Gegründet 1947 Donnerstag, 2. April 2020, Nr. 79
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 15 / Feminismus
Abtreibung während Pandemie

»Videoberatung ermöglichen«

Ungewollt Schwangere können während Pandemie Pflichttermine vor Abbruch womöglich nicht einhalten. Ein Gespräch mit Christiane von Rauch
Von Gitta Düperthal
15.jpg
Vor Corona: Protest gegen den Paragraphen, der vermeintliche Werbung für Abbrüche unter Strafe stellt (Berlin, Februar 2018)

Ärztinnen, Beraterinnen und Fachverbände sehen den Zugang zum Schwangerschaftsabbruch während der Coronaviruspandemie akut gefährdet. Welche Probleme kommen auf eine Frau zu, wenn sie merkt, dass sie ungewollt schwanger ist?

Nachdem die Schwangerschaft bemerkt wurde, müssen Frauen in dieser Lage mehrere Termine außer Haus wahrnehmen. Sie müssen zur Gynäkologin, um die Schwangerschaft feststellen zu lassen, sowie zu der vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Konfliktberatung. Nachdem drei Tage Wartezeit vergangen sind, folgt eine weitere Untersuchung in der Praxis oder Klinik, wo der Abbruch vorgenommen werden soll – dann erst erfolgen der Abbruch selbst sowie eine Nachuntersuchung. Zu etlichen Terminen muss die Frau also jeweils persönlich erscheinen. All dies ist nicht leicht zu realisieren, insbesondere mit den erheblichen Ausgangsbeschränkungen, die es während der Krise gibt. Frauen mit Kindern können jetzt, wo Kitas und Schulen geschlossen sind, kaum weg von zu Hause. Die Hürden sind im Fall einer ungewollten Schwangerschaft sowieso schon groß, weil es ein erhebliches Tabu in unserer Gesellschaft um das Thema Abtreibung gibt – was eine Frau in einer engen gemeinschaftlichen Wohnung mit wenig Privatsphäre vor verschärfte Bedingungen stellt.

Wie ist die aktuelle Situation in Beratungszentren, Kliniken und Arztpraxen seit dem Ausbruch der Pandemie?

Wie in anderen Arztpraxen sind dort unbedingt Vorkehrungen zu treffen, damit weder die Patientinnen noch die Mitarbeiterinnen oder die Ärztinnen und Anästhesistinnen sich infizieren. Es fehlt aber wie überall im Gesundheitswesen an Atemschutzmasken, Schutzanzügen Einweghandschuhen und Desinfektionsmittel. Die Praxen machen Schichtdienst, Mitarbeiterinnen sind im Home Office, von wo aus sie Telefonate führen, E-Mails beantworten oder ähnliches. Nehmen Sie das Beispiel der engagierten Ärztin Kristina Hänel, die ein Recht auf freien Zugang zu Informationen zum Schwangerschaftsabbruch fordert: Wenn eine Ärztin als einzige Medizinerin in der Praxis tätig ist, wie sie in ihrer in Gießen, ist die Gefahr groß: Würde sie sich infizieren, müsste ihre Praxis zwei Wochen lang wegen der Quarantäne schließen. Da dies dort weit und breit die einzige Praxis dieser Art ist, gäbe es dann niemanden mehr, der in der Region Abbrüche vornimmt.

War es nicht schon vor der Pandemie schwierig, eine solche Praxis zu finden?

In der Tat. Eine gute Versorgung gibt es nach wie vor in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt. In bestimmten Regionen, etwa in Rheinland-Pfalz oder im Süden und Südosten Bayerns, gibt es extreme Engpässe. Dort führen kaum mehr Ärzte Abtreibungen durch.

Bedeutet die nun durch den Virus verschärfte Situation, dass ungewollt Schwangere die gesetzliche Frist, bis zu der ein legaler Abbruch erlaubt ist, möglicherweise nicht mehr einhalten können?

Genau das wird passieren oder geschieht bereits. Selbst die Chance, wenn es wirklich eng wird, ins benachbarte Ausland zur Abtreibung zu reisen, besteht aufgrund der Reiseeinschränkungen während der Pandemie nicht mehr. Laut Statistik fahren allein in die Niederlande pro Jahr mehr als 1.000 Frauen.

Gibt es noch weitere Probleme?

Bedürftige Frauen können eine Kostenübernahme für den Abbruch bei den Krankenkassen beantragen – dass dies bei einigen Kassen nicht online geht, ist eine weitere Schwierigkeit.

Was fordern Sie zur Entschärfung der Situation?

Unser Netzwerk aus Ärztinnen und Verbänden wie zum Beispiel Pro Familia fordert unter anderem, die Videoberatung oder telefonische Beratung der Frauen zu ermöglichen. Der Nachweis dafür soll per E-Mail oder per Post zugestellt werden, damit niemand mehr persönlich in der Beratungsstelle erscheinen muss. Einige Bundesländer, wie etwa NRW, haben dem bereits per Erlass zugestimmt. Spitzt sich die Pandemie weiter zu und Beratungsstellen sind nicht mehr ausreichend besetzt, müssten die vor den Eingriffen vorgeschriebene Pflichtberatung und die Wartefrist ausgesetzt werden. Ein medikamentöser Schwangerschaftsabbruch zu Hause mit den Abtreibungspillen Mifegyne und Cytotec kann mit telemedizinischer Begleitung und einem Besuch bei einer Ärztin bis Ende der neunten Woche zugelassen werden. Chirurgische Abbrüche mit Vakuumabsaugung sollten als notwendige medizinische Leistungen im Sinne der Pandemiebestimmungen anerkannt werden. Hinter den Forderungen stehen »Doctors for Choice Germany«, »Pro Choice Deutschland«, der »Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft« sowie der Bundesvorstand von Pro Familia.

Warum ist all das nicht sowieso längst möglich?

Wir appellieren schon lange an die Ärzteverbände und Universitäten, dass die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Methoden eines sicheren Schwangerschaftsabbruchs durchgängig praktiziert werden. Der Schwerpunkt sollte bei den medikamentösen Methoden und der Vakuumabsaugung liegen. In Deutschland liegt der Anteil ersterer bei nur etwa 30 Prozent. Zu 15 Prozent werden sogar noch Ausschabungen vorgenommen, die für die Frauen ein höheres Gesundheitsrisiko beinhalten.

Was die Coronaviruspandemie betrifft: Sind Sie optimistisch, dass es für ungewollt schwangere Frauen eine Lösung gibt?

Es muss jetzt schnell geregelt werden, weil wir sonst befürchten, dass Frauen wieder zu »unsicheren Abtreibungsmethoden« greifen: mit der Gefahr von gesundheitlichen Schäden wie Entzündungen, Sterilität und Blutungen bis hin zum Tod.

Christiane von Rauch ist Vorstandsmitglied des Vereins Pro Choice Deutschland e. V., Ärztin für Allgemeinmedizin in Rente, ehemals Mitglied des Pro-Familia-Landesvorstands Hessen, Mitgründerin der Solidaritätsinitiative für Kristina Hänel, die gemäß Paragraph 219a wegen verbotener »Werbung« für Schwangerschaftsabbrüche angeklagt wurde

Ähnliche:

Mehr aus: Feminismus

Jetzt drei Wochen gratis im Probeabo!