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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 16 / Sport
Boxen

In Echtzeit

Die Schweiz hat ein Boxmagazin
Von Oliver Rast
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Anfang vom Ende: Aniya Seki (l.) im WBA-Kampf gegen Maribel Ramirez, 17.10.2018

Gegen den Trend ist das allemal: ein Boxsportmagazin gründen, und dann noch in der Schweiz. Dafür muss man schon szenekundig sein. Um so mehr, wenn die Druckseiten großteils mit eidgenössischem Sportinhalt gefüllt werden sollen. Fürwahr eine »Special-Interest-Zeitschrift«. Genau das hat der Herausgeber Leander Strupler aus Bern vor. Quartalsweise sogar.

»Boxen« steht in großen Lettern auf dem Titelblatt, simpel und prägnant. »Faszinierend wie polarisierend«, so sei die Boxwelt, schreibt der Blattmacher im Editorial der Erstausgabe, die Ende 2019 als Leseprobe gratis vertrieben wurde. Der Schweiz habe ein solches Magazin bislang gefehlt, meint Strupler, nun springe er in die Bresche. Offenbar mit Erfolg, denn im Februar erschien die zweite Ausgabe, diesmal müssen Kunden für die Nummer zahlen – genauer: 16,50 Schweizer Franken berappen.

»Schillernde Figur«, »spektakulärer Boxer« – Attribute, die Enrico Scacchia beschreiben. Der Italo-Schweizer galt in den 80er Jahren als einer der talentiertesten europäischen Profis im Halbschwergewicht. Der große Durchbruch blieb aus, der Abstieg indes nicht. Das kurze Scacchia-Porträt in der Auftaktnummer ist mit zeitgenössischen Veranstaltungspostern des Grafikers Claude Kuhn illustriert. Der »entpersonalisierte« die plakativen Anschläge, verzichtete auf Fotos der Athleten. Statt dessen überwiegen bonbonfarbene, metaphorische Grafiken.

Ebenfalls porträtiert wird Aniya Seki. 1979 in Tokio geboren, in Bern aufgewachsen, absolvierte sie seit 2008 42 Profikämpfe, verlor nur vier. Zwischenzeitlich trainierte die an Bulimie erkrankte Boxerin in Berlin unter Meistertrainer Ulli Wegner. Einen WM-Kampf bei der WBA ergatterte sie im Oktober 2018, die klare Niederlage nach Punkten leitete ihr Karriereende ein.

Literaten, Drehbuchschreiber, Filmregisseure – der Zweikampf im Seilquadrat inspirierte Kunstproduzenten schon immer. Darum geht es im Aufmacher der zweiten Boxen-Ausgabe. Kitsch statt Kunst ist Sylvester Stallones Pose auf dem Cover, bekannt aus dem Streifen »Rocky III«. Gelungener hingegen ist das Gespräch mit Xavier Zuber, dem Opern- und Konzertdirektor des Berner Symphonieorchesters und Stadttheaters. Zuber macht sein Haus auch zur Boxbühne. Warum? »Boxen und Theater sind Darbietungen in Echtzeit.«

Da passt der Verweis im Heft auf Bertolt Brechts Kurzgeschichte »Der Kinnhaken« gut. Brecht lässt seinen erzählenden Protagonisten spüren, zu viel Bedacht kann zum Niederschlag führen – treffsicher sagt der: »Vorsicht ist die Mutter des K. o.«

Boxen, 45 Seiten, 16,50 Franken (ca. 15,60 Euro)

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