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Aus: Ausgabe vom 28.03.2020, Seite 12 / Thema
Aristokratischer Faschismus

Totale Mobilmachung

Vor 125 Jahren wurde der Schriftsteller Ernst Jünger geboren. Sein Werk ist vom Krieg bestimmt
Von Kai Köhler
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»Der Stahlhelm verleiht dem Soldaten ein wüstes Aussehen«, notiert der Frontoffizier Ernst Jünger (1895–1998) im August 1916 (Kopfschutz Jüngers in dessen Wohnsitz, dem Forsthaus in Wilfingen)

Es gibt in Deutschland einige wenige Denker der Rechten, die auch in Teilen der Linken als satisfaktionsfähig gelten. Zu ihnen gehört der Staatstheoretiker Carl Schmitt, dessen Rechtfertigungen imperialistischer Politik den Vorzug brutaler Offenheit haben und darum zugleich scharfsinnige Entlarvungen sind. Ein anderer ist der Schriftsteller Ernst Jünger, dem man stilistische Brillanz ebenso zubilligt wie einen kühlen Blick auf die Erscheinungen der Moderne, von dem man lernen könne.

Die Moderne zu beobachten, hatte Jünger im Verlauf seiner fast 103 Lebensjahre ausreichend Gelegenheit. Am Beginn deutete wenig auf ein solches Alter hin. Dass der erlebnishungrige Gymnasiast 1913 zur Fremdenlegion ausriss und vom fürsorglichen Vater freiverhandelt wurde, war ein noch relativ harmloses Abenteuer, das Jünger in »Afrikanische Spiele« (1936), einem seiner unangestrengtesten Bücher, mit einer bei ihm sonst kaum je zu findenden Selbstironie schilderte. Der Erste Weltkrieg brachte kurz darauf die ersehnte Bewährungsprobe. Gegen jede Wahrscheinlichkeit überlebte ihn Jünger, der von Dezember 1914 bis zu einer schweren Verwundung im September 1918 mit kurzen Unterbrechungen Frontsoldat war. Sein erstes, bis heute wohl berühmtestes Buch beruht auf Notizen aus dieser Zeit: »In Stahlgewittern«, ein später mehrfach überarbeitetes Pseudotagebuch, in dem Jünger Massen von Kameraden erwähnt, von denen fast alle über kurz oder lang fallen.

Der Tod war der Normalfall; das aber führte Jünger nicht zum Pazifismus, sondern zum Ehrgeiz, in immer schrecklicheren Vernichtungszonen seinen Krieg zu erleben. Am Ende ist die deutsche Niederlage nebensächlich, im Vordergrund steht die Verleihung des Ordens Pour le Mérite; eine Sinngebung, wie sie das nationale Publikum des frühen Jünger begrüßt haben dürfte.

Diese Leserschaft war zunächst militärisch interessiert: »In Stahlgewittern« erschien 1922 – nach einer Erstausgabe im Eigenverlag – ebenso wie die unmittelbar folgenden Bücher im Mittler-Verlag, der einen Großteil der damaligen militärischen Fachliteratur publizierte. Die zwanziger Jahre sahen Jünger als politischen Publizisten auf der extremen Rechten. Seine Artikel erschienen in Zeitschriften wie Der Stahlhelm, Arminius oder Der Widerstand, deren Autoren die Weimarer Republik durch eine faschistische Diktatur ersetzen wollten. Auch in die NSDAP setzte er zeitweise Erwartungen. 1925 sah er in Hitler »die Vorahnung eines ganz neuen Führertypus«, 1927 formulierte er die Hoffnung, »dass die Begriffe Nationalsozialismus und Nationalismus immer mehr zusammenschmelzen«.

Dabei blieb eine gewisse Distanz. Hitler galt eben nur als »Vorahnung«, und die Nazis sollten von Nationalisten wie Jünger selbst lernen. Bald hielt er die NSDAP für zu legalistisch, nicht radikal genug. Hitlers Konzept, pseudosozialistische Propaganda durch die tatsächlich begünstigte Großindustrie bezahlen zu lassen und parlamentarische Wahlkämpfe vorerst nur durch ein vom wohlwollenden Weimarer Staat gerade noch toleriertes Gewaltniveau zu flankieren, war pragmatisch und letztlich erfolgreich. Für elitäre nationale Ideologen wie Jünger galt schon dieses Zugeständnis an die bürgerliche Demokratie als Verrat. Wo die Praxis fehlt, rettet man sich einerseits in Dichtung: »Das abenteuerliche Herz« (erste Fassung 1929) vereinte politische Betrachtungen mit Traumnotaten und kleineren literarischen Betrachtungen. Andererseits droht Radikalismus. Im Großessay »Der Arbeiter«, der Ende 1932 erschien, verfolgt Jüngers Idee einer »totalen Mobilmachung« bis zur letzten Konsequenz. Wie aber war der Weg dorthin? Gehen wir einen Schritt zurück.

Sinngebungen des Krieges

»In Stahlgewittern« ist ein Kriegsbuch, das aus verschiedenen Perspektiven gelesen werden kann. Die früheste Rezeption dürfte, verlagsbedingt, die praktische gewesen sein. Jünger hatte als Frontoffizier Erfahrungen im Stellungs- wie im Bewegungskrieg gemacht und schildert taktische Lagen so eingehend wie den richtigen Umgang mit der Mannschaft. Das Buch war geeignet, die untere Führungsebene auf einen kommenden Krieg vorzubereiten.

Dabei wird das Schreckliche des Krieges keineswegs ausgespart. Es wäre auch im Erscheinungsjahr 1920 völlig aussichtslos gewesen, die Hölle der Grabenkämpfe an der Westfront als fröhliches Schlachtengetümmel zu verklären. Jünger wählte eine andere Variante, den Krieg als positiv darzustellen. Das Heroische besteht bei ihm gerade darin, in dieser Hölle zu bestehen. Zu bestehen, das heißt mindestens, die soldatische Pflicht zu tun; es fordert darüber hinaus den Ehrgeiz, dieser Umgebung zu entsprechen.

Was aber heißt dies? Die Antwort ist widersprüchlich, und dieser Widerspruch ist für Jüngers Gesamtwerk grundlegend. Auf der einen Seite verlangt er, das Neue des Ersten Weltkriegs zu bejahen. Das gilt zunächst für den Stellungskrieg: monatelang in Rufweite des Feindes in Grabenverhauen zu warten, ohne den Gegner zu sehen; völlig unvorhersehbar durch artilleristische Ferneinwirkung zerfetzt zu werden; also als kleinste Einheit in einem unüberschaubaren Ganzen unabsehbare Entbehrungen und plötzlichen Tod oder plötzliche Verstümmelungen zu akzeptieren. Es gilt ebenso für die neuen Taktiken des letzten Kriegsjahres, die wieder einen Bewegungskrieg erzwingen sollen und die beim Angriff auf die zuvor von der eigenen Artillerie zermalmten Stellungen des Gegners von jedem einzelnen Soldaten ein in früheren Kriegen nicht erfordertes Maß an selbständigem Handeln erfordern.

Das verweist auf die andere Seite des Widerspruchs. Der Erste Weltkrieg war an der deutschen Westfront zumeist ein Krieg ohne sichtbaren Feind. Die meisten Toten forderte, noch weit vor Giftgas, die gegnerische Artillerie; und ob man dort steht, wo das Schrapnell einschlägt, hat mit Können wenig zu tun, sondern ist Glücks- oder vielmehr Pechsache. Jünger, der das Moderne dieses Krieges lobt, sucht aber zugleich den Kampf Mann gegen Mann, als wäre er ein Held in Homers Ilias. Wenn beim Stellungskrieg gerade nichts los ist, unternimmt er nächtliche Stoßtruppabenteuer; wenn er bei der Frühjahrsoffensive 1918 endlich einen Feind vor Augen hat, jubelt er. Am Ende des Buches bilanziert er schwerverwundet in einem Lazarett »fünf Gewehrschüsse, zwei Granatsplitter, eine Schrapnellkugel, vier Handgranaten- und zwei Gewehrgeschosssplitter, die mit Ein- und Ausschüssen gerade zwanzig Narben zurückließen. In diesem Kriege, in dem bereits mehr Räume als einzelne Menschen unter Feuer genommen wurden, hatte ich es erreicht, dass elf von diesen Geschossen auf mich persönlich gezielt waren«.

Ein solches Individuelles zu verteidigen und zugleich das anonymisierte Töten zu bejahen, wie geht das? Als Jünger seine knappen Notizen aus dem Krieg zu einem angeblichen Tagebuch ausarbeitete, stilisierte er sich zu diesem Zweck zu einem überlegenen Beobachter. Mehrfach hält dieses Ich mitten im Kampf inne, um das Schlachtfeld zu überschauen. Es ist dies ein Versuch, Souveränität zu gewinnen, über den Dingen zu stehen. Im frühen Kriegsbuch steht das noch damit im Gleichgewicht, dass der Beobachter stets selbst gefährdet ist, dass seine Gefühle protokolliert werden und dass Jünger auch das Gegenteil berichtet: Als seine Kompanie für die deutsche Märzoffensive 1918 an die Front herangeführt wird, wird die Mehrzahl der Soldaten noch vor dem Beginn des eigentlichen Angriffs durch einen britischen Artillerietreffer getötet. Das führt zum Zusammenbruch des Kommandeurs: »Ich warf mich zu Boden und brach in ein krankhaftes Schluchzen aus, während die Leute düster um mich herumstanden.« Erst in späteren Werken verabsolutiert Jünger die Pose des überlegenen Beobachters und lässt ganze Epochen als »Schauspiel« – so eine häufige Wendung – vor seinem Auge ablaufen.

Der souveräne Blick hat Vorzüge: Der Feind wird respektiert. »Ich war im Kriege immer bestrebt, den Gegner ohne Hass zu betrachten und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu schätzen. Ich bemühte mich, ihn im Kampf aufzusuchen, um ihn zu töten, und erwartete auch von ihm nichts anderes. Niemals aber habe ich niedrig von ihm gedacht.« Dies ist in mehrerlei Hinsicht rückwärtsgerichtet: zum einen in seiner Geschlechterspezifik (der Kampf ist männlich), zum anderen darin, dass die »totale Mobilmachung«, die Jünger in einem seiner späteren Essays schon im Titel forderte, immer auch eine ideologische Begründung verlangte. Vor allem aber führt der Mangel an Hass zu der Frage, weshalb man eigentlich tötet.

In den »Stahlgewittern« versucht Jünger immer wieder, dem Krieg einen Sinn zuzuschreiben. Da heißt es etwa, als Fazit der gescheiterten Offensive von 1918, an der Jünger mit den Überlebenden seiner Einheit teilnahm: »Die ungeheure Ballung der Kräfte in der Schicksalsstunde, in der um eine ferne Zukunft gerungen wurde, und die Entfesselung, die ihr so überraschend, so bestürzend folgte, hatten mich zum ersten Male in die Tiefe überpersönlicher Bereiche geführt. Das unterschied sich von allem bisher Erlebten; es war eine Einweihung, die nicht nur die glühenden Kammern des Schreckens öffnete, sondern auch durch sie hindurchführte.«

Dieses Motiv wird für Jünger in den folgenden Jahren zentral. Die Erkenntnis, dass im Imperialismus für kapitalistische Geschäftsinteressen gemordet wird, hätte all sein Tun entwertet. Statt dessen unternimmt es Jünger der Zerstörung einen Sinn zu geben, der mit konkreten Interessen nichts zu schaffen hat und das Chaos als Vorschein einer neuen Ordnung darstellt. Der Essay »Der Kampf als inneres Erlebnis« (1922) wirkt verführerisch, insofern Jünger in Abschnitten, die etwa »Blut«, »Grauen«, »Der Graben« oder »Eros« überschrieben sind, Erfahrungen protokolliert, sie dann aber gleich ideologisch oder mythlogisch überlädt. Das Einzelne führt unvermittelt zum angeblich übergeschichtlich Gültigen; die historische Einordnung des Geschehens fehlt hingegen.

Auf diese Weise erschreibt sich Jünger eine Haltung, die taktische Vorteile bietet. Er stellt sich als Dichter hin, der in die Kämpfe verwickelt ist und deshalb einen authentischen Blick auf die Einzelheiten hat; und zugleich als Deuter, der über dem Geschehen steht und dessen verborgenen Gehalt enthüllt. Diese Chance lässt sich aber umgekehrt als Gefahr beschreiben: dass die Deutung die Wahrnehmung verdrängt und Jünger eine Sinngebungsmaschine in Gang setzt, die das Gesehene nur noch als Material für die Rechtfertigung jedes Geschehens gebraucht. »Der Arbeiter« ist Jüngers radikalster Versuch, Erscheinungen der Moderne für eine faschistische Politik zu nutzen, und zeigt diesen Konflikt besonders deutlich.

»Nein, der Deutsche war kein guter Bürger«, heißt es gleich auf der ersten Seite, und dass die Herrschaft des Dritten Standes sich ihrem Ende nähere. Der Bürger werde durch den Arbeiter ersetzt. Man muss allerdings sehr oberflächlich lesen, um in diesen Aussagen eine Nähe zu marxistischer Analyse zu sehen. »Arbeiter« bezeichnet bei Jünger ausdrücklich keine ökonomisch oder politisch bestimmte Gruppe, erst recht keine Klasse. Soweit Arbeiterparteien als mehr oder minder radikale Opposition am politischen Geschehen teilnehmen, bewegen sie sich – aus Jüngers Sicht – innerhalb des vom Bürgertum kontrollierten Bereichs. Das Bürgertum sehne sich nach materieller Sicherheit; wenn das die Linke auch für Arbeiter fordere, so sei sie ebenfalls bürgerlich. Was die Arbeiterbewegung an Zukunftsvorstellungen aufbietet, hält Jünger nur für verallgemeinerte bürgerliche Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; Schwesterlichkeit wäre überhaupt jenseits der Vorstellungskraft.

Jünger erkennt klar und lange vor der linken Formel von der »repressiven Toleranz«, wie der bürgerliche Parlamentarismus Opposition einsaugt und neutralisiert; diese Passagen könnte man heute der Linkspartei zu lesen geben, die daraus ebensowenig lernen wollen würde wie die Grünen von Jüngers Analyse der Völkerbundpolitik, die nicht besser war als die der heutigen »Weltgemeinschaft«: »So ist es möglich geworden, dass heute Kriege geführt werden, von denen keine Kenntnis genommen wird, weil sie der Stärkere etwa als friedliche Durchdringung oder als Polizeiaktion gegen Räuberbanden zu bezeichnen liebt – Kriege, die zwar in der Wirklichkeit, nicht aber in der Theorie vorhanden sind.«

Jünger weiß, wie man Illusionen beiseite räumt. Er mag keine verdeckte Gewalt; aber nur, insofern sie verdeckt, nicht weil sie Gewalt ist. Sein »Arbeiter« steht an vorderster Front, wo es darum geht, Konflikte voranzutreiben und Härten zu steigern. Arbeiter in Jüngers Sinn sind diejenigen, die sich an der »totalen Mobilmachung« in den Kämpfen seiner Zeit beteiligen. Dabei ist es gleichgültig, ob sie in Fabriken, Ingenieurbüros, Zeitungsredaktionen, beim Militär oder als Fabrikherren tätig sind. Auch spielt es keine Rolle, wieviel sie von der geschichtlichen Bedeutung ihres Tuns wissen. Wichtig ist nur die Haltung, mit der sie sich mit der Realität auseinandersetzen und die Jünger als das Gegenteil der bürgerlichen Ideologie begreift.

In diesem Prozess entsteht ein »aktiverer Schlag«, in dem »die eigentliche Rasse schärfer zur Ausprägung gelangt«. Jüngers Rassebegriff ist ausdrücklich nicht biologisch, sondern bezeichnet eine durch soziale Erfahrung, bei ihm konkret: durch radikalisierten Kampf herangezüchtete Elite. Explizit benennt Jünger die Möglichkeit, dass eine »Rasse« in diesem Verständnis auch in bislang kolonialisierten Völkern entstehen könne.

Dies ist nicht die einzige Provokation, die der »Arbeiter«-Essay für die etablierte Rechte seiner Zeit bereithält. Jünger räumt Vorstellungen von heimatlicher Scholle und traditionellem Bauerntum ab: »Der Acker, der mit Maschinen bewirtschaftet und mit dem künstlichen Stickstoff der Fabriken gedüngt wird, ist nicht derselbe Acker mehr.« Auch der Bauer wird Arbeiter: »Die Tiefe der Revolution, in der wir begriffen sind, weist sich gerade dadurch aus, dass sie selbst die Urstände zerbricht.« Ähnliches gilt für die Nation. Sie »findet ihre Grenzen in sich selbst, und jeder Schritt, der sie darüber hinausführt, ist durchaus zweifelhaft«. Für die Mobilisierung in einem Umfang, wie er Jünger vorschwebt, reicht sie nicht aus. Er denkt in imperialen Räumen.

Um diese Mobilisierung zu verwirklichen, braucht es einen neuen Typus, der die bürgerliche Individualität überwunden hat. Jünger sieht diesen Typus in der Elite unter den Kämpfern der letzten Phase im Ersten Weltkrieg vorgeprägt, die es gelernt haben, in Vernichtungszonen zu leben und zu sterben. Dabei spielen die Reste eines traditionellen Soldatentums keine Rolle mehr. Der Stolz in den »Stahlgewittern«, die Mehrzahl der Verwundungen als Einzelziel bekommen zu haben, ist abgeräumt. Prägnant heißt es nun über den Arbeiter: »Seine Kampfkraft ist kein individueller, sondern ein funktionaler Wert; man fällt nicht mehr, sondern man fällt aus.«

Daraus ergibt sich eine konsequent hierarchische Sichtweise: »Jede Haltung, der ein wirkliches Verhältnis zur Macht gegeben ist, lässt sich auch daran erkennen, dass sie den Menschen nicht als das Ziel, sondern als ein Mittel, als den Träger sowohl der Macht wie der Freiheit begreift. Der Mensch entfaltet seine höchste Kraft, entfaltet Herrschaft überall da, wo er im Dienste steht. […] Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird, und die höchste Befehlskunst darin, Ziele zu zeigen, die des Opfers würdig sind.«

Ideologische Ambivalenz

Es mag verwirren, dass in diesem Zusammenhang überhaupt von Freiheit die Rede ist. Doch setzt Jünger den »Freiheitsanspruch« mit dem »Arbeitsanspruch« gleich. So entspricht für ihn »das Maß der Freiheit des Einzelnen genau dem Maße […], in dem er Arbeiter ist. Arbeiter, Vertreter einer großen, in die Geschichte eintretenden Gestalt zu sein, bedeutet: Anteil zu haben an einem neuen, vom Schicksal zur Herrschaft bestimmten Menschentum.«

Dass Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit ist, wissen Marxisten von Hegel und vermittelt über Engels. Denen aber geht es um Souveränität statt um Unterwerfung unter ein unhinterfragbares »Schicksal«; es geht ums Gute für die Menschen statt um Jüngers Ankündigung, »dass in einer reinen Arbeitswelt die Lasten des Einzelnen sich nicht verringern, sondern sogar noch wachsen werden« und allenfalls ein »tieferes, für den Verzicht gerüstetes Glück« zu erhoffen sei – »wenn überhaupt von Glück die Rede sein soll«.

Das ist immerhin ehrlich. Jünger verabscheut bürgerliche Heuchelei, tut bürgerliche Werte ab, lässt aber den zentralen Wert bestehen: das Eigentum. Zwar greift bei ihm der »Arbeitsstaat« auf jegliches Eigentum zu, doch damit ist die nie erwähnte Frage, wer den Mehrwert kassiert, erfolgreich beiseite geschoben; als würde der Übergang zur Kriegswirtschaft irgend etwas Grundlegendes verändern.

Dennoch ist das Buch lesenswert. Es zeigt einen Faschismus in Reinform, fast ohne ideologische Verquastheiten und ganz ohne lügnerische Versprechungen. Zwar deutet Jünger an, dass über verschiedene Stufen einer immer rücksichtsloseren Beschleunigung irgendwann eine neue stabile Ordnung erreicht werde, so wie er nach der Schlacht von 1918 nicht nur den Eintritt, sondern den Durchgang durch die »glühenden Kammern des Schreckens« andeutete. Doch fehlt dem jede Überzeugungskraft, und das Versprechen tritt hinter dem viel anschaulicheren Lob aktueller Härten zurück.

Im Detail liefert Jünger dabei prägnante Beobachtungen. Seine Analyse, in welch steigendem Maße die Einzelnen in der modernen Großstadt auf das Funktionieren des Ganzen angewiesen sind, also an Autonomie verlieren, dürfte im März 2020 auf größere Zustimmung stoßen als noch vor zwei Monaten. Dass der Einzelne nicht zähle, dessen Glück keine Rolle spiele, hat sich dagegen in den letzten Wochen nur bedingt als richtig herausgestellt. Zwar konnte der Staat – mit nachvollziehbaren Begründungen – zahlreiche Privatvergnügen unter Strafe stellen. Doch besteht der Zweck darin, Leben zu retten, und dabei besonders Leben von Alten und Erkrankten, die für imperiale Machtentfaltung von keinem Wert mehr sein dürften.

In fernen Kontinenten mögen regelmäßig Massen krepieren, doch gelten in den europäischen Kernländern die durch das Coronavirus verursachten Sterbezahlen in Italien oder Spanien, die sehr deutlich unter den Verlusten eines Kampftags im Ersten Weltkrieg liegen, als politisches Problem und führen zu Maßnahmen, die wirtschaftlich die Staaten beschädigen und deren Machtentfaltung behindern. Hier sind bürgerliche Werte, die Jünger 1932 für erledigt hielt, nach wie vor gültig.

War da was?

Der Intellektuelle Jünger war konsequenter als die Nazis und lieferte mit 37 sein Meisterstück ab, dem er in den folgenden immerhin fast 66 Jahren seines sehr langen Lebens nichts Gleichwertiges mehr an die Seite stellen konnte. Den dumpf-klügeren Nazis wurde wenige Monate nach dem Erscheinen des »Arbeiters« vom Bürgertum die Macht geschenkt. Sie versprachen Glück und traditionelle Werte, ohne sich jemals darum zu kümmern; in der Praxis wendeten sie Machtmittel an, deren Brutalität die sich radikaler wähnenden Ideologen wie Jünger erschreckte und anekelte.

In Jüngers Erzählung »Auf den Marmorklippen« (1939) tritt ein Bruderpaar auf, das einst mit den Schlächtern zusammenarbeitete, nun aber Distanz hält. Freilich ist dies nicht durchzuhalten. Die Gesellschaft zerfällt, die Schutzräume schwinden, und die beiden – die als Ernst Jünger und sein in der Weimarer Republik gleichfalls der faschistischen Opposition zugehöriger drei Jahre jüngerer Bruder, der Schriftsteller Friedrich Georg Jünger, zu dechiffrieren sind – können sich dem Konflikt nicht entziehen. Als Verlierer sind sie zur Flucht gezwungen.

Am Ende steht ein Ausweichen. Das gilt ebenso für die Romane »Heliopolis« (1949) und »Eumeswil« (1977) wie für die meisten der Erzählungen. Wo sich Jünger fiktive Stoffe ausdenkt, entwickelt er große Konfliktszenarien, ohne aber die Kämpfe auszutragen – seltsam bei diesem durch den Krieg geprägten Autor. Doch mag vielleicht, wer von großen geschichtlichen Zeichen lieber redet als von kapitalistischer Konkretion, lieber darüber schweigen, wer der Sieger ist, und warum.

Jünger – so wurde gesagt – nützt strategisch die Haltung, zugleich in den Kämpfen zu sein und darüber. Das gilt noch für den »Arbeiter«-Essay, der über weite Strecken als Analyse dessen daherkommt, was nun mal objektiv gegeben sei, aber doch in den Aufruf mündet: »Hier Anteil und Dienst zu nehmen: das ist die Aufgabe, die von uns erwartet wird.«

Davon mochte Jünger nach 1933 nichts mehr wissen. Als er 1949 seine Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg unter dem Titel »Strahlungen« veröffentlichte, schrieb er im Vorwort: »Die geistige Erfassung der Katastrophe ist fürchterlicher als die realen Schrecken der Feuerwelt. Sie ist das Wagnis nur der kühnsten, lastbarsten Geister, die den Dimensionen, wenngleich nicht den Gewichten, des Vorgangs gewachsen sind. […] Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein. Man kann jedoch die Barometer nicht für die Taifune büßen lassen, falls man nicht zu den Primitiven zählen will.«

Daran ist ein sehr Geringes richtig. Unter den deutschen Faschisten gab es Fraktionskämpfe, und Jünger zählte nach 1933 zu den Verlierern, denen man den Abscheu vor rassistischem Völkermord glauben kann. Als Besatzungsoffizier in Paris war er in gewissem Maße durch den Propagandawert seiner Kriegsbücher geschützt. Ob dies ausreichen würde, war bis 1945 nicht gewiss. Jüngers Tagebücher geben einen wertvollen Einblick in diese innerfaschistischen Auseinandersetzungen; auch in den Ekel des Verfassers, der sich Ende 1942 in den Kaukasus abkommandieren lässt, um dort die Konsequenzen der von ihm geforderten totalen Mobilmachung zu beobachten.

Falsch ist alles andere. Wer im Lager saß, war übler dran als jener, der die Lagerwelt geistig erfasste. Zweifelhaft ist, ob jemals nach einem Erdbeben ein Seismograph oder nach einem Taifun das Barometer demoliert wurde. Zweifellos steht dagegen fest, dass Jünger seine aktivistische Vergangenheit ableugnete. Das legte den Grundstein zu einer langen Nachkriegskarriere, die ihn bis heute als respektablen Autor erscheinen lässt.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 7./8. März über den Schriftsteller André Müller sen.

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