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Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 8 / Ausland
Bedrohung für Geflüchtete

»Für viele von ihnen würde das Virus zur tödlichen Gefahr«

An Einhaltung von Hygienestandards ist in Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln nicht zu denken. Ein Gespräch mit Adelheid Gruber
Interview: Kristian Stemmler
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Geflüchtete im mittlerweile berüchtigten Moria-Camp auf der griechischen Insel Lesbos (9.3.2020)

Über die Situation der Geflüchteten an der türkisch-griechischen Grenze wird derzeit kaum noch geredet. Sie haben als »Freundeskreis Alassa and Friends« eine Petition zum Thema Flüchtlingspolitik gestartet. Was fordern Sie?

Erstens die sofortige Evakuierung der EU-Hotspots an den Außengrenzen Europas sowie die Aufnahme und gesundheitliche Versorgung der Flüchtlinge auf Kosten der EU. Zweitens die sofortige Aussetzung aller Abschiebungen und Entlassung aller zwecks Abschiebung Inhaftierten. Die Solidarität, die zu Recht von uns allen in dieser Situation gefordert ist, muss unbedingt auch den Flüchtlingen gelten.

Wie ist die Lage in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln?

Dort leben derzeit 42.000 Menschen – in Camps, die insgesamt für 8.000 Bewohner ausgelegt sind – in menschenunwürdigen Verhältnissen. Hunderte teilen sich Toiletten, Duschen oder Frischwasserzapfstellen. Es werden nicht mal die minimalsten hygienischen Standards erfüllt. Wie sollen da Maßnahmen angewendet werden, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, wie Kontakte vermeiden oder Hände gründlich reinigen? Das ist für die Menschen dort undenkbar! Unter den Bedingungen der Camps ist eine völlig unkontrollierbare Infektionswelle mit dem Virus zu befürchten.

Welche Folgen könnte die Ausbreitung des Coronavirus dort haben?

Durch die exponentielle Ansteckungsrate würden sehr, sehr viele in extrem kurzer Zeit erkranken. Aufgrund der geschwächten Konstitution der Flüchtlinge würde das Virus für viel mehr Menschen zur tödlichen Gefahr werden als in der sonstigen Bevölkerung. Lesbos etwa verfügt aber nur über ein einziges Krankenhaus. Schon für die einheimische Inselbevölkerung ist das zuwenig.

Eine weitere Bedrohung für die Geflüchteten sind Faschisten, die aus ganz Europa angereist sind.

Ja. Auf den Inseln und an der Festlandgrenze tauchen faschistische Schlägertrupps auf, teilweise als sogenannte Bürgerwehren getarnt und unter Billigung der offiziellen Kräfte. Sie gehen sogar bewaffnet gegen Asylsuchende vor. Die Bevölkerung der Inseln hat jahrelang mit beispielhafter Solidarität die Flüchtlinge unterstützt, doch die europäischen Regierungen ließen sie dabei einfach im Stich. Das versuchen Faschisten für ihre rassistische Hetze auszunutzen.

Wie ist die Situation an der türkisch-griechischen Grenze?

Nach wie vor sitzen Tausende dort fest, unter den entsetzlichsten Bedingungen. Auf energischen Protest hin – Brandbriefe, Petitionen, Demonstrationen – wurde mit der kläglichen Zusage reagiert, 1.600 unbegleitete Jugendliche in der gesamten EU aufzunehmen. Doch selbst dies ist noch nicht umgesetzt.

Nach wie vor werden Asylbewerber aus der BRD abgeschoben. Wie ist da die Lage?

Abschiebungen aus Deutschland werden ungerührt weiterhin durchgeführt, zum Beispiel aus dem »Grün-Schwarz« regierten Baden-Württemberg – und die Abgeschobenen vorher noch nicht mal auf das Virus getestet. Die Organisation »Refugees for Refugees« schrieb, dass etwa die für den 14. April und 18. Juni geplanten Abschiebeflüge nach Nigeria offenbar um jeden Preis durchgeführt werden sollen. Dass mit den Deportierten womöglich auch das Coronavirus in bisher von der Pandemie weitgehend verschonte Länder gebracht wird, scheint nicht zu interessieren.

Bevor die Viruskrise die Schlagzeilen beherrschte, hatten viele deutsche Kommunen sich bereit erklärt, Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen, zumindest Kinder und Mütter. Führt die aktuelle Situation dazu, dass nun vermehrt wieder einer Abschottung das Wort geredet wird?

Ich hoffe nicht. Nach wie vor ist die Solidarität mit Flüchtlingen groß: Unsere neue Petition haben innerhalb kurzer Zeit mehr als 1.000 Menschen unterzeichnet, und es werden ständig mehr. Wir setzen als »Freundeskreis Alassa and Friends« auch unter den gegenwärtigen Bedingungen auf die Selbstorganisation der Flüchtlinge und auf internationale Solidarität.

Adelheid Gruber ist Sprecherin des »Freundeskreises Alassa and Friends«, benannt nach dem Kameruner Alassa Mfouapon, der sich für die Rechte Geflüchteter einsetzt

change.org/evakuierung

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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