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Aus: Ausgabe vom 30.03.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Aufrüstung

Patt unter Imperialisten

Boeing und Airbus teilen sich Auftrag für Neuentwicklung von Bundeswehr-Kampfjets. Berlin macht Washington damit Zugeständnisse
Von Jörg Kronauer
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Etwas Aufwind: Der »Eurofighter« soll alte »Tornado«-Jets ersetzen. Aber nur einen Teil davon

Jahrelang gab es Auseinandersetzungen um den Auftrag zur Lieferung der Nachfolgemodelle für die alternden »Tornado«-Jets der deutschen Luftwaffe. Nun zeichnet sich ein Splitting zwischen Konzernen aus den Vereinigten Staaten und der EU ab. Wie aus übereinstimmenden Berichten hervorgeht, soll etwa die Hälfte der »Tornados« durch »F-18« aus dem Hause Boeing ersetzt werden, die andere Hälfte durch »Eurofighter«. Dies sei bereits mit der Industrie abgesprochen, hieß es. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) werde die offizielle Entscheidung über das Beschaffungsvorhaben noch vor Ostern bekanntgeben. Gerechnet wird mit Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe.

Die insgesamt 93 Tornados, die sich noch im Besitz der Luftwaffe befinden, sollten ausgemustert und neue Flugzeuge beschafft werden. 83 Tornados werden laut offiziellen Angaben noch im Flugbetrieb, zehn weitere in der Ausbildung am Boden und für wehrtechnische Tests genutzt. Der Plan, den Jet stillzulegen, der ab 1970 entwickelt und dessen erstes Modell 1980 ausgeliefert wurde, gilt mittlerweile als dringend: Die Kosten für Reparaturen schnellen zusehends in die Höhe. Die Entscheidung hat sich dennoch in die Länge gezogen. Die Ursache: Es galt, diverse recht widersprüchliche militärische, ökonomische und nicht zuletzt auch politische Interessen zu berücksichtigen.

Was die militärischen Interessen angeht: Die Luftwaffe hätte die Tornados wohl am liebsten durch die »F-35« von Lockheed Martin ersetzt. Der Tarnkappenjet, den auch diverse andere NATO-Staaten beschaffen, gilt als zur Zeit avanciertestes Modell der westlichen Rüstungsindus­trie. Er kam aber für die Bundesregierung aus politischen Gründen nicht in Frage. Berlin treibt seit Jahren die Entwicklung eines deutsch-französischen Hightechkampfjets voran, der unter der Bezeichnung »Future Combat Air System« (FCAS) firmiert, im Verbund mit Kampfdrohnen und Drohnenschwärmen operieren soll und voraussichtlich einen dreistelligen Milliardenbetrag kosten wird. Er soll das Konkurrenzmodell der EU gegen die US-amerikanische F-35 werden, weshalb es aus Sicht Berlins wenig sinnvoll wäre, jetzt viel Geld für den teuren US-Jet auszugeben. In Frage kamen deshalb vor allem die deutlich billigere F-18 von Boeing – und der Eurofighter.

Prinzipiell hätte es aus Sicht Berlins durchaus nahegelegen, sämtliche Tornados durch Eurofighter zu ersetzen. Damit wären die deutschen Rüstungsausgaben Firmen aus der BRD und der EU zugute gekommen und nicht der US-Konkurrenz – ganz im Sinne einer weiteren Stärkung der EU-Rüstungsindustrie. Dem standen jedoch zwei Probleme im Weg. Das eine: Aktuell sind Kampfflugzeuge dieses Typs unter anderem auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel stationiert, von wo sie im Rahmen der »nuklearen Teilhabe« bei Bedarf US-Atombomben an ihr Einsatzziel fliegen sollen. Dafür mussten die Tornados eigens von den zuständigen US-Stellen zertifiziert werden. Dasselbe wird auch für das Nachfolgemodell gelten. Washington, das Interesse daran hat, möglichst viele F-18 zu verkaufen, hat in Aussicht gestellt, man werde sich für eine Atomwaffen-Zertifizierung des Eurofighter drei bis fünf Jahre Zeit nehmen. Die F-18, bei der dies wohl deutlich schneller gehen wird, wurde damit zumindest für die Tornado-Nachfolge in Sachen »nukleare Teilhabe« zum Favorit.

Ein zweites Problem besteht darin, dass einige der Tornado-Nachfolger auch für die elektronische Kampfführung geeignet sein sollen. Der Eurofighter ist das in der gewünschten Form bislang noch nicht. Zwar beteuert das Eurofighter-Konsortium, man sei ohne weiteres in der Lage, die nötigen Entwicklungsarbeiten zu verrichten. Nur sind die Erfahrungen der Bundeswehr mit der deutsch-westeuropäischen Luftfahrtindustrie wenig berauschend (Stichwort: Militärtransporter Airbus »A400M«). So dass das Verteidigungsministerium wohl dazu tendiert, nicht nur für die »nukleare Teilhabe«, sondern auch für die elektronische Kampfführung erprobte F-18-Jets zu kaufen. Das gilt auch aus politischen Gründen als vorteilhaft – als Zugeständnis an die US-Regierung.

Wird also wohl die eine Hälfte der Tornados durch F-18-Jets ersetzt, so sollen Eurofighter an die Stelle der zweiten Hälfte treten. Hinzu kommt, dass zusätzlich ältere Eurofighter der ersten Tranche, die die Luftwaffe längst in Betrieb hat, gegen neue ausgetauscht werden sollen. Insgesamt stünde damit die Beschaffung von bis zu 90 Eurofightern zusätzlich zu den 45 F-18-Jets bevor. Freilich macht das Eurofighter-Konsortium, das sich mehr erhofft hatte, weiterhin Druck. Zuletzt stellte es in Aussicht, sich zur Produktion von Jets für die elektronische Kampfführung mit dem schwedischen Saab-Konzern zusammenzutun. Das sei vorteilhaft, hieß es, weil man dann womöglich Saab auch für das große Projekt FCAS gewinnen könne. Das schwedische Rüstungsunternehmen ist bislang nicht am FCAS beteiligt, sondern an dessen britischer Konkurrenz »Tempest«, mit dessen Konstruktion BAE Systems begonnen hat, nachdem die britische Firma – auch wegen des »Brexits« – vom FCAS ausgeschlossen worden war. Laut aktuellem Stand lässt sich Berlin davon allerdings nicht beeindrucken.

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