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Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Notstand in den Köpfen

Philosophen in der Krise: Eine Mahnung zur Agamben-Zizek-Debatte
Von Marc Püschel
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Abstand halten: Man hüte sich davor, in der Krise auf Philosophen zu hören.

Die staatlichen Maßnahmen zur Bewältigung der Coronakrise sind noch gar nicht vollends abzusehen, da häufen sich schon die Stimmen, die wie der Soziologe Armin Nassehi vor »dem autoritären Charakter« warnen. Auch Philosophen waren schnell zur Stelle, um der liberalen Kritik die höheren Weihen zu spenden. In der NZZ vom 20. März konnte der Italiener Giorgio Agamben seine Befriedigung darüber kaum unterdrücken, seine lang vertretene Theorie des Ausnahmezustands seiner Meinung nach bestätigt zu sehen. Auch in anderen Beiträgen versteigt sich Agamben in allerhand gewagte Thesen wie diejenige, die Notstandsmaßnahmen seien »völlig unbegründet«. Ungeachtet all der zwischenmenschlichen Solidarität, die wir in der Krise aufleben sehen, behauptet Agamben, unsere Gesellschaft glaube an nichts mehr außer an das »nackte Leben«, und prophezeit, der Ausnahmezustand werde auch nach der Epidemie fortdauern.

Dem unvermeidlichen Slavoj Zizek gelang eine in Teilen erfreuliche Antwort, in der er darauf verweist, dass das Virus keine von Politikern zu­ ­Zwecken der Machterweiterung erdachte Konstruktion ist. Kommentatoren wie Agamben »blenden den Realitätsgehalt der Gefahr« vollständig aus, so der slowenische Philosoph. Ein angesichts der gängigen, auch von Agamben vertretenen Verharmlosung, die Covid-19-Pandemie wäre einer normalen Grippewelle vergleichbar, durchaus notwendiger Hinweis. Die gegen den Konstruktivismus eines Agamben oder Foucault gerichtete Kritik Zizeks bleibt aber trotz des richtigen Hinweises, dass Maßnahmen wie Ausgangssperren nicht im Interesse des Kapitals liegen und daher wieder abgeschafft werden, undifferenziert. Wie es seine Art ist, will der Slowene der Thematik gleich ein ganzes Buch widmen. Dass er darin genauer wird, darf bezweifelt werden.

Angesichts dieser unbefriedigenden Diskussion stellt sich die Frage, welches die wesentlichen Aspekte der Rede über autoritäres staatliches Handeln sind. Erstens gilt es zu klären, ob und für wen die verstärkte Kontrolle überhaupt neu ist. Wer einmal in den Mühlen der Arbeitsagentur steckte, als Migrant in Deutschland lebt oder einfach von einem Arbeitsplatz abhängig ist, weiß ohnehin, dass unsere bürgerliche Demokratie mit ihrer vielgepriesenen individuellen Freiheit auf staatlicher Autorität erbaut ist. Es sind daher nicht zufällig vor allem Stimmen aus dem Bürgertum, die jetzt die für sie ungewohnten Einschränkungen beklagen, zumal gerade das freiberufliche Kleinbürgertum von den Restriktionen ökonomisch zunächst am härtesten betroffen ist.

Wer dagegen mit den Erfordernissen des Produktionsprozesses vertraut ist, dem wird der zweite Aspekt nicht fremd sein: Bestimmte Sachverhalte legen dem Menschen eine von ihm unabhängige Autorität auf. Ein Blick in Friedrich Engels Essay »Von der Autorität« (1873) ist hier äußerst erhellend. Gegen die Antiautoritären schreibt er: »Wenn der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft sich die Naturkräfte unterworfen hat, so rächen diese sich an ihm, indem sie ihn, in dem Maße, wie er sie in seinen Dienst stellt, einem wahren Despotismus unterwerfen, der von aller sozialen Organisation unabhängig ist.« Der Produktionsprozess muss in der Auseinandersetzung mit der Natur unabdingbar strengen Regeln folgen, um zu gelingen. Um so stärker gilt dies bei reinen Naturphänomenen wie Pandemien. Reaktionen auf die reale Gefahr des Virus können nicht beliebig sein.

Drittens muss jedoch der Warnung vor autoritärem staatlichen Handeln recht gegeben werden, denn es ist offenkundig, dass rechte Politiker wie Viktor Orban die Krise dazu nutzen, demokratische Rechte abzubauen und weitere Schritte Richtung Faschismus zu gehen. Die Gefahr des Missbrauchs von Notstandsgesetzen liegt in dem fehlenden sittlichen Zweck bürgerlicher Staaten. Dagegen bedürfen gerade Staaten wie Kuba oder China mit ihrem staatlichen Gesundheitswesen, das auch in normalen Zeiten in den Dienst am Menschen gestellt ist, in der Krise weniger autoritärer und vor allem kurzfristigerer Maßnahmen. Will der liberale Staat etwas Gleichwertiges leisten, muss er dagegen um so härter in die Gesellschaft eingreifen, je stärker diese zuvor von der versagenden Logik des freien Marktes dominiert wurde. Und da der sittliche Zweck, hier der Schutz des Lebens, nur in der Ausnahmesituation zur Maßgabe staatlichen Handelns wird, können die Notstandsregeln nach der Pandemie zu anderen Zwecken wie Kapitalinteressen und Machterhalt genutzt werden – ebenso wie Verstaatlichungen bei Wirtschaftskrisen sinnvoll sind, die im Anschluss erfolgende Rückabwicklung aber erweist, dass letztlich nur die Schulden der Konzerne vergesellschaftet wurden.

Der konstanteste Notstand herrscht dabei im liberalen Denken, das mit diesem Widerspruch zwischen Laissez-faire und um so härterem Notfall-Eingreifen konfrontiert ist. Den Ausweg sucht es zumeist in bloßen Appellen und Aufrufen zu Solidarität. Wo die illusionäre Erwartung, dass Menschen sich aus Vernunft freiwillig alle gleich verhalten, dann enttäuscht wird, gleiten Liberale in der Folge oft in Essentialismen à la »der Mensch ist halt egoistisch« und schließlich in seichten Existentialismus oder Nihilismus ab. Wir werden daher auch kaum eine philosophische Revolution erfahren, wie Zizek großspurig ankündigt.

Man hüte sich also davor, in der Krise auf Philosophen zu hören, denn neue Erkenntnisse sind so schnell nicht zu erwarten. Typischerweise schreckt gerade Zizek nicht davor zurück, sich in kühne Virus-Analogien zu verirren, und kommt unter Berufung auf Richard Dawkins und Hegel, man weiß nicht wie, auf abenteuerliche Behauptungen wie: »Der Geist ist ein Virus«.

Wenn aber Hegel für etwas Pate stehen kann, dann dafür, dass sich die Philosophie nicht voreilig in dringliche politische Tagesgeschäfte einmischen sollte. Gegen von Fichte erhobene Forderungen zu konkreten staatlichen Kontrollen betonte daher Hegel in seiner Rechtsphilosophie: »Die unendlich mannigfaltigen Verhältnisse aber, die sich in dieser Äußerlichkeit (…) bilden, dieses unendliche Material und seine Regulierung ist nicht Gegenstand der Philosophie. Sie mischte sich damit in Dinge, die sie nicht angehen; guten Rat darüber zu erteilen, kann sie sich ersparen«. Auch die Eule der Minerva kann noch in Quarantäne bleiben.

Debatte

  • Beitrag von Matthias K. aus W. (27. März 2020 um 08:47 Uhr)
    So richtig und wichtig diese Bemerkungen sind. Doch: Die Pandemie ist kein »reines Naturphänomen«. Das Virus ist eines, doch seine Verbreitung ist Folge der global-kapitalistischen Vergesellschaftung der Natur. Insofern stellt Philosophie (vielleicht nicht diese Philosophen) durchaus akkumuliertes Wissen bereit, auf das zurückgegriffen und das auch genutzt werden kann. Es betrifft die naturgesellschaftlichen Voraussetzungen der Verbreitung und die Reaktionen der Herrschenden und Beherrschten auf der theoretischen, ideologischen, politischen und ökonomischen Ebene. Diese Analysen können und sollten gemacht werden, um einer »Einmischung« dienlich zu sein. Mir ist der gallische Hahn lieber als eine selbstgenügsame Eule. Über ihre Vermittlungsformen darf freilich gestritten werden.

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