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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 5 / Inland
Welthandel

Zum Erfolg getrickst

Terminalbetreiber im Hamburger Hafen bilanziert steigenden Containerumschlag – dank Zukäufen
Von Burkhard Ilschner
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Im Hamburger Hafen wird auch während der Coronapandemie Fracht verladen (24.3.2020)

In der Hafenwirtschaft geht es anscheinend nicht ohne ein bisschen Schummelei: Obwohl die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), die überwiegend staatseigene Terminalbetreiberin der Elbmetropole, laut ihrem gestern veröffentlichten Geschäftsbericht mit dem Jahr 2019 eigentlich ganz zufrieden sein kann, werden doch ein paar Angaben etwas geschönt. An den drei hamburgischen Containerterminals Altenwerder, Burchardkai und Tollerort seien im vergangenen Jahr 6,964 Millionen TEU (twenty foot equivalent unit: Standardmaß für Container) umgeschlagen worden, bilanziert die HHLA – angesichts des Vorjahresergebnisses von 6,885 Millionen TEU ein »leichter Anstieg im Umschlagsvolumen um 1,2 Prozent«.

Tatsächlich relativiert sich dieser Zuwachs von rund 79.000 TEU sehr schnell, wenn man berücksichtigt, dass die ebenfalls teilstaatliche Reederei Hapag-Lloyd – Hamburg gehören 13,9 Prozent des mittlerweile multinationalen Konzerns – Anfang 2019 in einem viel beachteten Schachzug vier Nordatlantikdienste von Bremerhaven nach Hamburg verlegt hatte. Das sollte erklärtermaßen den Umschlag am HHLA-Terminal Altenwerder, an dem Hapag-Lloyd beteiligt ist, stärken. Den Bremerhavenern ging so ein Umschlagsvolumen von jährlich rund 500.000 TEU verloren.

Der Coup – ohne ihn hätten die drei HHLA-Terminals an der Elbe 2019 mehr als 400.000 TEU Umschlag eingebüßt – dokumentiert übrigens trefflich das nicht enden wollende Gefeilsche der norddeutschen Häfen um Marktanteile, das ihre Position gegenüber den großen Terminals im Nordwesten Europas kontinuierlich schwächt. Als Anfang dieses Jahres Bremerhaven bekanntgab, dass die dänische Reederei Maersk einer Linienverbindung mit Indien, Dubai und Saudi-Arabien den bisherigen Stopp in Hamburg streicht und so deutlich mehr Ladung in Bremerhaven umschlagen lässt, war an der Weser sogleich von einem »wichtigen Zeichen für den Standort« die Rede. Immerhin geht es in diesem Falle um jährlich zwischen 75.000 und 150.000 TEU, sozusagen ein kleiner Ausgleich für den Hapag-Lloyd-Coup.

Zurück zur HHLA: Die Verschiebungen zwischen den großen Konkurrenten relativieren auch die offiziellen Zahlen, die das Statistische Bundesamt Anfang der Woche präsentiert hatte. Demnach sank im vergangenen Jahr der gesamte Containerumschlag aller deutschen Häfen um rund 0,5 Prozent: von 15,135 Millionen TEU 2018 auf 15,061 Millionen TEU im vergangenen Jahr. Der Hamburger Hafen – neben der HHLA betreibt auch Eurogate dort noch einen Terminal – verzeichnete dabei 2019 mit 9,258 Millionen TEU ein Plus von knapp 6,1 Prozent gegenüber 2018, als 8,726 Millionen TEU umgeschlagen wurden.

Auffallend ist zudem, dass die HHLA-Bilanz einen »deutlichen Rückgang« des Zubringerverkehrs in den Ostseeraum verzeichnet. In der Umschlagsstatistik wird ein Container, der von Übersee kommend in einem hiesigen Hafen vor dem Weitertransport auf einen Feeder (Zubringerfahrzeug) umgesetzt wird, doppelt gezählt – an Bord des einen und des anderen Schiffes. Seit einigen Jahren schon ist aber dieses »Feedern« rückläufig: Die Linienverbindungen von immer mehr Reedereien enden nicht (wie früher) in deutschen Nordseehäfen, sondern in der Ostsee – direkt, via Skagen. Der enorme Ausbau dortiger Containerterminals bei zunehmenden Schiffsgrößen macht das wirtschaftlicher als die kürzere Verbindung via Nord-Ostsee-Kanal.

Insgesamt bilanziert die HHLA für 2019 einen Konzernumsatz von 1,38 Milliarden Euro, ein Plus von 7,1 Prozent gegenüber 2018 mit 1,29 Milliarden Euro. Knapp 800 Millionen Euro davon wurden auf den Terminals erwirtschaftet, fast 487 Millionen Euro entfallen auf Hinterlandverkehr mit konzerneigenen Bahngesellschaften sowie lokale und regionale Transporte per Lkw. Fürs laufende Geschäftsjahr indes zeigt man verhaltenen Pessimismus: Die Coronapandemie bedeute eine »Herausforderung in einer bisher nie dagewesenen Dimension«.

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