühl. Ebenso totalitäre Tendenzen beispielsweise im Hinblick auf Handydatenauswertung. Die Herausforderung wird immens sein, diese Krisensituation ohne dauerhaften Schaden an Grund- und Freiheitsrechten zu überstehen.

Danny ist Mitglied der Ultragruppe »Commando Cannstatt 1997« des VfB Stuttgart

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