Gegründet 1947 Dienstag, 26. Mai 2020, Nr. 121
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.03.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Senfeistullen mit Gurkensalsa

Von Maxi Wunder

Roswitha, meine Reiseleiterkollegin, kommt mich besuchen – leichenblass. »Was ist los?« frage ich. »Nichts. Ich war bei der Katzenfrau«, antwortet sie geistesabwesend. Die Katzenfrau ist eine alte Freundin aus Ostzeiten, wie man so sagt, und inzwischen eine Art Guru für Orientierung suchende junge Menschen aus aller Welt. »Lass mich raten«, sage ich, »der Weltuntergang ist nahe, das Coronavirus ist der Wegbereiter des Antichristen, und demnächst kriegen wir alle einen Überwachungschip in die Stirn getackert mit der Zahl des Tieres. Wer sich weigert, muss verrecken.« – »So ungefähr.« – »Mensch Rossi, kaum gehst du nicht arbeiten, drehst du durch.« Ich mach’ mir Sorgen um die Freundin. »Ja!« Sie wird plötzlich laut. »Ich dürfte gar nicht hier sein. Ich hätte nicht zur Versammlung bei der Katzenfrau gedurft. Man darf nicht reisen, nicht demonstrieren und bald gar nicht mehr vor die Tür. Maxi, merkst du denn nichts?!«

Doch. Ich merke, dass ich heute noch nichts gegessen habe. Mehr als der Antichrist und seine Viren nervt mich zur Zeit, partout nicht rauszukriegen, wo und wie man diesen »Direktzuschuss für Soloselbstständige« beantragt. In meinem Kühlschrank entdecke ich Eier unbekannten Legedatums, aber Essiggurken sind bestimmt antiseptisch:

Für die Gurkensalsa eine Schalotte schälen und fein würfeln. Vier Gewürzgurken würfeln. Beides mit einem EL Speiseöl mischen. Sechs Eier siebeneinhalb Minuten kochen. Für die Senfsoße drei TL mittelscharfen und einen TL scharfen Senf, 100 g fettreduzierten Frischkäse und vier EL Gurkensud aus dem Glas mit dem Stabmixer kurz aufschlagen, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Vier Blätter Römersalat in kleine Stücke zupfen. Vier große Scheiben Vollkornbrot mit Butter bestreichen. Die Eier kalt abschrecken, pellen, in Scheiben schneiden und Brote damit belegen. Gurkensalsa, Salat und Senfsoße auf den Broten verteilen. Mit zwei EL Röstzwiebeln und etwas Edelsüßpaprika bestreuen.

Beim Essen kommen wir auf Ideen: »Wenn jetzt in Europa der dritte Weltkrieg ausbricht, und so verstehe ich deine Katzenfrau, dann müssen die Menschen fliehen, nicht wahr?« Rossi nickt. »Und Flüchtende darf man nicht sich selbst überlassen, nicht wahr?« – »Hm?« – »Na, ich meine, wir werden einfach Reiseleiter für Dritte-Weltkrieg-Flüchtende.« – »Du meinst Schlepper?« fragt Roswitha stirnrunzelnd. – »Äh, ja, wenn du so willst. Aber gute. Also welche, die es gut meinen. Also schon für Geld, aber nicht so viel. Aber wir nehmen nur Schweizer Franken, klar?« – »Klar.« – »Pass auf, ich stell’ mir das so vor, zielgruppenspezifisch. Für die Jugendlichen posten wir: ›Du so: Angst! Wir so: helf! Sicher dir dein Ticket nach Peru. Genug Gras on board.‹«– »Und die Alten?« – »Die ganz Alten werben wir so: ›Zeit für den geordneten Rückzug in unsere deutschen Kolonien: Togo, Kamerun, Bismarck-Archipel. Genug Toilettenpapier garantiert.‹« – »Ah ja. Und der grüne Mittelstand?« – »Weiß ich auch schon! ›Solitrip ins Baskenland. Faire Migration mit Rohmilchkäse und Biorotwein.‹« – »Maxi?« – »Ja?« – »Wenn du nicht arbeitest, drehst du durch.«

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

Die Tageszeitung junge Welt finanziert sich vor allem über Abonnements. Wenn Sie öfter und gerne Artikel auf jungewelt.de lesen, würden wir uns freuen, wenn auch Sie mit einem Onlineabo dazu beitragen, das Erscheinen der jungen Welt und ihre Unabhängigkeit zu sichern.

Mehr aus: Wochenendbeilage